https://www.faz.net/-gyl-9da7o

Ausgewiesener Student : „Erschreckend, was diese Menschen durchmachen“

David Missal Bild: dpa

Der deutsche Student David Missal wurde nach Recherchen über Menschenrechtsanwälte in China des Landes verwiesen. Im Gespräch schildert er die paradoxe Situation, in einem Land ohne Pressefreiheit Journalistik zu studieren.

          5 Min.

          Seit wann sind Sie zurück in Deutschland?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit gestern Abend um 19.20 Uhr.

          Hat Ihre Ausweisung auch in China Reaktionen hervorgerufen? Es gab ja schon einen Artikel in der Global Times über Sie.

          Den Artikel in der Global Times habe ich bisher nur überfliegen können.

          Hatten Sie in den letzten Wochen damit gerechnet, ausgewiesen zu werden? Ihre Recherchen über die Arbeit von Menschenrechtsanwälten in China fanden in einer Grauzone statt – Sie behandelten das Thema im Rahmen eines Journalistik-Studiums in Peking, es war Ihren chinesischen Dozenten auch bekannt, Sie hatten aber keine Arbeitserlaubnis und kein Journalistenvisum.

          Genau. Das Thema habe ich im Rahmen eines Seminars behandelt. Mir war schon klar, dass es bei meinen Recherchen zu Komplikationen kommen könnte. Dass es tatsächlich dazu kam, hat mich aber überrascht. Ich dachte schon, dass ich im Rahmen eines Studienganges solche Recherchen durchführen darf.

          Die chinesischen Dozenten standen dem Thema zunächst offen gegenüber?

          Der Kurs wurde von einem Amerikaner abgehalten, er gab mir das Okay. Erst im Zuge meiner Recherchen hat die chinesische Institutsleitung über die für mich zuständige Professorin ausrichten lassen, dass sie nicht glücklich damit sei, dass ich dieses Thema behandle.

          Sie haben unter anderem vor einem Gefängnis in Wuhan einen Menschenrechtsanwalt gefilmt – und wurden von der Polizei verhaftet. Wie genau ging das vor sich?

          Nachdem ich eine halbe Stunde gefilmt hatte, fuhr ein Polizeiauto vor und mir wurde eindrücklich nahegelegt, dass ich besser einsteigen solle. Gezwungen wurde ich allerdings nicht. Auf der Station ließ man mich erst einmal drei Stunden lang warten. Irgendwann kam der Anwalt, den ich in Wuhan gefilmt hatte, dazu. Dann wurde zunächst er befragt, und ich konnte schließlich die Polizeistation verlassen.

          Sie haben sich geweigert, die Filmaufnahmen auszuhändigen?

          Ja, weil ich gegen kein chinesisches Gesetz verstoßen habe. In China darf man vor Gefängnissen durchaus filmen. Man konnte mir auch nicht genau sagen, warum ich die Filmaufnahmen aushändigen sollte.

          Wie konnten Sie sich so sicher sein, dass Ihr Auftreten nicht gegen chinesisches Recht verstößt?

          Ich hatte eine chinesische Kommilitonin, die an meiner Uni Jura studiert, gefragt.

          Was haben Ihre Recherchen über die Verfolgung von Menschenrechtsanwälten ergeben? Was hat sie zu dem Thema motiviert?

          Mich hat erstaunt, dass diese Menschen nicht aufhören, ihrer Arbeit nachzugehen, obwohl sie wissen, was auf sie zukommen kann. Sie übernehmen nach einer Verhaftungswelle vor drei Jahren in den eigenen Reihen nach wie vor Fälle, die die chinesische Regierung nicht gerne sieht. Ich habe mit der Frau eines inhaftierten Anwalts gesprochen. Es ist erschreckend, was diese Menschen durchmachen, Tag für Tag.

          Mit welchen Fällen beschäftigen sich die Anwälte, mit denen Sie gesprochen haben?

          Sie sind vor allem der Meinung, dass jeder Mensch ein Recht auf einen Anwalt hat, auch in China, und vertreten daher auch Verfolgte aus der Falun-Gong-Bewegung, aus Untergrund-Kirchen oder Menschen, die China öffentlich kritisieren. Dieser Kreis an Menschen ist gut vernetzt, wenn jemand aufgegriffen wird, wird das relativ schnell bekannt und die Anwälte kümmern sich.

          Ist durchschaubar, in welchen Fällen Anwälte selbst inhaftiert werden? Gibt es eine erkennbare Linie?

          Absolut nicht. Das ist der entscheidende Unterschied zu Deutschland. China ist kein Rechtsstaat. Es hat System, dass man den Menschen nicht genau sagt, was sie dürfen und was nicht. Es herrscht Willkür.

          Wie haben Ihre Mitstudenten und weitere Dozenten auf Ihr Interesse an Menschenrechtsanwälten reagiert?

          Ich wurde von meiner Betreuerin im Namen des Instituts zweimal einbestellt. Sie überbrachte mir jedesmal die Nachricht, dass die Institutsleitung nicht erfreut sei. Die Dozentin selbst wirkte auf mich hin- und hergerissen. Die Kommilitonen, mit denen ich befreundet bin, alles Leute, die kritisch denken, haben mich unterstützt und gesagt: Das ist mutig und gut, das sollte man machen.

          Gab es auch Warnungen?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Besucherinnen bei der Kampagnenveranstaltung Donald Trumps Mitte September in Phoenix.

          Wahlkampf in Amerika : Mein Latino, dein Latino

          Amerikas Demokraten haben im Wahlkampf Arizona, einst eine republikanische Bastion, im Visier. Der demographische Wandel ist auf ihrer Seite. Doch Donald Trump hält dagegen.
          Pandemie in der Luft: Eine Flugbegleiterin auf einem Flug von Kairo nach Scharm al Scheich

          Reisewarnungen wegen Corona : Wie wird eine Region zum Risikogebiet?

          Das Auswärtige Amt tüftelt an den neuen Regeln für Reisen während der Corona-Pandemie. Einige Warnungen könnten wegfallen. Aber das ist kein Grund für allzu große Freude mit Blick auf Herbst- und Winterferien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.