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Gesunkene Produktivität : Corona bedroht die Karrieren junger Forscherinnen

Ein Frau arbeitet in Homeoffice. Bild: dpa

Die Kita- und Schulschließungen in der Viruskrise scheinen Mütter stärker in ihrer Arbeit einzuschränken als Väter. In der Wissenschaft gibt es dafür erste Indizien – mit weitreichenden Folgen.

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          Seit Mitte April bekommt Alessandra Minello ungewöhnlich viele E-Mails. Die meisten wurden von Frauen versendet, die sich bei der italienischen Wissenschaftlerin bedanken. Dafür, dass sie ausgesprochen hat, was viele von ihnen gerade beschäftigt: dass sie wegen der Corona-Krise Gefahr laufen, in ihrer akademischen Karriere ausgebremst zu werden und hinter ihre Kollegen zurückzufallen. In einem Aufsatz für die Fachzeitschrift „Nature“ beschreibt Minello ihren Alltag als weiterhin in Vollzeit arbeitende Demographin und Mutter eines zwei Jahre alten Sohnes im Corona-Lockdown. Vieles davon dürfte Eltern rund um den Globus bekannt vorkommen: Videochats mit Kind und Kollegen, Nachtschichten, Stress. Erste Befunde zeigen indes schon, dass unter diesem Spagat zwischen Arbeit und Familie derzeit vor allem die Frauen leiden.

          Jessica von Blazekovic
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Minello wagt in ihrem Artikel deshalb eine Prognose: „Ich gehe davon aus, dass Statistiken über die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Arbeiten in den nächsten Jahren zeigen werden, dass Eltern im Jahr 2020 gegenüber Menschen ohne Kindern benachteiligt waren.“ Und: Vor allem Mütter seien davon betroffen – aus dem einfachen Grund, dass selbst in den hochentwickelten Ländern Europas Frauen immer noch den Großteil der Kinderbetreuung übernähmen. Die Florentinerin trifft mit ihrer Annahme voll ins Schwarze, und für diese Erkenntnis brauchte es keine Jahre, sondern nur wenige Wochen.

          Was als Sammlung anekdotischer Evidenz in den sozialen Medien unter dem Hashtag #coronapublicationgap begann, zeigt sich nun in Zahlen: In vielen Forschungsdisziplinen werden seit Beginn der Corona-Krise weniger Arbeiten von Wissenschaftlerinnen veröffentlicht. So verzeichnete das „British Journal for the Philosophy of Science“ in den vergangenen Monaten eine „zu vernachlässigende Zahl“ an Einreichungen von Frauen. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, schrieb die stellvertretende Herausgeberin der Fachzeitschrift, Elizabeth Hannon, dazu auf Twitter. In der Astrophysik ist von einem Rückgang von 50 Prozent die Rede, wie unter anderem das amerikanische Magazin „The Lily“ berichtet. In anderen Forschungsfeldern, etwa den Politik- und den Wirtschaftswissenschaften, ist die Zahl der Veröffentlichungen von Wissenschaftlerinnen zwischen Januar und April 2020 in manchen Zeitschriften zwar unverändert zum Vorjahreszeitraum – die ihrer männlichen Kollegen jedoch um bis zu 50 Prozent gestiegen.

          „Überraschend ist das alles nicht“

          Kann man also schon von einer systematischen Benachteiligung von Forscherinnen in der Pandemie sprechen? „Wir befinden uns noch in einer frühen Phase“, sagt Marc Lerchenmüller, Juniorprofessor für Technologische Innovation und Management an der Universität Mannheim. Lerchenmüller sorgte Anfang des Jahres mit einer Studie für Aufsehen, wonach sich Forscher in ihren Aufsätzen häufiger selbst loben, als ihre Kolleginnen das tun. „Langfristige Studien werden aber vermutlich zeigen, wie ungleich die Belastung in der Krise verteilt war“, sagt der Betriebswirt und fügt hinzu: „Überraschend ist das alles nicht. Unabhängig von der Corona-Krise gibt es verschiedenste Studien, die einen solchen Effekt stark haben vermuten lassen.“ So zeigten etwa Zahlen zu den Familienverhältnissen von Wissenschaftlern, dass bis zu 90 Prozent der Forscherinnen einen Partner hätten, der Vollzeit arbeite, während das andersherum nur für weniger als 50 Prozent gelte.

          Besonders für junge Wissenschaftlerinnen, die sich auf dem sechs Jahre dauernden sogenannten „Tenure Track“ für eine Professur auf Lebenszeit befinden, ist eine gesunkene Produktivität in dieser entscheidenden Phase ein großes Problem. Bei der Beurteilung ihrer Arbeit in dieser Zeit könnten sie im Vergleich zu männlichen Bewerbern einen Nachteil haben und den Kürzeren ziehen. „Wir wissen nicht, wie lange die aktuellen Umstände anhalten. Ein Jahr aus sechs zu verlieren – das wäre schon ein Wort“, sagt Lerchenmüller.

          Auch Alessandra Minello sollte derzeit eigentlich so viel wie möglich veröffentlichen, sie muss sich in eineinhalb Jahren auf eine Tenure-Stelle bewerben. Doch neben der Lehre, die nun komplett digital organisiert werden muss, der Arbeit an einem Gemeinschaftsprojekt und der Betreuung ihres Sohnes bleiben ihr nur wenige Stunden zum Schreiben. „Karrieren in der Wissenschaft bauen auf der Anzahl der Publikationen auf“, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z. „Wenn man sich – wie aktuell – nicht auf seine Forschung konzentrieren kann, schafft man es nicht“. Sie plädiert dafür, die Zeit des Lockdowns als eine Art Elternzeit zu betrachten und diesen Umstand in Evaluationen zu berücksichtigen.

          Ernüchternde Erfahrungen mit der Elternzeit

          Ähnliche Forderungen gibt es auch in Deutschland. So macht sich der Verein für Socialpolitik, eine Vereinigung deutschsprachiger Volkswirtinnen und Volkswirte, in einem Brief an mehrere Forschungsgemeinschaften für eine besondere Unterstützung von Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kindern in der Corona-Krise stark. „Die Gesellschaft benötigt das Wissen und die Expertise aller – also auch derer, die derzeit mit Fürsorgeaufgaben befasst sind. Nur so können sich die besten Ideen durchsetzen“, heißt es in dem Schreiben. Es reiche nicht, dass die Höchstbefristungsdauer für Qualifizierungen verlängert wurde, denn das gelte für alle Nachwuchswissenschaftler. Der Verein schlägt unter anderem eine Bereitstellung finanzieller Mittel zur Verlängerung von Vertragslaufzeiten, personelle Unterstützung und eine Reduktion der Lehrverpflichtung im Wintersemester für die jungen Forscherinnen vor.

          Auf Anfrage der F.A.Z. zeigten die Adressaten des Briefes Verständnis für die Situation der Wissenschaftlerinnen. So sind etwa bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzielle und zeitliche Unterstützungsmaßnahmen im Gespräch. Die Leibniz-Gemeinschaft will ihren Einrichtungen empfehlen, die Zeit der Pandemie bei Einstellungsentscheidungen zu berücksichtigen. Zweifel an der Wirksamkeit einer solchen Maßnahme kommen von der Max-Planck-Gesellschaft: Die schon vor Corona im Forschungsbetrieb praktizierte Berücksichtigung von Elternzeit in Auswahlverfahren habe bislang auch keine fairen Verhältnisse geschaffen.

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