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Wohnungsnot von Studenten : Semesterstart auf der Matratze

WG-Zimmer mit Maklerprovision

350 Euro warm einschließlich Internet. Das ist „absolute Obergrenze“ für Anna-Lena Heblich. Damit hat sie ihr Limit schon hoch angesetzt; für ein Wohnheimzimmer zahlen Studenten in Deutschland durchschnittlich 213 Euro warm. Wegen eines Auslandsaufenthalts habe sie erst Anfang September mit der Wohnungssuche begonnen, erzählt die Studentin - zu spät. Sie habe die Situation auch unterschätzt. Mehr als 100 Anfragen für WG-Zimmer verschickte sie übers Internet und ging doch schließlich leer aus. Es sei „ziemlich frustrierend“, nun auf einer Matratze gelandet zu sein, sagt sie. „Da erwischt man sich schon bei dem Gedanken: Soll ich jetzt abbrechen? Ab und an dachte ich auch: Liegt das an mir? Wollen die keine Pädagogen in der WG haben?“ Mittlerweile habe sie durch die vielen Gespräche mit Gleichgesinnten im Matratzenlager erfahren, „dass es allen irgendwie ähnlich geht“.

Da ist zum Beispiel Thi Ha Nguyen, 22 Jahre, Studienanfängerin in BWL. Ein halber Meter Fußboden trennt ihre Matratze von der von Anna-Lena Heblich. „Die Zusage aus Freiburg kam erst vor drei Wochen“, sagt Nguyen, auf die Schnelle habe es mit einer Wohnung nicht geklappt. Mittlerweile ist die junge Frau an einen Makler geraten, der ihr ein WG-Zimmer vermitteln will. 17 Quadratmeter, 230 Euro warm, zwei Kaltmieten Courtage. Provision für ein WG-Zimmer, das findet Nguyen eigentlich nicht in Ordnung. Doch wahrscheinlich wird sie das Angebot annehmen - mangels Alternativen.

25.000 neue Wohnheimplätze fehlen derzeit in Deutschland, schätzt Achim Meyer auf der Heyde vom Studentenwerk. Mindestens 660 Millionen Euro staatliche Zuschüsse bräuchte das Studentenwerk, um sie zu bauen, rechnet er. Das Geld zu erhalten sei aber wohl utopisch. Studentenvertreter äußern sich unsicher, „ob den Studentenwerken wirklich immer die Hände gebunden sind“, wie es Patrick Schnepper, Politikreferent des Asta in Köln, formuliert. „Hier sagt die Stadt zum Beispiel, es gebe genug Grundstücke zu erwerben. Das Studentenwerk dagegen behauptet, es könne mit seinen knappen Mitteln gegen private Investoren keinen Schnitt machen. Wer hat nun recht?“ Um solche Fragen zu klären, hat Bundesbauminister Ramsauer (CSU) nun einen runden Tisch zur studentischen Wohnsituation angekündigt. Das Gespräch sei „in Kürze terminiert“, teilt das Ministerium mit, Details gibt es kaum. Die Wohnungswirtschaft soll kommen, kommunale Spitzenverbände und das Studentenwerk, heißt es. Ob auch Studentenvertreter mitdiskutieren dürfen, ist indes unklar.

Auch wenn sich der runde Tisch um „kurzfristige Lösungen“ bemühen will - für Studenten wie Anna-Lena Heblich schreitet das Semester fort. Heblich will nun übergangsweise bei „der Freundin einer Freundin“ unterkommen, die bis Weihnachten im Ausland ist. Danach, so hofft sie, entspannt sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt vielleicht. Der Zeit im Matratzenlager kann sie auch Gutes abgewinnen. Immer wieder die gleichen Geschichten zu hören, den Immobilienteil der Zeitung ebenso zu teilen wie Kochtopf und Dusche - das hat zusammengeschweißt. „Ich hatte erst Bauchschmerzen, hier einzuziehen“, sagt die Studentin. „Aber jetzt sind hier echte Freundschaften entstanden.“ Abends werde auch mal gefeiert, statt „Prost“ sagen sie dann „Notunterkunft“ als Trinkspruch. Und wenn irgendwo eine Party steigt, ziehen alle gemeinsam los.

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