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Ökotrophologie studieren : Zwischen Affenbrotbaum und Pausensnack

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Auf Wachstumskurs: In einem Versuchsgewächshaus des Instituts für Agrar- und Ernährungswissenschaften an der Universität Halle Bild: dpa

Ernährungswissenschaftler galten einst als öko, verstaubt und bieder. Heute ist ihr Fach hip wie nie. Woran liegt das?

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          Letztens hätte Maike Schnermann in dem kenianischen Ort, in dem sie gerade lebt, fast festgesessen. In den vergangenen Tagen hatte es viel geregnet – der Boden war matschig, die unbefestigten Straßen nicht befahrbar. Ohne einheimischen Fahrer hätten sie und ihre Projektleiterin keine Möglichkeit gehabt, ihre Forschungen in den umliegenden Dörfern fortzusetzen. Beide untersuchen den Konsum sogenannter Baobab-Früchte, auch Affenbrotbaumfrucht genannt, von Kindern. Christina Steinbach und Diana Röwer hingegen ist es egal, ob es draußen regnet oder die Sonne scheint. Sie verbringen ihren Arbeitsalltag meist im Trockenen: Während Steinbach durch Deutschland reist, um Unternehmen bei der Gesundheitsförderung zu beraten, kümmert sich Röwer bei einem Snack-Hersteller um Qualitätsstandards. Ernährungswissenschaftlerinnen sind sie alle – und damit Protagonisten eines eher brotlosen oder eines niemals gefragteren Fachs? Jetzt, in Zeiten vegetarischer, veganer oder anderweitig konsequenter Ernährung.

          Wer Ernährungswissenschaften studiert, dem stehen zahlreiche Möglichkeiten offen: Er kann forschen wie Maike Schnermann, Unternehmen beraten wie Christina Steinbach, Qualität managen wie Diana Röwer – mit einem wissenschaftlichen Abschluss in der Tasche führt der Weg jedenfalls längst nicht automatisch in eine Praxis für Ernährungsberatung. „Aktuell ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt gut“, sagt Andrea Lambeck, Geschäftsführerin des Berufsverbands Oecotrophologie (VDOE). „Absolventen eines ernährungswissenschaftlichen Studiums können sich die Jobs aussuchen.“ Der Verband zählt jedes Jahr die ausgeschriebenen Stellen, die zu seinen Fachabsolventen passen. „Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl“, sagt Lambeck.

          Ernährungswissenschaftler finden Stellen entlang der kompletten Wertschöpfungskette: von der Ernte eines Rohstoffs und seiner Verarbeitung bis hin zur Vermarktung des Produkts. Vor allem im Qualitätsmanagement und in der Qualitätssicherung in der Lebensmittelindustrie sowie im Marketing und der Produktentwicklung sind Absolventen gefragt. Das gilt auch für Stellen im Catering oder in Kantinen, außerdem in der Lobbyarbeit oder Gesundheitsförderung bei Ministerien, Institutionen oder Verbänden. Auch PR-Agenturen suchen Ernährungsexperten – und Hochschulen neues Lehrpersonal.

          Eine Menge Naturwissenschaft ist auch dabei

          Wer sich also für die Essensforschung entscheidet, trifft meist auf zwei verschiedene eigenständige Studiengänge: Zum einen gibt es die Ökotrophologie, was für Haushalts- und Ernährungswissenschaften steht. Das Studium ist an Fachhochschulen sowie an Universitäten möglich und beinhaltet naturwissenschaftliche, medizinische, soziologische und ökonomische Fächer. Zum Grundstudium zählen meist Physiologie, Chemie, Lebensmitteltechnologie sowie BWL und VWL. Je nach Kursangebot können auch Diätetik, Beratungslehre, Kommunikation, Controlling oder Prozesstechnik auf dem Stundenplan stehen. Der zweite Studiengang sind die Ernährungswissenschaften, die sich in erster Linie mit den naturwissenschaftlichen Vorgängen in der Ernährung, der Verdauung und beim Stoffwechsel beschäftigen.

          Während das Studium an Universitäten wie in Gießen, Bonn und Kiel wissenschaftlicher ausgerichtet ist, bieten Fachhochschulen beide Studiengänge oft mit einem höheren Praxisanteil an. Fachhochschulen finden sich im ganzen Land, etwa in Fulda, Weihenstephan-Triesdorf oder Hamburg. Während es im Jahr 2004 rund 1100 Absolventen der Haushalts- und Ernährungswissenschaften gab, waren es 2012 mehr als 1500, wie aus einer Absolventenbefragung des Berufsverbands VDL auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts hervorgeht. Über die Jahre hinweg lag der Anteil weiblicher Absolventen stets bei rund 90 Prozent. Im Wintersemester 2016/17 waren an den Universitäten und den Fachhochschulen jeweils rund 4500 Studierende für ein Studium mit Schwerpunkt Ernährung eingeschrieben.

          „Bevor man sich für das Studium an einer Hochschule entscheidet, sollte man einen Blick in den Modulplan werfen“, rät Andrea Lambeck. „Denn jemand, der Ernährungsberater werden möchte, ist an einer Hochschule mit primär naturwissenschaftlichem Fokus falsch.“ Zusätzlich gilt: Wer als qualifizierter Ernährungsberater arbeiten möchte, braucht dafür eine Zusatzqualifikation. Interessierte können sich dafür zum Beispiel an den VDOE oder an die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) wenden.

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