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Central European University : Im Auge des Sturms

Ungewisse Zukunft: Studenten protestieren für den Erhalt der CEU in Budapest. Bild: AFP

Die Central European University steht in Ungarn vor dem Aus und zieht wohl nach Wien. Rektor Michael Ignatieff sieht auch die EU in der Pflicht.

          3 Min.

          Ein wenig ist ihm anzumerken, wie sehr dieser monatelange Kampf an ihm zehrt. „Wir schaffen das“, sagt er mit matter Stimme. Dann holt er Luft, setzt noch einmal neu an, diesmal aber mit Kraft und Nachdruck, ausrufend und fragend zugleich: „Wir schaffen das! Richtig?“

          Tim Niendorf

          Politikredakteur.

          Michael Ignatieff war einst Oppositionsführer in Kanada und Vorsitzender der Liberalen Partei Kanadas, derselben Partei, der auch der heutige Premierminister Justin Trudeau angehört. Seit mehr als zwei Jahren lebt er aber in Ungarn, ist Präsident und Rektor der Central European University (CEU). Einer Universität, die unter Ministerpräsident Viktor Orbán zunehmend unter Druck geraten ist – und nun aus dem Land gedrängt wird. Eine Universität mitten in Europa. Ignatieff steht vor der großen Herausforderung, sie nächstes Jahr in ein anderes Land zu überführen. Von Ungarn nach Österreich, von Budapest nach Wien, 214 Kilometer weit. „Das ist politischer Vandalismus“, sagt er.

          Das, was er als politischen Vandalismus bezeichnet, geht auf ein Gesetz aus dem Jahr 2017 zurück, mit dem Orbáns Regierung ausländischen Universitäten vorschreibt, zusätzlich zu ihrem ungarischen Standort auch einen in ihrem Herkunftsland zu unterhalten. Also ging die CEU eine Partnerschaft mit dem New Yorker Bard College ein. Dort wurde auch schon vor einem Jahr ein bilaterales Abkommen unterzeichnet. Nur eine Unterschrift fehlt noch, die von Orbán. Die ungarisch-amerikanischen Beziehungen dürften nicht leiden, sagte Orbán unlängst. Dennoch rührt er sich einfach nicht. Auf die Frage, wann Ungarn das bilaterale Abkommen mit dem amerikanischen Staat New York über die CEU unterzeichnen werde, sagte er vor Kurzem: „Wenn die Zeit reif ist.“ Was auch immer damit gemeint ist.

          „Unsere Studenten sind sehr verunsichert“

          Ohne eine Unterschrift aber kann die erst 1991 mit finanzieller Unterstützung des von Orbán verachteten ungarisch-amerikanischen Milliardärs George Soros gegründete Universität in Ungarn nicht fortbestehen. Deadline ist der erste Dezember. „Wenn wir kein Abkommen mit der ungarischen Regierung zustande bekommen, hat das zur Folge, dass eine freie Institution aus ihrem Zuhause, aus einem europäischen Staat, gedrängt wird. Das ist ein Skandal! Und ein sehr schlechtes Omen für die Zukunft der europäischen Werte wie der akademischen Freiheit“, sagt Ignatieff. „Wir sind nicht Orbáns Opposition, wir sind keine NGO, sind weder eine politische Partei noch eine politische Bewegung. Wir sind eine Universität.“ Eine gute sogar, die in der Wissenschaft großes Ansehen hat.

          Geschieht kein Wunder, wonach es nicht aussieht, zieht die CEU also nach Wien, wo sie schon vor Monaten einen Standort aufgebaut hat, als Plan B. Ihren Campus will sie aber nicht verkaufen. Nur, was geschieht mit den Studenten, den Professoren, dem Personal? „So ein Wegzug, ob teilweise oder ganz, ist natürlich wahnsinnig komplex“, sagt Nadia Al-Bagdadi, Professorin an der historischen Fakultät. „Es ist nicht so, wie wenn man ein Café schließt und dann auf der anderen Seite der Grenze wieder eines aufmacht.“ Optimistisch, dass sich noch etwas ergebe, sei sie nicht. „Unsere Studenten sind sehr verunsichert“, sagt sie. Vor allem diejenigen, die sich nun bewerben, und diejenigen, die ein zweijähriges Masterstudium absolvieren, blicken in eine ungewisse Zukunft. Wer hingegen ein einjähriges Studium absolviere, werde dieses auch noch abschließen können. Dafür hat sich die Universität verbürgt.

          Fehlende Unterstützung aus der EU

          Al-Bagdadi sucht nun mit ihren Kollegen in Tag- und Nachtschichten nach Lösungen, die Studenten zu beruhigen und den Konflikt mit der Regierung einzuordnen in das, was er für sie ist: den Kampf um die Freiheit der Wissenschaft. „Die Universität steht fest zusammen und lässt sich nicht zermalmen.“ Eine unglaubliche Belastung sei die Situation aber schon, für alle Kollegen und Mitarbeiter, die sich ein Leben in Ungarn aufgebaut haben. Denn unter den Studenten und Lehrkräften sind viele Ausländer. Eine so gute Universität zu verlieren, das könne, das dürfe Europa nicht zulassen. „Wenn das mit der CEU durchgeht als Präzedenzfall, muss einem klar sein, dass es nicht der letzte Fall sein wird. Wir sagen ja immer, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber in diesem Fall“, sagt Al-Bagdadi und stockt: „Es ist alles sehr schmerzhaft.“

          Bei Michael Ignatieff sind mittlerweile schon mehr als 500 Briefe eingetroffen, aus aller Welt haben sich Kollegen anderer Universitäten gemeldet und ihre Solidarität bekundet. „Wir hatten also nicht zu wenig akademische Unterstützung. Wir hatten nur zu wenige europäische Regierungschefs, die auf den Tisch gehauen haben, um dem Ministerpräsidenten zu sagen, dass er diesen Nonsens stoppen soll“, sagt er. „Es ist absurd. Die Europäer müssten eigentlich sauer sein. Und die Deutschen auch. Denn es ist schlecht für die europäischen Wissenschaften, es ist schlecht für die europäischen Universitäten, es ist schlecht für die europäischen Werte, es ist schlecht für alle.“

          Am vergangenen Mittwoch und Donnerstag traf sich die Europäische Volkspartei in Helsinki, um ihren Spitzenkandidaten für die Europawahl zu küren. Zur EVP gehört auch Orbáns Fidesz. Es war wohl eine letzte Gelegenheit, Ungarns Regierung zur Einsicht zu bewegen.

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