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Kolumne „Uni live“ : Clubweh

  • -Aktualisiert am

Abgesperrt und keiner da: Dabei sind Clubs für junge Menschen richtig wichtig. Bild: dpa

Im Lockdown ist der Laptop unser soziales Zentrum geworden – vom Familiengeburtstag bis hin zum virtuellen Tanz-Treffen im Wohnzimmer. Was wir vermissen, wenn wir zum Feiern nicht rausgehen können.

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          Klebrig sind die Fotoabzüge von Zuhause, die Beschichtung kaputt. Sie müssen beim Umzug nass geworden sein. Bedächtig ziehe ich sie auseinander, streiche über Gesichter und das Heimweh kickt. Einzelne Familienporträts, aber meine Aufmerksamkeit wird von anderen Bildern auf sich gezogen: Spätis, Neonlicht, DJ-Sets. Erinnerungen an eine Jugend ohne Pandemie. Was bis Mitte März 2020 noch unhinterfragt zu unserem Leben gehörte, gibt es jetzt nicht mehr: Mehr als 1000 Clubs mussten in Deutschland schließen, kamen in finanzielle Nöte und viele meldeten Insolvenz an.

          Im Lockdown ist der Laptop unser soziales Zentrum: Nicht nur für Familiengeburtstage und Univeranstaltungen, sondern auch zum Tanzen vertrauen wir mittlerweile auf Videochats. Alles was du brauchst ist eine gute Soundbox und deine Lieblings-DJane legt ganz privat in deinem Wohnzimmer auf. Tausende Veranstaltungen, Club-Festivals und Partys hat es so im letzten Jahr gegeben und wir haben immer wieder die Bässe aufgedreht und sind in unserer Wohnung umhergesprungen. Ein kleiner Spaß, der nicht selten mit Besenstiel-Klopfen von den Nachbarn von unten oder einem Beschwerdebrief im Postkasten endet.

          Aber trotzdem: Tanzen tut gut, ein Schauer Glückshormone wird dabei ausgeschüttet und wir sind jung und allein und brauchen es. Mit unseren Erinnerungen an durchtanzte Nächte inmitten schwitzender Körper können diese Events aber nicht mithalten. Clubs bedeuten nämlich mehr als dumpfes Spaß haben: Gerade angesichts der enormen Ausmaße an psychischen Krankheiten bei jungen Menschen in der Pandemie, muss das gesagt werden.

          Im historischen Vergleich sind wir heute auf gewisse Weise ziemlich allein, das habe ich zumindest aus den ersten zwei Monaten Soziologiestudium mitgenommen. Weder die Familie noch unsere städtischen Nachbarschaften bestimmen unser Leben und gerade als Studierende ziehen wir umher und leben unser Leben: frei, selbstbestimmt, aber irgendwo eben auch allein. Doch egal, wo ich bin, wenn ich feiern gehe, treffe ich Menschen, die sich so kleiden wie ich, die zu der gleichen Musik ungefähr so tanzen wie ich und ich fühle mich intuitiv als Teil davon. Die Masse fremder Menschen wird zu einem „wir“ – wenn auch nicht zwingend für alle und nur für eine Nacht.

          Einst der Inbegriff durchtanzter Nächte: „Berghain“ in Berlin
          Einst der Inbegriff durchtanzter Nächte: „Berghain“ in Berlin : Bild: dpa

          Ein Phänomen, für das Michaela Pfadenhauer, Professorin für Soziologie an meinem Institut in Wien, den Begriff „situative Vergemeinschaftung“ geprägt hat, nachdem sie in den Neunzigerjahren die neu aufkommende Technoszene untersucht hatte. Es müssen in einer durchtanzten Nacht keine Freundschaften fürs Leben entstehen. Im Gegenteil: das Gefühl „ein Teil dieser Welt zu sein“, wie Pfadenhauer es ausdrückt, speist sich gerade aus dem Netz loser Kontakte, die sich durch die Gesellschaft oder auch nur Szene ziehen.

          Ohne die Last der Erwartungen enger Bindungen, ohne alltäglichen Leistungsdruck und Zukunftsängste erleben wir menschlichen Kontakt als etwas Aufregendes und Freies. Wenn ich von Jüngeren höre, die ihre Teenage-Jahre mit Lockdown-Depression in der elterlichen Wohnung erleben, wünsche ich ihnen so sehr die Möglichkeit, herauszugehen und herauszufinden, wer sie in anderen Gemeinschaften sein können und dürfen.

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