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Reklame in der Forschung : Achtung statt Ächtung

  • -Aktualisiert am

Stell dir vor du forschst und keiner sieht hin. Bild: Röth, Frank

In einem Workshop der VW-Stiftung in Hannover wurde diskutiert, wie viel Werbung der Wissenschaft gut tut. Viele waren der Ansicht: Hauptsache, es wird getrommelt.

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          Ist nur ein bloggender Wissenschaftler ein guter Wissenschaftler? Gilt als verdächtig, wer sich nicht öffentlich macht? Sollte man Forschern ein Regelwerk an die Hand geben, damit sie „keinen Blödsinn“ reden, wenn sie mit der Öffentlichkeit kommunizieren? Sollen Professoren, die gern und viel Öffentlichkeitsarbeit für ihre Universität und sich selbst betreiben, mit einer Verringerung ihres Lehrdeputats belohnt werden?

          Bei der letzten Frage waren die Meinungen geteilt. Sascha Spoun, Präsident der Leuphana-Universität Lüneburg, sprach sich für eine wie auch immer geartete nichtmaterielle Belohnung in Form von „Achtung statt Ächtung“ aus. Elisabeth Hoffmann, Pressechefin der TU Braunschweig, plädierte hingegen dafür, Kommunikationsleistungen von Wissenschaftlern im Be- und Entlohnungssystem zu berücksichtigen. Das Forum für derlei Fragen bot ein Workshop der Volkswagen-Stiftung in Hannover.

          Dass die Kommunikatoren angesichts der herrschenden Informationsflut zwar durchaus die Devise „Weniger ist mehr“ ausgeben, andererseits aber nicht für eine Verkleinerung von Presseabteilungen, sondern im Gegenteil noch für deren Verstärkung werben, wurde nicht als Widerspruch gesehen. Es überraschte daher kaum, dass die Kommunikationswissenschaftler Frank Marcinkowski (Münster) und Matthias Kohring (Mannheim) gleich zu Beginn ihre Zuhörer mächtig verstörten mit Thesen wie „Wissenschaft braucht keine Öffentlichkeit“ und „Der wissenschaftliche Erkenntnisprozess wird nicht dadurch gefördert, dass viele zugucken“. Die leistungsorientierte Mittelvergabe sei überhaupt erst der Anreiz für diesen Sichtbarkeitswettbewerb.

          Zwang zur Eigenwerbung

          Die Referenten prangerten eine Aufmerksamkeitsindustrie und den Zwang zur Eigenwerbung an und kamen den permanent twitternden und bloggenden Herrnhäuser Teilnehmern damit wie Rufer aus der Steinzeit vor. Wie moderne Kommunikationspraxis an Hochschulen heute funktioniert, demonstrierte Simon Scheuerle, der am Karlsruhe Institute for Technology (KIT) den Bereich Kommunikations-Controlling und Medienresonanzanalyse bespielt. Scheuerle ist Wirtschaftspsychologe und beamt Aufstellungen an die Leinwand, auf denen von Input, Output, Outflow, Outcome die Rede ist.

          Dass man am KIT offenbar eine Menge Outcome hat, dafür könnte das jüngste „Wirtschaftswoche“-Ranking sprechen. Hier haben Arbeitgeber Hochschulen beurteilt, und ausgerechnet im Fach Maschinenbau, für das die RWTH Aachen in den vergangenen Jahren quasi den Spitzenplatz abonniert hatte, ist dem bis dato auf dem undankbaren zweiten Platz verwiesenen KIT jetzt der Aufstieg an die Spitze geglückt.

          Scheuerle spielte den Erfolg zwar herunter und verwies auf „die nur paar Prozentpunkte Unterschied“. Aber liegt der jüngste KIT-Erfolg am Ende einfach nur daran, dass es seit einiger Zeit massiv in die Wissenschaftskommunikation investiert und sich auf dem Gebiet profiliert hat? Augenfällig war jedenfalls: Während die RWTH auf der Tagung gar nicht vertreten war, erschienen vom KIT gleich zwei Vertreter.

          „Wissenschaft muss sich verkaufen lassen“

          Neben Scheuerle kam auch Carsten Könneker. Er ist seit langem Chefredakteur diverser Produkte aus dem Verlag Spektrum der Wissenschaft. Daneben ist Könneker aber seit zwei Jahren auch Wissenschaftlicher Direktor des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, das das KIT zusammen mit der Klaus Tschira Stiftung betreibt und dessen Kooperationspartner die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft ist. An dem Institut, in das die Stiftung sich verpflichtet hat, fünf Jahre lang bis zu zehn Millionen Euro zu schießen, sollen Wissenschaftler in Öffentlichkeitsarbeit geschult werden. Daneben hat Könneker auch noch den Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsforschung am Germanistischen Institut des KIT inne, wo Studenten zu Journalisten und PR-Fachleuten ausgebildet werden.

          Apropos „besser“. Was darunter zu verstehen ist, darüber sind sich die Kommunikatoren uneinig. Denn die Interessen der Kommunikatoren sind sehr verschieden. Der Mitarbeiter einer Pressestelle hat einen anderen Auftrag als ein Journalist in der Zeitungs- oder Fernsehredaktion. Auch wenn sich die Öffentlichkeitsarbeiter dagegen wehren: Die Pressestellen der Hochschulen vermitteln nicht nur zwischen Medien und Forschern oder Forschern und Medien. „Wissenschaft muss sich auch medial verkaufen lassen“, meinte Niedersachsens Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Die Grünen).

          Dem entgegnete der Soziologe Peter Weingart, dass der Verlust an Glaubwürdigkeit „der höchste Preis für den Kampf um Aufmerksamkeit“ sei. Um die Kompetenz derjenigen, denen die Bevölkerung Umfragen zufolge das höchste Vertrauen entgegenbringt, einzufangen, würden manche Hochschulen öffentlichkeitstauglichen Professoren bereits in ihren Arbeitsverträgen festschreiben, wo und wie viel sie zu kommunizieren hätten. Bei dem Berliner Historiker Paul Nolte, wusste Weingart zu berichten, sei es „Teil seines Arbeitsvertrages, in Massenmedien zu publizieren“. Die Frage ist: egal, worüber?

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