https://www.faz.net/-gyl-a8qwq

Kolumne „Uni live“ : Kann man der Pandemie davonlaufen?

  • -Aktualisiert am

Schnappschuss auf einem Spaziergang in Oxford Bild: Felix Simon

In Oxford zu promovieren könnte ein Traum sein. In der Pandemie macht es jedoch keinen Spaß. Immerhin kann man auf einsamen Spaziergängen freier denken. Doch die Nerven bei vielen Studierenden liegen blank.

          3 Min.

          In seinem gerne zitierten Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ spricht Heinrich von Kleist davon, dass sich Probleme am besten dadurch lösen lassen, dass man über sie spricht. Die Idee, so Kleist, komme beim Sprechen. Nach rund einem Jahr Promovieren unter Pandemiebedingungen im Vereinigten Königreich kann ich eine zweite These hinzufügen: Die Idee kommt nicht nur beim Sprechen, sondern auch beim Laufen. Und: Auch wenn man der Pandemie nicht davonlaufen kann, kann der gelegentliche Spaziergang auch mental Wunder wirken.

          Aber spulen wir kurz zurück an den Anfang: Januar 2020. Noch scheint das Coronavirus sehr weit entfernt, an meiner Universität in Oxford machen sich zum damaligen Zeitpunkt außer den entsprechenden Experten nur wenige Sorgen um SARS-CoV-2. Dementsprechend normal läuft meine Promotion ab. Ich sitze wahlweise im Büro, der Bibliothek, oder am heimischen Schreibtisch und wälze mich bis spät in die Nacht durch Fachaufsätze, während mein Manuskript im Schneckentempo wächst. Alle ein bis zwei Wochen trage ich dann mein geballtes Wissen, oder besser gesagt, mein geballtes Unwissen und meine Frustration zu meinen „Doktoreltern“.

          Zumindest in meinem Fall sind solche Treffen weitaus weniger illuster, als man es für eine Universität mit Harry-Potter-Charme erwarten würde. Ein kleines Büro, in einem alten Gebäude zwar, aber ohne holzgetäfelte Wände, knarzende Dielen und geheimnisvolle Bücherregale. Stattdessen drei einfache Stühle um einen kleinen Tisch vom Möbeldiscounter, ich mit Laptop in der einen Ecke, meine beiden Betreuer gegenüber.

          Unser „Blogseminar“ heißt jetzt „Uni live“

          Hier gibt es alle 290 Beiträge zum Nachlesen

          Zum „Blogseminar“-Archiv

          Zumindest bis Mitte März 2020, als England plötzlich in den Lockdown ging, die Hälfte meiner Kolleg*innen und Mitstudierenden in ihrer Heimatorte- oder Länder flohen und die Universität mit einer gewissen Ironie verkündete, dass jetzt zwar alles anders würde, aber man immerhin schon erfolgreich die Pest und die spanische Grippe überstanden habe (eher ein geringer Trost, wenn man mitten in der Wiederholung steckt und nicht mit schöner historischer Distanz darauf blicken kann). Corona hatte UK und die Universitäten erreicht, die Zukunft war ungewiss.

          Rund ein Jahr später, Februar 2021...

          Oxford ist kaum wiederzuerkennen, die Stadt zwischenzeitlich wie ausgestorben. Wo sonst das Universitätsleben blüht, herrscht jetzt gähnende Leere. Mein Institut habe ich seit letztem März nicht betreten, genauso wenig wie die Bibliotheken, mein College oder irgendein anderes Universitätsgebäude. In der Zwischenzeit hat das Königreich drei Lockdowns gesehen—der letzte davon immer noch andauernd—und das politische Versagen der Regierung Johnson, das dem Land in absoluten Zahlen die höchste Todesrate in Europa und eine Wirtschaft im Sturzflug beschert hat. Seither fehlt auch all das, was Studieren in England und meine Promotion hier zu einem besonderen Erlebnis gemacht hat und weshalb ich und viele andere gerne über manche Mängel des „british lifestyle“ hinweggesehen haben. Pubbesuche mit Freunden, Seminare in kleinen Runden, die Dutzenden Veranstaltungen am Tag? Alles gestrichen oder rein online.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bedankt sich für die Unterstützung in den vergangenen Tagen: der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder am Dienstag in München

          Nach Rückzug in der K-Frage : Als Verlierer wird Söder in der CSU nicht gesehen

          Markus Söder zieht seine Bewerbung um die Kanzlerkandidatur der Union zurück – und zählt dabei auf, wie viele in der CDU sich für ihn ausgesprochen haben. Für CSU-Generalsekretär Blume ist er gar „erkennbar der Kandidat der Herzen“.
          Hubertus Heil

          Corona-Krise : Heil will neue Testpflicht für Betriebe schon verschärfen

          Gerade erst ist die neue Corona-Arbeitsschutzverordnung in Kraft getreten, da kündigt die SPD eine Verschärfung der umstrittenen Testangebotspflicht an. Sie wettert dabei gegen „Profitimaximierung“ in der Wirtschaft.
          Die Kuppel des Reichstagsgebäudes am 26. Juli 2008.

          F.A.Z. Einspruch : Das Parlament als Polizeibehörde

          Angeblich verfrachtet die „Notbremse“ nur in Bundesrecht, was auf Landesebene so oder ähnlich oft ohnehin schon galt. Doch dieser Formwechsel ist für den Einzelnen und auch für die Demokratie bedrohlicher, als es zunächst scheinen mag. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.