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Sozialer Zusammenhalt : Wer ist „Wir“?

Koordinierte Einzelgänger? Passanten in der Stuttgarter Innenstadt Bild: dpa

Die Bundesregierung lässt den sozialen Zusammenhalt in einem neuen Institut erforschen. Die Wissenschaft wird dafür politisch in die Pflicht genommen.

          3 Min.

          In den Sozialwissenschaften, so war jüngst zu lesen, sind Kollektivbegriffe in die Krise geraten, bis hin zum Begriff der Gesellschaft selbst. Von Kultur, Klasse, sogar Gruppe wird nur mit Vorsicht gesprochen, was teils mit der Mobilisierung der Gesellschaft wie mit der Verflüchtigung wissenschaftlicher Kategorien zu tun hat.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Das am Montag gestartete Forschungsinstitut gesellschaftlicher Zusammenhalt ist für die betroffenen Wissenschaftler damit auch ein Gegenstand der Selbstreflexion – eine Wissenschaft, in der Zusammenhalt selbst zur raren Ressource geworden ist. Für den Verlust kollegialer Solidarität wird die kurzatmige Projektforschung verantwortlich gemacht, die Wissenschaftler zu ständigen Antragsstellern und Konkurrenten um Gelder macht.

          Ironischerweise wird sich das neue Institut in genau dieser Situation wiederfinden. Denn ein Institut ist es nicht, vielmehr ein Netzwerk von elf Forschungseinrichtungen, die von Konstanz über Leipzig bis Berlin auf je eigene Weise die sozialen Fliehkräfte erforschen wollen. Nach einer vierjährigen, mit 36 Millionen Euro geförderten Anlaufphase wird der Bund über die Verstetigung entscheiden. Das Institut muss also zunächst einmal beweisen, dass sich in der Form netzwerkförmiger Zusammenarbeit eine belastbare Struktur aufbauen lässt. Andernfalls wäre eine erste Einsicht in die Ursache des Zusammenhaltschwunds gewonnen: die über sachliche Notwendigkeiten hinaus betriebene Förderung provisorischer Strukturen, wie sie sich beispielsweise in der Befristungspolitik der Hochschulen oder der Exzellenzstrategie ausdrückt.

          Wissenschaft im Dienst der Politik

          Von Beginn an begleitete das Institut der Verdacht, ein politisch motiviertes Projekt zu sein. Im ersten Anlauf hatte es Spannungen hervorgerufen, als die Initiative des Dresdner Politikwissenschaftlers Werner Patzelt abgewiesen worden war. Dresden, eigentlich ein Brennpunkt des erforschten Geschehens, ist nun gar nicht dabei. Das überrascht, denn Bundesministerin Karliczek erwartet regionale Vielfalt und praxisrelevante Vorschläge. Das Konzeptpapier kommt dem Wunsch mit einem Transferprogramm nach, das Wissenschaftler als Ausbilder und Berater in Kontakt mit Politik und Bevölkerung bringt, auch mit „unbequemen Gesprächspartnern“, wie man selbstbewusst ankündigt. Wer das sein wird, lässt sich aus Sprachkreationen wie „Wissen-schafft-Politik“ oder „Transfer innovativ denken“ aber noch nicht herauslesen, eher das Fremdeln mit der neuen Praxisaufgabe. Vielsagend ist die unterschiedliche Namensgebung. Das Bundeswissenschaftsministerium spricht vom „Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“, die Wissenschaft nennt es nüchtern „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“.

          Das Konzeptpapier verwendet viel Energie auf den Nachweis des Phänomens selbst. Sozialer Zusammenhalt wird als Neologismus präsentiert, der in den letzten Jahren lagerübergreifend zum unbestrittenen Leitwert geworden sei, als hätte es die Sozialdemokratie nie gegeben. Die Ausrufung von Zusammenhalt zum Leitbegriff hat jedenfalls mehr als diagnostischen Wert. Nach Reinhart Koselleck haben Leitbegriffe ein gestalterisches Potential. Sie zeigen, woraufhin sich eine Gesellschaft entwirft. Bei der Frage, was unter dem neuen Wir zu verstehen ist, gehen die Meinungen innerhalb der Bevölkerung jedoch auseinander. Mal wird die Heimatpflege, mal das Grundeinkommen, mal Plebiszite als neuer sozialer Kitt genannt. Dem Institut fällt damit die Aufgabe zu, einen Begriff von Zusammenhalt zu bestimmen, der über weltanschauliche Gruppen und Interessensgemeinschaften hinausgeht.

          Wo bleibt die Politik?

          Will man die wachsenden Klagen über eine politische Repräsentationslücke nicht pauschal als Ausdruck diffuser Ängste und Sorgen beiseiteschieben, dann stellt sich die Frage, auf welche systemischen Ungleichgewichte sie reagieren. Insofern verwundert der geringe Anteil an Institutionenanalysen in den 83 Einzelprojekten, die eher einen bunten Strauß mit zumeist recht allgemein gehaltenen Titeln bilden. Wo der Zusammenhalt konkret untersucht wird, ob in Banken- oder Brennpunktvierteln, Großraumabteilen oder Gottesdiensten, ist den meisten Titeln nicht zu entnehmen. Projekte zur Bürgerbeteiligung in der Infrastrukturplanung oder zur politischen Verhandlung öffentlicher Güter versprechen interessante Einblicke. Insgesamt fehlt dem Netzwerk aber der rote Faden und der Rückbezug zum Auftraggeber, der Politik, die durch die Wissenschaft ja auch Aufschluss über eigene Versäumnisse erhalten kann.

          Nimmt man beispielsweise den Bereich Digitalisierung, in dem sich die Spaltungstendenzen wie im Brennglas spiegeln, so reicht es nicht, die Erfahrung und Verhaltensweisen von Nutzern zu untersuchen.

          Man muss auch die politischen Leitbilder der großen Plattformen und die Mechanismen ihrer Durchsetzung untersuchen; die rechtlichen Lücken, die ihnen serielle Manipulation und Grundrechtsentzug erlauben, sowie die verteilungsökonomischen und sozialstaatlichen Folgen ihrer Geschäftsmodelle, die genau jene Spaltungen schaffen, die das Institut und sein Auftraggeber beheben wollen. Hier hat die Politik längst noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Dafür wäre aber ein konzentrierterer Ansatz erforderlich.

          Ebensowenig ist zu erkennen, dass das Reizthema Islamismus systematisch untersucht wird. Unter den Gruppen, welche die liberale Demokratie ablehnen, sind Reichsbürger und Rechtspopulisten ebenso wie Salafisten und legale Islamisten zu finden. Hier wären Milieurecherchen nötig, die Differenzierung in die pauschal geführte Debatte bringen.

          Zunächst einmal geht es für das Institut darum, seinen eigenen Zusammenhalt zu sichern. Auf seine drei Zentralen in Frankfurt, Bremen und Leipzig kommt viel Arbeit zu.

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