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Anton Legner zum 90. : Saturday-Mittelalter-Fieber

Anton Legner Bild: Greven Verlag Köln

Der Mittelalterbegeisterung in den siebziger und achtziger Jahren gab er mit seinen prachtvollen Ausstellungen Impulse bis in die heutige Zeit. Dem Kunsthistoriker Anton Legner zum Neunzigsten.

          2 Min.

          Es ist heute nicht mehr zu rekonstruieren, was in den siebziger und frühen achtziger Jahren jenes veritable Mittelalterfieber in Deutschland ausgelöst hat, das bis heute in Form von Mittelalterfesten oder rundköpfigen fränkischen Plastikrittern in aufgeregten Kinderhänden weiterschwelt. War der Auslöser die bleierne Zeit um den Herbst 1977 herum und damit eine eskapistisch-historistische Sehnsucht nach seligeren Zeiten, oder waren es die ungekannt phantastischen Ausstellungen zur mittelalterlichen Kunst, die eine absolut nicht finstere, im Gegenteil sogar prächtig glänzende Epoche vorstellten?

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn es die Überzeugungskraft der hier gezeigten Objekte gewesen sein sollte, trägt ein Kunsthistoriker daran wesentlichen Anteil, dem dies bei seiner Geburt als Hotelierssohn im südböhmischen Gmünd-Wielands nicht in die Wiege gelegt wurde. Schon seine erste Blockbuster-Ausstellung im Kölner Schnütgen-Museum, dessen Direktor er von 1970 bis 1990 war, ließ die Frage nach Henne oder Ei der Mittelalterbegeisterung zusammenschmelzen: Legner war mit der Ausstellung „Rhein und Maas. Kunst und Kultur, 800–1400“ der goldene Hahn im reichbestückten Korb der rheinischen Romanik. Vom Sommer 1972 an brach das samstagnachmittägliche und sonntägliche Fieber fürs Mittelalter aus, weil anhand hochqualitätvoller Goldschmiedearbeiten und anderer Kleinkunstobjekte die Kunst des handelsreichen Rhein-Maas-Deltas erstmals in einer kulturellen Vogelschau in den Blick genommen wurde. Mit „Rhein und Maas“ wurde das „Schnütgen“ gewissermaßen Pflichtprogramm für jeden halbwegs an der Kultur des Mittelalters Interessierten.

          Nach einer umfassenden und wohl auch ein wenig nostalgischen „Parler“-Ausstellung, in der die vormoderne Baumeisterdynastie des Prager Veitsdoms, der Kirche von Kuttenberg, aber auch von Schwäbisch Gmünd präsentiert wurde, kam der Höhepunkt seiner Laufbahn. Nach jahrelanger und beispielloser Zusammenarbeit fast aller maßgeblichen Mediävisten konnte Legner 1985 die Ausstellung „Ornamenta Ecclesiae“ der Öffentlichkeit übergeben. Eine Art Prozession führte den Besucher entlang jedes noch so kleinen Ausstattungsdetails einer romanischen Kirche, von den Glasfenstern bis zu den mobilen liturgischen Geräten. Der dreibändige Katalog ist mit seinen 1153 Seiten ein heute noch gültiges Referenzwerk. Wie schon bei „Rhein und Maas“ flossen auch in seinem zweiten Forschungsgebiet neben dem „Mittelalter“, den Reliquien in Kunst und Kult, wiederum böhmische Herkunft und Genius Loci Kölns zusammen. Seit Jahren forscht und schreibt Legner zu den oft kuriosen Überresten verehrter Verstorbener, von der Antike bis heute. Finden sich schon in Böhmen ganze Kapellen voll kunstfertig aufgetürmter Knochenaltäre, so birst seine neue Wahlheimat Köln regelrecht vor Reliquien der Heiligen Drei Könige oder Ursulas und ihrer elftausend Jungfrauen.

          Bleiben auch naturgemäß die eigenen Knochen vom Alter nicht unberührt, so feiern doch Legners assimilierter kölscher Frohsinn und Witz heute ungebrochen seinen neunzigsten Geburtstag in der geliebten Domstadt.

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