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Cancel Culture : Wer haftet für die „woke“ Identitätspolitik?

  • -Aktualisiert am

Für einen Vordenker von Denkverboten eindeutig zu uneindeutig: Jacques Derrida Bild: Getty

Haben wir der französischen Theorie die Cancel Culture zu verdanken? Ganz so einfach ist es nicht. Das Problem sind ihre falschen Freunde, schreibt der Literaturwissenschaftler Stefan Kleie in diesem Gastbeitrag.

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          Philosophische Denkströmungen für gesellschaftliche Missstände verantwortlich zu machen zeugt neben einer Überschätzung der Macht der Ideen zumeist von oberflächlicher Lektüre. Nachdem der junge Marx die Philosophie vom Kopf auf die Füße gestellt hatte, hat die Diskursanalyse gezeigt, wie Machtverhältnisse über diskursive Ausschlussverfahren perpetuiert werden. Die Systemtheorie hat die Eigenständigkeit der Subsysteme stark gemacht, die etwa dazu führen kann, dass über BWL-Studiengänge vermittelt immer noch ein neoliberales Modell von Wirtschaft dominiert, obwohl dessen reine Lehre in der politischen Öffentlichkeit aus wahltaktischen Gründen selbst die FDP nicht mehr vertritt. Und die Medienwissenschaft verweist auf die Abhängigkeit von der technischen Entwicklung der Kommunikationsmedien, die ihrerseits für disruptive Veränderungen bis in die Psyche von Heranwachsenden sorgen kann, was zuletzt der verstorbene französische Technikphilosoph Bernard Stiegler eindrucksvoll demonstriert hat.

          Es verwundert daher, dass allenthalben der Versuch unternommen wird, eine so komplexe Theorieformation wie die Dekonstruktion, die oft leichtfertig mit der populäreren Zeitdiagnose der Postmoderne gleichgesetzt wird, für die Auswüchse der Cancel Culture und generell den Dogmatismus der „woken“ Identitätspolitik in Haftung zu nehmen. Es sei noch einmal daran erinnert, dass es sich beim Poststrukturalismus Derridas um einen „parasitären“ Diskurs handelt, der anhand ausgewählter kanonischer Texte der philosophischen Tradition deren metaphysischen Prämissen zu unterlaufen trachtet. Die Differenz wird zur différance, womit eine performative Prozesshaftigkeit bezeichnet wird, die das Gegenstück zum Dezisionismus Carl Schmitts darstellt, mit dem sich zu messen für Derrida offenbar ein besonderes Vergnügen darstellte. Das setzt aber beispielsweise die skrupulöse Lektüre Husserls und Schmitts voraus, keineswegs deren ahnungslose Denunziation.

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