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Trendwende : Corona drängt befristete Beschäftigung zurück

Bild: dpa

Arbeitsminister Hubertus Heil will befristete Arbeitsverhältnisse einschränken. Eine neue Erhebung zeigt nun, dass die Befristungen in den letzten Monaten von alleine sinken.

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          Arbeitgeber missbrauchen nach Ansicht von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ihre Macht, indem sie Bewerbern nur zeitlich befristete Arbeitsverträge geben, anstatt sie unbefristet anzustellen. Deshalb will er dies gesetzlich einschränken. Nun aber sorgen ausgerechnet die Corona-Krise und der Wirtschaftsabschwung dafür, dass die Befristungen von alleine sinken. Das zeigt eine neue Erhebung aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Vor allem im Privatsektor sind befristete Arbeitsverhältnisse auf dem Rückzug.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Insgesamt gab es Mitte 2020 demnach noch 2,4 Millionen Beschäftigte mit befristetem Vertrag. Das waren 12,4 Prozent weniger als ein Jahr zu vor und sogar 24,3 Prozent weniger als Mitte 2018. Der Trend hatte also vor Corona eingesetzt und ging dann mit vollem Tempo weiter. Der Anteil der Arbeitnehmer mit befristetem Vertrag an allen Arbeitnehmern ist seit 2018 von 8,3 auf 6,3 Prozent gesunken. IAB-Forscher Christian Hohendanner führt dazu an, dass es nun insgesamt weniger Neueinstellungen gebe. Zudem seien weniger Beschäftigte nach Ablauf ihrer Befristung auf dauerhafte Stellen übernommen worden: Ihr Anteil sank von 44 Prozent im ersten Halbjahr 2019 auf zuletzt 39 Prozent. Und auf der anderen Seite liefen mehr Befristungen als üblich ersatzlos aus.

          Die Anteile der Beschäftigten, die nur befristete Verträge haben, unterscheiden sich aber zwischen den Sektoren stark: In der Privatwirtschaft sank die Quote von 6,3 Prozent im Jahr 2019 auf 5,2 Prozent. Im öffentlichen Dienst stagnierte sie bei 6,9 Prozent. Und im „Dritten Sektor“, also bei überwiegend als gemeinnützig anerkannten Arbeitgebern, waren es 12,5 Prozent. Teilweise fördert die Regierung Befristungen aber auch finanziell: So bezuschusst sie mit ihrem 2019 eingeführten „Teilhabechancengesetz“ für langzeitarbeitslose Hartz-IV-Bezieher rund 50.000 befristete Stellen in allen drei Sektoren.

          Kritik am neuen Gesetz

          Der Arbeitsminister macht sich derzeit zum einen dafür stark, diese bisher probeweise angebotene Förderung für Arbeitslose dauerhaft gesetzlich zu verankern. Zum anderen hat Heil dem Bundeskabinett einen Gesetzentwurf vorgelegt, der es Betrieben und Bewerbern schwerer machen soll, befristete Verträge frei zu vereinbaren: Falls die angebotene Stelle nicht die Kriterien einer gesetzlichen Sondergenehmigung erfüllt, wären Befristungen dann nur noch für die Dauer von höchstens 18 Monaten zulässig – und auch das nur, solange weniger als 2,5 Prozent der Belegschaft entsprechende Verträge haben.

          Ökonomen erwarten, dass das Interesse vieler Betriebe an befristeten Arbeitsverträgen wieder steigt, wenn sich ihre Geschäftslage etwas bessert, sie aber noch unsicher sind, ob es für neue Dauerstellen reicht. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt deshalb vor dem Gesetz, denn auch für Arbeitnehmer sei befristete Arbeit oft besser als gar keine. Der Maschinenbauverband VDMA fordert sogar mehr Spielräume für Befristungen – umso eher komme der Arbeitsmarkt nach der Krise wieder in Schwung.

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