https://www.faz.net/-gyl-9j7s4

David Reich in der Kritik : Die Frühgeschichte Ozeaniens umschreiben?

  • -Aktualisiert am

Am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig wird eine Knochenprobe für DNA-Analysen entnommen. Bild: Picture-Alliance

Wenn in den letzten Jahren Spektakuläres zu altem Erbgut veröffentlicht wurde, war David Reich beteiligt. Doch der jüngste Artikel des Stargenetikers erfährt Kritik. Hat die Zeitschrift „Nature“ ihre Standards verletzt?

          3 Min.

          David Reich ist ein Superstar der Wissenschaft. Der Genetiker der Universität Harvard war führend an den wichtigsten Studien der „ancient DNA Revolution“ beteiligt, die unser Bild der Menschheitsgeschichte verändert. Von den Denisova-Menschen über die Vermischung unserer Vorfahren mit den Neandertalern bis zu den Wanderungen der Indoeuropäer: Wann immer im letzten Jahrzehnt Aufsehenerregendes zu altem Erbgut publiziert wurde, hatte Reich die Untersuchung geleitet oder mitgewirkt. Der Öffentlichkeit ist er zudem durch ein populäres Buch bekannt („Who We Are and How We Got Here“. Ancient DNA and the New Science of the Human Past. Pantheon, New York 2018). Die Publikation begleitete die „New York Times“ intensiv, unter anderem mit einem Beitrag von Reich selbst. Darin forderte er, auf wissenschaftlicher Basis über genetische Unterschiede zu sprechen, anstatt das den Rassisten zu überlassen. Die Reaktionen fielen kontrovers aus, aber das Buch wurde zum Bestseller.

          Doch nun werden in einer neuen Story schwere Vorwürfe anderer Art gegen den Stargenetiker erhoben, und zwar wieder in der „New York Times“. In deren Sonntagsmagazin erschien am 20. Januar eine Reportage mit dem Titel „Game of Bones“. Sie widmet sich der Frage nach der ersten Besiedlung des östlichen Ozeaniens. Der Verfasser, Gideon Lewis-Kraus, dessen autobiographisches Sachbuch „A Sense of Direction“ 2013 in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschien, ist „writer at large“ der illustrierten Beilage, also ein fester Mitarbeiter für die besonderen Geschichten. Wie im Genre üblich, bietet seine Story viele atmosphärische Details. Auch Reich wird ausführlich porträtiert, und zwar zunächst in scheinbar bewundernder Weise. Erst nach einigen Seiten ändert sich das. Nun wird klar, dass Lewis-Kraus nicht eine weitere Hymne auf den Genetiker schreiben, sondern auf etwas ganz anderes hinauswill.

          Lewis-Kraus wirft Reich vor, in einer Studie in der Zeitschrift „Nature“ auf dünner Grundlage weitreichende Schlussfolgerungen zu treffen, mit denen er arrogant den bisherigen interdisziplinären Forschungskonsens für obsolet erkläre, wonach die ozeanische Inselwelt vor rund 3000 Jahren durch eine austronesisch-papuanische Kultur besiedelt wurde. Diese Mischkultur-Theorie entspricht sowohl archäologischen Befunden wie auch Analysen der DNA heutiger Ozeanier. Reich jedoch brachte erstmals aDNA ins Spiel, die er aus Schädeln aus der Zeit der Besiedlung von Vanuatu und Tonga entnommen hatte. Das galt in den Tropen bis vor kurzem noch als völlig unmöglich. So spektakulär wie der technische Erfolg Reichs war auch das eigentliche Resultat: Denn die Proben zeigten eine fast ausschließlich austronesische Abstammung dieser Urbewohner – also keine Spur von einer echten Mischkultur. Ergo sei die Frühgeschichte Ozeaniens umzuschreiben.

          Allerdings beruhte all dies nur auf vier Samples, was Skepsis hervorrief. Eigentlich waren es bei der ersten Einreichung der Studie sogar nur drei, alle aus einer Stätte in Vanuatu. An diesem Punkt, bei der Einreichung bei „Nature“, legt Lewis-Kraus nun gegen Reich weiter nach: Er beschuldigt ihn beziehungsweise das Journal, massiv gegen Begutachtungsstandards verstoßen zu haben. Denn tatsächlich war die Studie dort zunächst skeptisch aufgenommen und abgelehnt worden. Reich legte sie verändert vor, unter anderem ergänzt um das Sample aus Tonga, nur um wieder keine einhellige Zustimmung der Gutachter zu erhalten, wie jedenfalls Lewis-Kraus unter Bezug auf ihm angeblich vorliegende Review-Unterlagen schreibt. Gleichwohl druckte „Nature“ die Studie. Die Redaktion habe also ihre Regeln für den Star außer Kraft gesetzt.

          Auf die Vorwürfe hat Reich öffentlich reagiert. Er sagt, dass der Review-Prozess zwar ungewöhnlich war, aber letztlich wissenschaftlichen Standards entsprach, weil ein zusätzlich hinzugezogener Gutachter die Publikation entschieden befürwortet habe. Gegen die „New York Times“ erhebt Reich Gegenvorwürfe, weil der gemäß den Standards des amerikanischen Magazinjournalismus vorgenommene Faktencheck unzureichend gewesen sei. „Nature“ verweigert unter Verweis auf die Vertraulichkeit Auskünfte. Es ist also schwer zu entscheiden, ob hier ein Skandal oder doch nur eine Skandalisierung vorliegt.

          Diskussionen hervorrufen werden gewiss auch Beobachtungen von Lewis-Kraus, die über diese Einzelstudie hinausweisen und die Verfassung des Ancient-DNA-Forschungsfeldes insgesamt betreffen. Gestützt auf Gespräche mit vielen, allerdings meist anonymen Wissenschaftlern. behauptet er, dass vier Laboratorien weltweit ein Oligopol auf die Hightech-Analyse von aDNA hätten, und damit auf die Spitzenpublikationen. Die tonangebenden Genetiker missachteten dabei generell die Leistungen anderer Disziplinen, namentlich der Archäologie, und sie überschätzten die Kraft ihrer eigenen Datenbasis, wenn sie meinten, Forschungsstände ad hoc revidieren zu können.

          Zum Oligopol zählt Lewis-Kraus auch zwei deutsche Institute, die Max-Planck-Institute für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und für Menschheitsgeschichte in Jena (letzterem bescheinigt er jedoch zumindest eine bessere interdisziplinäre Haltung). Insofern dürfte die Debatte um den Artikel auch hierzulande durchaus lebhaft geführt werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Jerome Powell hat seine Einschätzungen zur Inflation inzwischen verändert.

          Geldpolitik : Fed fürchtet hartnäckige Inflation

          Amerikas Notenbank prüft eine raschere Straffung ihrer Geldpolitik. Ihr Präsident Jerome Powell hält den Preisanstieg nicht mehr nur für vorübergehend.
          Verschneit: das Dorf Keele in der Grafschaft Staffordshire

          Pub-Gäste sind abgereist : Noch immer Zehntausende Briten ohne Strom

          Die Folgen von Sturm „Arwen“ sind Großbritannien noch zu spüren. Die rund 60 Gäste, die sich die Zeit drei Tage in einem eingeschneiten Pub mit Brettspielen und Karaoke vertrieben, sind allerdings abgereist - nachdem sie ihre Autos ausgebuddelt hatten.