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Status quo vadis? : Das Latinum ist zum Etikettenschwindel geworden

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Wer streckt die Waffen? Inschrift auf der Columna Rostrata (Rostrasäule) über den ersten römischen Sieg gegen die karthagische Flotte bei Mylae im Jahr 260 vor Christus. Bild: picture alliance / akg-images / Nimatallah

Sinkende Vorgaben, niedrigschwellige Alternativen: Das Latinum ist kein Beleg für Lateinkenntnisse mehr. Die Verantwortung dafür tragen nicht nur die Schulen. Ein Gastbeitrag.

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          Es gebe gravierende Mängel, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angehe, konstatierte im Juni 2019 der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz Peter-André Alt. Diese Feststellung wurde wenige Monate vor Beginn der Corona-Pandemie getroffen. Der dadurch bedingte Unterrichtsausfall und Distanzunterricht haben das Pro­blem, dass Abiturienten oftmals unzureichende Kenntnisse für die Aufnahme eines Universitätsstudiums mitbringen, zwar verschärft, aber keineswegs verursacht. Die kontinuierliche Absenkung des Leistungsniveaus an Gymnasien ist ein Prozess, der seit Jahrzehnten andauert. Häufig werden die unzulänglichen mathematischen Kompetenzen von Erstsemestern in naturwissenschaftlichen Fächern beklagt. Und in praktisch allen Studiengängen ist zu beobachten, dass immer weniger Studenten in der Lage sind, einen annähernd fehlerfreien deutschen Text zu formulieren.

          So gut wie nie wird in diesem Zusammenhang das Fach Latein genannt. Es gilt immer noch als ein Hort traditioneller Bildung, der den Strömungen des Zeitgeistes so widersteht wie bei Asterix das gallische Dorf den Römern. Leider entspricht dieses Wunschbild immer seltener den Tatsachen. Studenten, die auf der Schule das Latinum erworben haben, unter Umständen sogar mit einer ordentlichen Note, sind häufig nicht in der Lage, ohne massive Hilfestellung seitens des Dozenten einen leichten bis mittelschweren lateinischen Prosatext zu übersetzen, zum Beispiel von Autoren wie Caesar, Cicero, Seneca oder Nepos. Grundlegende grammatische Phänomene wie die Unterscheidung von Wortarten und Satzteilen sind ihnen ebenso wenig vertraut wie die entsprechende Terminologie. Die Bestimmung von Wortformen scheitert daran, dass die einschlägigen Formentabellen nie richtig memoriert wurden. Da bei Klausuren in der Schule und in universitären Prüfungen anders als früher Lexika benutzt werden dürfen, ist auch die Motivation zum Vokabellernen schwach ausgeprägt. So verbringen Studenten bei Übersetzungsaufgaben einen erklecklichen Anteil der Klausurzeit damit, zahlreiche Vokabeln im Wörterbuch nachzuschlagen, aus dem dort angebotenen Spektrum von Bedeutungen auf gut Glück eine auszusuchen und die einzelnen Wörter dann unter Vernachlässigung der Wortendungen zu einem mehr oder weniger sinnvollen Satz zu kombinieren.

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