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Gesunkene Produktivität : Corona bedroht die Karrieren junger Forscherinnen

Besonders für junge Wissenschaftlerinnen, die sich auf dem sechs Jahre dauernden sogenannten „Tenure Track“ für eine Professur auf Lebenszeit befinden, ist eine gesunkene Produktivität in dieser entscheidenden Phase ein großes Problem. Bei der Beurteilung ihrer Arbeit in dieser Zeit könnten sie im Vergleich zu männlichen Bewerbern einen Nachteil haben und den Kürzeren ziehen. „Wir wissen nicht, wie lange die aktuellen Umstände anhalten. Ein Jahr aus sechs zu verlieren – das wäre schon ein Wort“, sagt Lerchenmüller.

Auch Alessandra Minello sollte derzeit eigentlich so viel wie möglich veröffentlichen, sie muss sich in eineinhalb Jahren auf eine Tenure-Stelle bewerben. Doch neben der Lehre, die nun komplett digital organisiert werden muss, der Arbeit an einem Gemeinschaftsprojekt und der Betreuung ihres Sohnes bleiben ihr nur wenige Stunden zum Schreiben. „Karrieren in der Wissenschaft bauen auf der Anzahl der Publikationen auf“, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z. „Wenn man sich – wie aktuell – nicht auf seine Forschung konzentrieren kann, schafft man es nicht“. Sie plädiert dafür, die Zeit des Lockdowns als eine Art Elternzeit zu betrachten und diesen Umstand in Evaluationen zu berücksichtigen.

Ernüchternde Erfahrungen mit der Elternzeit

Ähnliche Forderungen gibt es auch in Deutschland. So macht sich der Verein für Socialpolitik, eine Vereinigung deutschsprachiger Volkswirtinnen und Volkswirte, in einem Brief an mehrere Forschungsgemeinschaften für eine besondere Unterstützung von Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kindern in der Corona-Krise stark. „Die Gesellschaft benötigt das Wissen und die Expertise aller – also auch derer, die derzeit mit Fürsorgeaufgaben befasst sind. Nur so können sich die besten Ideen durchsetzen“, heißt es in dem Schreiben. Es reiche nicht, dass die Höchstbefristungsdauer für Qualifizierungen verlängert wurde, denn das gelte für alle Nachwuchswissenschaftler. Der Verein schlägt unter anderem eine Bereitstellung finanzieller Mittel zur Verlängerung von Vertragslaufzeiten, personelle Unterstützung und eine Reduktion der Lehrverpflichtung im Wintersemester für die jungen Forscherinnen vor.

Auf Anfrage der F.A.Z. zeigten die Adressaten des Briefes Verständnis für die Situation der Wissenschaftlerinnen. So sind etwa bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzielle und zeitliche Unterstützungsmaßnahmen im Gespräch. Die Leibniz-Gemeinschaft will ihren Einrichtungen empfehlen, die Zeit der Pandemie bei Einstellungsentscheidungen zu berücksichtigen. Zweifel an der Wirksamkeit einer solchen Maßnahme kommen von der Max-Planck-Gesellschaft: Die schon vor Corona im Forschungsbetrieb praktizierte Berücksichtigung von Elternzeit in Auswahlverfahren habe bislang auch keine fairen Verhältnisse geschaffen.

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