https://www.faz.net/-gyl-ykhe

Wissenschaftliche Arbeiten : Die Plagiat-Scanner

  • -Aktualisiert am

„Noch ist der größte Teil der Literatur in unserem System auf Englisch“, sagt Robert Creutz von Turnitin in Amerika. Doch immer mehr deutsche und spanische Texte kämen hinzu, man plane die Kooperation mit deutschen Partnern. „Wir arbeiten an den Schwachstellen, die Debora Weber-Wulff in ihren Tests gefunden hat“, sagt Creutz. Dazu gehören Übersetzungsfehler in der deutschen Version und Quellenverweise auf Spam-Seiten. Doch trotz aller Kritik bekämen die Nutzer in 45 Sekunden bis drei Minuten umfassende Ergebnisse.

Hundert Bildungseinrichtungen in Deutschland nutzen Turnitin, eine davon ist die Universität Bielefeld. „Wir waren 2003 die erste Hochschule, die damit gearbeitet hat“, sagt Niels Christian Taubert, der Bielefelder Plagiats-Experte. Mit Erfolg, wie er sagt. Die Universität spare viel Zeit und Geld, weil in Minuten die Arbeiten identifiziert werden könnten, in denen nicht sauber gearbeitet worden sei. Die Prüfer anonymisieren die Dokumente, das System zerlegt sie in kleine Textbausteine, die dann durch Datenbanken laufen, in denen Millionen von Online- und Offline-Dokumenten gespeichert sind. Dann markiert Turnitin die kritischen Textstellen farbig. Eine Prozentzahl zum Schluss zeigt, wie groß der Anteil der Arbeit aus nicht oder falsch angegebenen Quellen ist.

„Uns geht es nicht um die Plagiatsjagd, sondern darum, dass die Studenten sorgfältiger arbeiten“, erklärt Taubert. Schon allein der Verweis, dass das System genutzt werde, erhöhe das Bewusstsein für sauberes Zitieren. Ähnlich argumentiert Kerstin Eleonora Kohl von der Pädagogischen Hochschule Freiburg: „So kann die akademische Selbstkontrolle und Qualitätssicherung des wissenschaftlichen Outputs, von der immer so viel geredet wird, tatsächlich realisiert werden.“

„Herrn zu Guttenberg hätte das Programm viel Ärger erspart“

An der Pädagogischen Hochschule Freiburg können die Studenten das Plagiat-Programm Ephorus freiwillig nutzen. Für diese „originelle und kreative Idee, die Sensibilität für den Umgang mit fremdem Gedankengut zu erhöhen“, hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft der Hochschule gerade die Auszeichnung „Hochschulperle“ verliehen. Weil alle Ergebnisse, die die Software liefert, interpretiert werden müssen, bietet die Hochschule den Studenten ein persönliches Gespräch an. Projektleiterin Kohl: „In den meisten Fällen werden Zitierfehler gemacht oder fremde Gedanken ohne vollständige Quellenbelege genutzt.“ Wirkliche Betrugsabsicht gebe es nur sehr selten. Wenn zum Beispiel ein Dokument der Internetseite www.diplom.de die Quelle für 20 Prozent der Arbeit sei, könne man von einem Plagiat mit deutlicher Betrugsabsicht ausgehen. „Die zentrale Frage in unseren Beratungsgesprächen ist dann nicht, wie zitiere ich richtig, sondern warum plagiiere ich“, sagt Kohl.

Denn das Problem, dass sich Studenten der Grenze zwischen Zitieren und Abschreiben oft gar nicht bewusst sind, haben alle Unis. „Man dachte, man kriegt das Problem so in den Griff“, sagt Hans-Heinrich Trute, Jura-Professor an der Universität Hamburg. Dass dies nicht der Fall gewesen sei, zeige das immer größer werdende Interesse der Unis an Plagiatsprogrammen. Die Juristische Fakultät der Uni Hamburg nutzt auch Turnitin, ebenso wie die Wirtschaftswissenschaftler; bisher hat man aber noch keine Betrugsfälle gefunden. „Das Programm ist eine hilfreiche Unterstützung“, findet Trute. Das werden auch seine Kollegen noch feststellen, glaubt er.

Die bisherigen Erfahrungen der Hochschulen zeigen, dass eine Plagiatssoftware keine Plagiatsfreiheit beweisen kann. Denn kein Programm hat alle wissenschaftlichen Artikel in den Datenbanken. Dozenten werden die Übereinstimmungen immer prüfen müssen. Fest steht aber auch, dass die Programme viel Zeit sparen. „Herr zu Guttenberg hätte seine Arbeit schon durch unser Programm laufen lassen können. Das hätte ihm viel Ärger erspart“, sagt Creutz von Turnitin.

Weitere Themen

Eine Uni widersetzt sich

Protest gegen Erdogan : Eine Uni widersetzt sich

Weil der türkische Präsident Erdogan einen Vertrauten als Rektor einer Elite-Uni ernannt hat, regt sich auch in Deutschland Protest. Die Demonstranten in Istanbul wie Berlin stecken aber in einem Dilemma.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.