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: Das Interesse hält nur fünf Minuten an

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Tresckow

Auslandsmitarbeiter haben bei der Rückkehr mit der Heimat zu kämpfen - beruflich und privat. Viele Heimkehrer erwartet das, was die Amerikaner „reverse culture shock“ getauft haben, den umgekehrten Kulturschock.

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          „Ich bin nicht verrückt - oder etwa doch?“ fragt die Nutzerin eines Internetforums verzweifelt. Nach vielen Arbeitsjahren in Japan, London und Hongkong war die Heimat bei der Rückkehr fremd, die Begrüßung kühl bis abweisend. Die Arbeitssuche gestaltete sich trotz dreier fließend gesprochener Sprachen schwierig, und der große Erfahrungsschatz aus den verschiedenen Ländern schien plötzlich wertlos. Auch Jahre nach ihrer Rückkehr fühlt sich die Frau noch fremd.

          „Die Rückkehr ist das Schwierigste am Auslandseinsatz“, sagt Ian Mann, Geschäftsführer von ECA International, einem Beratungsunternehmen, das international tätige Unternehmen beim Management der sogenannten „Expatriates“ berät. Wer als Mitarbeiter eines Unternehmens für mehrere Jahre ins Ausland geht, bereitet sich meist gründlich vor: Sprache, Sitten, Wohnmöglichkeiten werden genau erkundet, der neue Posten im anderen Land ist oft ein Fortschritt in der Laufbahn. Steht die Rückkehr an, waltet weniger Sorgfalt. Und so erleiden viele Heimkehrer das, was die Amerikaner „reverse culture shock“ getauft haben, den umgekehrten Kulturschock. Sie selbst sind nicht mehr dieselben, die Heimat hat sich verändert, und im Beruf läuft auch vieles anders als erwartet.

          „Kulturschock ist das richtige Wort“, sagt ein IT-Spezialist aus Süddeutschland, der mit Frau und Sohn für dreieinhalb Jahre im Staat New York war und nicht genannt werden möchte. Von der lieblosen Verkäuferin im Supermarkt über die halb so große Parklücke bis hin zu den kleinen Ortschaften mit ihren engen Straßen reicht die neue Fremdheit. Der Heimkehrer schreckt auf, wenn der Vordermann die Tür achtlos zufallen läßt. „Die Leute kommen einem kühl vor“, sagt er.

          „Back home”: amerikanischer Soldat nach Irak-Einsatz
          „Back home”: amerikanischer Soldat nach Irak-Einsatz : Bild: AP

          „Das Thema Rückkehr wird vernachlässigt“

          China, Marokko, Finnland und Schweden hat Brigitte Hild in 13 Jahren Leben im Ausland kennengelernt. Zuerst als Berufstätige, später als Ehefrau und Mutter. Als sie nach Deutschland zurückkehrte, brauchte sie länger als ein Jahr, um sich wieder richtig heimisch zu fühlen. „Als Faustregel kann man sagen: Es braucht etwa ein Jahr, bis man wieder richtig angekommen ist. Dann hat man alle wichtigen Termine wie Geburtstage einmal erlebt.“ Das sagt sie heute als Expertin, denn schon während ihrer Zeit im Ausland beschäftigte sie sich mit den Problemen des Entsandtendaseins. Nach ihrer Rückkehr gründete sie die Agentur „Going Global“ in Kronberg im Taunus, mit der sie Auslandsmitarbeiter online berät und betreut.

          Zwar schenken sowohl Unternehmen als auch die Entsandten selbst der Frage, wie es in der Heimat weitergeht, inzwischen mehr Aufmerksamkeit. Dennoch sagt Brigitte Hild: „Das Thema Rückkehr wird immer noch vernachlässigt.“ Dabei kann die Vorbereitung auf die Rückkehr gar nicht früh genug beginnen. Und Hild sieht dabei zunächst einmal eine „Bringschuld“ des Mitarbeiters: „Man muß PR in eigener Sache machen.“ Das bedeutet: Bei jeder Heimreise, auch beim privaten Weihnachtsurlaub, im Unternehmen vorbeizuschauen. Es bedeutet, sich auch vom Ausland aus ins Gespräch zu bringen und auf die eigenen Leistungen aufmerksam zu machen.

          „Stay in touch“ heißt das Motto für den Beruf genauso wie für das Privatleben. Das gelingt allerdings nicht immer. Dann kommen die Familien aus der Fremde zurück, wollen von ihren tollen Erfahrungen und Erlebnissen erzählen - und stoßen auf taube Ohren. „Das Interesse der Daheimgebliebenen dauert fünf Minuten“, sagt Christine Postl trocken. Sie leitet die Abteilung „Cross Cultural Training“ bei Berlitz. Die Auslandserfahrungen der Heimgekehrten wirken auf diejenigen, die nicht weg waren, fremd und nicht nachvollziehbar; der Erzähler wirkt wichtigtuerisch. Umgekehrt erscheinen Menschen ohne Auslandserfahrung dem ehemaligen Entsandten provinziell und langweilig.

          „Heimat ist Heimat“

          Auf Erfahrungen wie das Desinteresse werden Entsandte bei Berlitz in „Relocation“-Seminaren vorbereitet. Acht bis zehn Prozent der Seminare aus dem interkulturellen Bereich machten in Deutschland die Rückkehrer-Seminare aus, schätzt Postl. In den zweitägigen Seminaren sollen der Entsandte und seine Familie zunächst berichten, welche Erwartungen sie an die Heimat haben. Diese werden dann mit dem tatsächlich zu Erwartenden abgeglichen. „Je offener der Coach die Rückkehrer darauf vorbereitet, daß sie häufig auf Gleichgültigkeit und gelegentlich sogar auf Ablehnung stoßen könnnen, desto geringer ist später die Enttäuschung.“

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