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Wenn Kinder studieren gehen : Ein bisschen Helikopter muss sein

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam im Hörsaal: Eltern begleiten die erwachsene Tochter zu einer Info-Veranstaltung an die Uni Bild: Kai Nedden

Wie sollen Eltern sich verhalten, wenn die Kinder studieren gehen? Bloß nicht zu viel bemuttern – aber auch nicht zu wenig!

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          Das Abitur ist geschafft. Für künftige Studienanfänger, aber auch für ihre Eltern beginnt ein neuer Lebensabschnitt. „Beide Seiten müssen jetzt erst mal eine neue Balance aus Nähe und Distanz finden“, sagt Ragnhild Struss, Chefin der Hamburger Karriereberatung Struss und Partner. Das erfordere eine Menge Fingerspitzengefühl, denn nicht nur die jungen Menschen, auch ihre Eltern wüchsen jetzt in eine neue Rolle hinein: Zu viel Einmischung könne bedeuten, dass die Kinder sich nicht selbständig entwickeln; zu wenig, dass sie sich alleingelassen fühlen. Die Erfahrung zeige: Kinder profitieren am meisten von einem „Sparringspartner“, der sie ermuntere und befähige, selbst das Steuer in die Hand zu nehmen.

          Bestenfalls bleiben die Eltern für ihr Kind lebenslang „eine Stütze, ein sicherer Hafen“. Darauf sollte sich das Kind immer verlassen können. Und zwar finanziell, aber auch durch Rat und emotionale Unterstützung. Struss vergleicht Eltern gern mit einem „Treppengeländer“, an dem man sich festhalten kann, wenn man stolpert. Ihr Unternehmen bietet zwar auch ein speziell an Eltern adressiertes Informationspaket zur Studien- und Berufsberatung an. Aber zu den Beratungsterminen müssen immer beide Seiten erscheinen: Eltern und Kinder. Denn auf keinen Fall dürfe man den Kindern etwas „überstülpen“: Leider würden Eltern dazu neigen, den Wert ihrer eigenen Erfahrung zu überhöhen und dem Kind die eigene, vielleicht enttäuschende Erfahrung ersparen zu wollen. Aber: „Bei vielen Dingen muss man selbst die Erfahrung machen, möglicherweise auch eine negative, um daraus zu lernen.“

          Ungut sei es, persönliche Überzeugungen auf das Kind zu übertragen und es damit bei der Studien- und Berufswahl in eine bestimmte Richtung zu lenken. Gut hingegen, sich gewisse verinnerlichte Überzeugungen und Richtlinien, wie man zu sein und sich zu verhalten hat und was ein gelungenes Leben ausmacht, klarzumachen und zu notieren. Das können Sprüche sein wie „Wer nichts wird, wird Wirt“, „Nur die Harten kommen in den Garten“, „Das Glück ist mit den Tüchtigen“, „Work hard, play hard“ oder „Jeder ist seines Glückes Schmied“.

          Das Kind ist weder „Chaos-Kind“ noch „Angsthase“

          Struss warnt vor Projektionen und Mantras: Wenn man dem Kind komme mit Formulierungen wie „Ich bin ...“ oder „Du bist ...“, würden oft nur schwer revidierbare Klischees in der Rollenverteilung innerhalb der Familie geschaffen. Wenn Eltern ihr Kind als „besserwisserisch“, „Chaos-Kind“, „Angsthase“ oder „Tolpatsch“ titulieren, trage das für beide Seiten – Eltern wie Kinder – nicht zu einem ausgewogenen Verhältnis bei. Sehr sinnvoll könne es hingegen sein, sich mit seinen eigenen Träumen und Wunschvorstellungen für das Leben zu befassen.

          Die Beraterin erinnert in diesem Zusammenhang an die Worte von Carl Gustav Jung, den Begründer der Psychoanalyse: „Nichts hat psychologisch gesehen einen stärkeren Einfluss auf ihre Umgebung und besonders auf ihre Kinder als das ungelebte Leben der Eltern.“ Gemeint ist damit, dass Träume der Eltern manchmal als Erbe an die nächste Generation weitergegeben werden. „Deshalb raten wir Eltern, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. War es zum Beispiel ein großer Traum, Konzertpianist zu werden, aber die Familie glaubte an ,ordentliches Handwerk‘? Oder sah man sich insgeheim als Künstler, während man sich ,aus Vernunftgründen‘ für ein BWL-Studium entschieden hat?“

          Eigene Erfahrungen sammeln lassen

          Die Frage, ob ein Kind zum Studium oder für die Ausbildung besser von zu Hause weggeht oder bei den Eltern wohnen bleibt, ist für Struss dagegen irrelevant und abhängig von der Persönlichkeit. Manche Kinder seien überfordert von zu viel Veränderungen auf einmal. Dann könne es hilfreich sein, erst einmal bei den Eltern wohnen zu bleiben. „Dem Gros der Kinder ist allerdings zu empfehlen, sich selbst zu erproben in Alltagsabläufen ohne die Eltern. Daran wachsen Kinder.“ Befragt man zum Thema Eltern-Kind-Verhältnis Gunther Moll, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der medizinischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg, so fällt seine Antwort klar aus: „Das Wichtigste ist, als Eltern das Ziel zu haben, dass Kinder selbst- und eigenständig werden. Das muss von Geburt an das Ziel sein!“

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