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Choral „Der Heiden Heiland“ : Vom Mythos zum Hymnus

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Bachs Choralbearbeitung für die Orgel Bild: bpk / Staatsbibliothek zu Berlin

Der Adventschoral „Nun komm der Heiden Heiland“ geht zurück auf einen alten Mythos, der mehr erzählen wollte als nur eine Weihnachtsgeschichte. Ein Gastbeitrag.

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          Es ist ein Lied wie eine Matrjoschka, eine jener russischen Schachtelpuppen, in deren Innerem sich eine weitere Puppe befindet und darin wieder eine weitere: „Nun komm, der Heiden Heiland“. Es ist auch nichtkirchlichen Zeitgenossen vertraut, weil es die drei Kantaten Johann Sebastians Bachs zum Ersten Advent beherrscht. Und das nicht zufällig. Denn dieses Lied war im Luthertum jahrhundertelang der Hauptchoral der Adventszeit und namentlich der Choral ebendes Ersten Advents. Mit seinem Ruf nach dem Kommen Christi begann das Kirchenjahr und vielfach auch das Gesangbuch: „Nun komm, der Heiden Heiland, der Jungfrauen Kind erkannt, daß sich wundre alle Welt: Gott solch Geburt ihm bestellt!“

          Der Choral gehört in das erste lutherische Gesangbuch, das 1524 in Erfurt erschien. Von den 26 Liedern dieses lutherischen Urgesangbuches stammen einige aus dem Umfeld Martin Luthers, darunter eines von der Frau eines Kollegen, von der ersten lutherischen Dichterin Elisabeth Cruciger. Die bei weitem größte Zahl aber hatte Luther selbst beigesteuert. 1523/24 waren die Jahre, in denen sich sein dichterisches Talent in einer Fülle von Liedern zeigte, zwei Drittel seiner Lieder entstanden in dieser Zeit, darunter auch „Nun komm, der Heiden Heiland“.

          Mehr als eine Weihnachtsgeschichte

          Nun sind die von Luther vorgelegten deutschen Choräle nur zum kleineren Teil Neuschöpfungen. Bei der Mehrzahl griff er auf älteres Gut, auf biblische, altkirchliche und mittelalterliche, auf hebräische, lateinische und deutsche Vorlagen zurück, die er übersetzte, stark oder behutsam umdichtete, mit neuen Strophen versah. Um einen solchen Rückgriff handelt es sich auch bei diesem Adventslied. Seine Vorlage ist ein lateinischer Hymnus, bekannt unter dem Titel: „Veni redemptor gentium“ (Komm, Erlöser der Heidenvölker). Autor dieses Hymnus ist der Mailänder Bischof und Kirchenvater Ambrosius (339 bis 397). Ambrosius steht am Anfang der großen lateinischen Hymnentradition. Indem er das Vorbild des Gemeindegesangs, der im Osten, namentlich in der syrisch- sprachigen Kirche üblich war, mit dem Erbe der klassischen lateinischen Poesie verband, schuf er eine eigentümlich christliche lateinische Dichtung, die Jahrhunderten zum Vorbild dienen sollte. Zu seinen berühmtesten Schöpfungen gehört „Veni redemptor gentium“. Der Hymnus ist ein Weihnachtslied, und so wird hier von der staunenswerten Geburt aus der Jungfrau, von Marias geheimnisvoller Schwangerschaft und von der Krippe gesungen.

          Doch Ambrosius will mehr, als die Weihnachtsgeschichte nacherzählen. Er ist ein Theologe, der im vierten Jahrhundert wirkt und dichtet, in der Zeit der Auseinandersetzungen über das richtige Verständnis Jesu Christi, seiner Natur und seines Geschicks. Er nimmt selbst an diesen Auseinandersetzungen teil, stellt sich auf die Seite des kirchlichen Bekenntnisses, der Lehre vom göttlichen Wesen Christi, wie sie das Konzil zu Nizäa (325) formuliert hatte. Im Dienst dieses Bekenntnisses steht auch Ambrosius` Weihnachtslied. Ausdrücklich heißt es dort mit dem Konzil von Nizäa, Christus, der Gottessohn, der an Weihnachten von Maria geboren wird, sei dem göttlichen Vater „gleich“.

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