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Sachbuch zur sozialen Herkunft : Alles eine Frage der Klassenlage?

Wo das Sein das Bewusstsein bestimmt: Auf der Kundgebung am ersten Mai wie hier in Freiburg hat niemand Scheu, seine Klasse zu zeigen. Bild: dpa

Was eine interessante Milieustudie zur Mittelschicht hätte werden können, gerät zu einem diskussionswürdigem Rückblick auf die Rolle feiner und weniger feiner Unterschiede: Daniela Dröscher schreibt eine Autobiographie in gesellschaftskritischer Absicht.

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          „Als Kind wollte ich Clown werden.“ So beginnt Daniela Dröscher ihr Buch. Die Schriftstellerin, Jahrgang 1977, entschloss sich dazu, ein autobiographisches Buch in gesellschaftskritischer Absicht zu schreiben. „Zeige deine Klasse“, appelliert der Titel, und Dröscher geht mit gutem Beispiel voran, indem sie die Geschichte ihrer „sozialen Herkunft“ erzählt. Und die findet statt in der „ganz normalen“, weißen, westdeutschen „Mittelklassen-Realität der 1980er- und 90er-Jahre“.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Dröscher wächst in einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz auf, ein Einzelkind, behütet, es ist von allem genug da. Ihre Eltern, beide nach dem Krieg geboren, sieht sie als Angehörige des „westdeutschen Wirtschaftswunder-Aufsteigermilieus“. Ihre Mutter, Tochter eines schlesisch-deutschen Bergmanns, arbeitet als Fremdsprachenkorrespondentin, ihr Vater, Sohn rheinlandpfälzischer Bauern, ist Maschinentechniker. Sie haben es geschafft, wohnen, bevor sie ein eigenes Haus bauen, im Elternhaus des Vaters, der in der Wahrnehmung seiner Tochter seine „unwillkürlich bäuerlichen Gesten“ behält, aber hinter sich gelassen hat, was ein Leben in materieller Not prägt: „Sie hatten als Kind nichts gehabt, also sollte ich alles haben.“

          Und doch wird Daniela Dröscher ihre Herkunft und die ihrer Eltern nicht los – auch das nicht, wofür sie sich schämt: „dicke Mutter, Dorf, Dialekt“, die „drei Ds“ ihres „Schamdreiecks“. Und so kommt es, wie man es sich schon denken kann: Die Schullaufbahn bereitet ihre Emanzipation vor, mit dem Wechsel aufs Gymnasium, den sie als entscheidenden „Akt im Drama meiner sozialen Geburt“ beschreibt, homogenisiert sich das Umfeld Dröschers zunehmend und verringert die Anzahl derjenigen, die sozial schlechter gestellt sind und in ihr eine „Scham nach unten verursachen“; ein nochmaliger Schulwechsel lehrt sie „die Scham nach oben“, was sie nicht davon abhält, in Trier Germanistik, Anglistik und Soziologie zu studieren. Die Scham wird geringer, verschwindet aber nie ganz, Dröscher fühlt sich minderwertig im Kreis von Kommilitonen, die aus einem Bildungshaushalt kommen, hadert mit sich, macht aber weiter, ist frei, verreist viel, promoviert, entschließt sich, das Schreiben zum Beruf zu machen.

          An allem ist das Milieu schuld

          Das ist der biographische Rahmen: eine gewöhnliche Lebensgeschichte in einer friedlichen Gesellschaft, die stetig ihren Wohlstand vermehrt. Die Idee, daraus ein Buch zu machen, muss nicht schlecht sein. Interessant ist etwa die Feststellung, es brauche vier Generationen, bis ein Milieuwechsel vollzogen ist. Interessant ist es auch, „die feinen Unterschiede“ zu sehen, wie der Soziologe Pierre Bourdieu die sozialisationsbedingten Ausformungen des „Habitus“ genannt hat, des schichtspezifischen Auftretens und Selbstverständnisses, des Geschmacks, der Gewohnheiten. Die Frage ist allerdings, wie man so etwas erzählt. Und genau daran scheitert Dröschers Buch.

          Das liegt am Stil, an sprachlichen Ungenauigkeiten, an der Form. Regelmäßig unterbricht die Autorin den Haupttext durch eine störende „Liste“, die sie als „wichtige Gefährtin“ ihres Erzählens bezeichnet. Dazu kommen Fußnoten, die nicht Fußnoten im eigentlichen Sinne sind, sondern willkürliche Assoziationen, die unbeholfen wirken, zumeist redundant, manchmal naiv und mitunter auch peinlich sind.

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