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Berufseinstieg in der Pandemie : „Durchhalten, dranbleiben, nicht verzweifeln“

  • -Aktualisiert am

Ein leerer Hörsaal auf dem Gelände der Universität Erfurt. Bild: dpa

Immer mehr Absolventen machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Wie gelingen Studienabschluss und Berufseinstieg in der Pandemie – auf die Ferne und ohne warmen Händedruck?

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          Eine Matrikelnummer, eine Adresse mit Uni-Domain, eine Masterarbeit vor der Abgabe: Dinge, die Annelie Jackwerth an ihren Status als Noch-Studentin der Universität Lüneburg erinnern. Aber das Gefühl ist seit einem Jahr ein anderes, es geht in Richtung Berufseinsteigerin. „Man ist komplett losgelöst, vom Campus und von der Universität“, sagt die 26-Jährige. Dabei fühlte sie sich ihrem BWL-Studium bis zum ersten Lockdown durchaus verbunden, ließ sich sogar zur Fachgruppenvertreterin wählen. Jetzt findet alles nur noch auf die Ferne statt.

          Nach ihrem Abschluss möchte Jackwerth am liebsten in der Personalentwicklung arbeiten. Ein Ziel mit Plan: Erstens wollte sie über einen Werkstudentenjob beim Medizintechnikkonzern Philips Kontakte zur Personalabteilung eines großen Unternehmens knüpfen; zweitens für die Masterarbeit mit neuartigen Techniken und Probanden im Praxislabor ihrer Hochschule forschen. Doch dann kam Corona. Das Labor der Universität Lüneburg wurde geschlossen, der direkte Kontakt mit Menschen verboten – Jackwerth musste umdisponieren. Stattdessen hat sie eine Online-Befragung durchgeführt. Auch in ihrem Werkstudentenjob bei Philips lief es nun nicht mehr so, wie Jackwerth es geplant hatte. Gerne hätte sie ihren Kollegen in gemeinsamen Mittagspausen Fragen zum Hochschulmarketing gestellt. Aber die Pausen fielen flach. Die Werkstudentin saß allein im Homeoffice und in ihrer Küche.

          Jede und jeden trifft die Corona-Krise. Berufseinsteiger, die schon in normalen Zeiten mit vielen Unsicherheiten zurechtkommen müssen, irritiert sie aber besonders. Nicht nur bei Jackwerth ist das so, auch beim Promovenden, der überlegt, abzubrechen und sich lieber schnell einen Job zu suchen, bevor die große Krise auf den Arbeitsmarkt schwappt. Oder bei dem Bachelor, der nach dem Sinn eines Praktikums sucht, wenn es denn nur online stattfinden darf. Typische Fragen, die in den Sprechstunden im Career Service der Ludwig-Maximilians-Universität München gestellt werden. Berater Stephan Pflaum kümmert sich darum.

          „Der Laden läuft weiter“

          „Unternehmen schauen immer mehr auf das, was neben dem Studium gelaufen ist: Ausland, Ehrenamt, Praktika“, rät er den Studierenden. Praktika seien auch online eine Bereicherung: „Ein Praktikant kann in sechs Wochen per Zoom auf der ganzen Welt unterwegs sein. Der Laden läuft weiter.“ Pflaum sieht sich als Mutmacher: Die jungen Leute sollten sich wenigstens bei ihrer Zukunftsplanung nicht um Corona kümmern, sondern auf sich selbst konzentrieren und weitermachen. Das gelte auch für die Doktorarbeit. „Ich glaube nicht, dass die große Krise kommt“, sagt Pflaum.

          Anders ist das, wenn der Berater das Gefühl hat, da studiert jemand nur weiter, weil er sich noch nicht traut, ins Berufsleben einzusteigen. Dann versucht Pflaum, die Angst vor Absagen zu nehmen, geht Für und Wider durch, erzählt, dass er seine Promotion auch erst im Nachhinein mit Mitte 30 gemacht hat. Die Taktung seiner offenen Sprechstunde, wo er auch Bewerbungsunterlagen sichtet, hat er verdoppelt: „Die Sorgen haben in der Intensität zugenommen, persönliche Ansprache und Beratung werden wichtiger“, sagt er. Dennoch möchte der Berater nicht von Krisenabsolventen sprechen, lieber richtet er den Blick auf die Leistungen der Studierenden: „Das beginnt bei der Selbständigkeit im studentischen Homeoffice und geht bis zum sicheren und vor allem professionellen Umgang mit sozialen Medien.“

          Annelie Jackwerth hat in ihrer Studenten-WG am Laptop nicht nur ihre Masterarbeit und den Werkstudentenjob organisiert, sondern sich auch erfolgreich vernetzt. Fremde Kollegen, die sie im Lockdown nicht persönlich kennenlernen konnte, aber gern kennengelernt hätte, bat sie um ein Kaffee-Date. „Wir haben uns für eine halbe Stunde online über das interne Videoprogramm getroffen, das war superspannend und lehrreich.“ So hat sie verstanden, dass sie noch nicht weit genug ist, um die Stelle in der Personalentwicklung zu bekommen, die sie gerne hätte. „Ich brauche mehr Praxiserfahrung“, sagt sie.

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