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Ausländische Studenten : Im Osten abends nicht allein auf die Straße gehen

Offensive Werbung: Die Hochschule Anhalt in Köthen (Sachsen-Anhalt) freut sich über ausländische Studierende. Doch Ostdeutschland wird als Ziel unattraktiver. Bild: dpa

Der World University Service berät ausländische Studenten. Weil latenter Rassismus hierzulande wieder öfter in Gewalt umschlägt, schauen die Gäste nun deutlicher hin, wo in Deutschland sie studieren möchten, sagt der Leiter des Deutschen Kommittees.

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          Flüchtlingsdrama, Rassismus, Ukraine-Krise, verschärfte Unterdrückung in China, Tauwetter in Vietnam: Alle Erschütterungen und Windwechsel der Weltpolitik erreichen früher oder später auch den Altbau an der Goebenstraße in Wiesbaden, in dem Kambiz Ghawami sein Büro hat. Von dort aus leitet der gebürtige Iraner das deutsche Komitee des World University Service (WUS). Seit 1920 unterstützt diese Organisation Studenten und Lehrende an Hochschulen und fördert den internationalen akademischen Austausch. Die weltweite Vernetzung bringt es mit sich, dass Ghawami und seine Mitarbeiter fast jeden politischen Konjunkturwandel in fernen Ländern irgendwann zu spüren bekommen. Schließlich zieht es junge Menschen von überall her an die deutschen und hessischen Hochschulen.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Verhalten der Chinesen zum Beispiel merkt Ghawami, dass die Kommunistische Partei im Reich der Mitte die Zügel wieder fester angezogen hat. Obwohl die Zahl der chinesischen Studierenden steigt, melden sich immer weniger von ihnen für Veranstaltungen des Studienbegleitprogramms Stube an, das unter dem Dach des WUS organisiert wird. „Wir haben beobachtet, dass die Studenten in den letzten zwei Jahren sehr zurückhaltend geworden sind.“ In der Heimat werde es nicht gerne gesehen, wenn Chinesen im Ausland Interesse an politischer Fortbildung zeigten. „Die sollen sich auf ihr Studium konzentrieren, heißt es.“

          Es würde nicht überraschen, wenn Ghawami von den Russen Ähnliches zu berichten hätte. Hat er aber nicht. Es gebe keinen „langen Arm aus Moskau“, der Studenten im Ausland auf Linie bringe, glaubt der Vereinsvorsitzende. Erstaunlicherweise habe Präsident Putin die heimischen Hochschulen sogar ermutigt, stärker mit westlichen Unis zusammenzuarbeiten. Einen regelrechten „Boom“ gebe es bei der Nachfrage von Ukrainern nach einem Studienaufenthalt in Deutschland, was aber auch kein Wunder sei: „Die Leute wollen raus aus dem Land“, in dessen Ostteil noch immer gekämpft wird.

          Wohnraummangel bereitet Sorgen

          Ghawami würde es gerne sehen, wenn auch mehr junge Menschen aus Syrien und dem Irak den Weg in deutsche Hörsäle fänden. Niedersachsen bemühe sich explizit darum, Flüchtlingen die Aufnahme oder Fortsetzung eines Studiums zu ermöglichen. Hessen könne in dieser Hinsicht noch mehr tun, auch wenn sich einzelne Hochschulen schon jetzt großzügig zeigten.

          Ob Chinesen, Russen oder Ukrainer: Ausländische Studenten kommen gerne nach Deutschland und auch nach Hessen, wie Ghawami feststellt. Unter Ingenieur-Aspiranten etwa genieße die TU Darmstadt einen guten Ruf, und die Uni Kassel habe sich durch Studienangebote mit Entwicklungshilfebezug profiliert. Sorge bereitet dem WUS-Vorsitzenden aber der Wohnraummangel. In Hessen gebe es zu wenig Wohnheimplätze, und auf dem privaten Markt eine Bleibe zu finden sei schwierig. „Je dunkler die Haut, desto mehr Absagen“, hat Ghawami beobachtet, der selbst 1972 zum Studium nach Deutschland gekommen war. Seiner Ansicht nach sollten Studentenwerke und Kommunen vor Semesterbeginn an Privatleute appellieren, Unterkünfte für Ausländer zur Verfügung zu stellen.

          Nachfrage nach Ostdeutschland hat nachgelassen

          Dass latenter Rassismus hierzulande wieder öfter in Gewalt umschlägt, wird nach Ghawamis Worten von potentiellen Gaststudenten aufmerksam registriert. Die Sorge, Opfer fremdenfeindlicher Angriffe zu werden, beeinflusse auch deren Ortswahl: „In den letzten zwei, drei Semestern hat die Nachfrage nach einem Studium in Ostdeutschland deutlich nachgelassen.“ Der WUS versuche, in dieser Situation sachlich und ausgewogen zu informieren: Er weise etwa darauf hin, dass die Lebenshaltungskosten in Leipzig niedriger seien als in Frankfurt. Aber er empfehle ausländischen Studenten auch, in bestimmten Gegenden abends nicht allein auf die Straße zu gehen.

          Nachwuchs-Akademiker aus aller Welt bei ihrem Aufenthalt in Deutschland zu unterstützen ist nur die eine Hälfte des Auftrags, dem sich der World University Service verpflichtet fühlt. Der andere Teil seiner Mission besteht darin, im Ausland Entwicklungshilfe zu leisten. Zum Beispiel in Vietnam. Die dort ansässige Vietnamesisch-Deutsche Universität, 2008 mit kräftiger Unterstützung aus Hessen gegründet, ist für Ghawami bis heute das Vorzeigeprojekt des WUS. Seine Organisation unterstützt die junge Hochschule vor allem beim Aufbau der Verwaltung. Inzwischen hat die Universität gut 1000 Studenten, die sich auf vier Bachelor- und sechs Masterstudiengänge verteilen.

          Laut Ghawami genießt die Uni, deren Hochschulrat er angehört, eine für vietnamesische Verhältnisse beispiellose Autonomie. Vorbild sei dabei die TU Darmstadt gewesen, der das Land Hessen 2005 den Status einer Modellhochschule verlieh. In das erste vietnamesische Hochschulgesetz, das 2012 beschlossen worden sei, hätten wiederum fortschrittliche Elemente aus der Satzung der Vietnamesisch-Deutschen Universität Eingang gefunden. Auch die Humboldtsche Idee der Einheit von Forschung und Lehre habe in dem südostasiatischen Land ihre Anhänger gefunden. Alle staatlichen Universitäten dürften nun acht Prozent ihres Etats selbständig für Forschung ausgeben.

          Anfangs lief freilich nicht alles glatt mit der Muster-Uni. Im Politbüro der vietnamesischen KP gab es nach Ghawamis Worten Hardliner, die Hochschul-Autonomie für „Teufelszeug“ gehalten hätten. Die Wende zum Guten habe ein Besuch beim greisen General Vo Nguyen Giap gebracht. Der einstige stellvertretende Ministerpräsident, der im Land höchstes Ansehen genoss, empfing überraschenderweise die Hochschul-Visionäre und ließ sich ihre Pläne schildern. Dann sprach er sein Urteil: „Diese Universität bringt uns voran.“ Giap starb 2013 im Alter von 102 Jahren. Aber Ghawami ist überzeugt: „Sein Wort gilt bis heute.“

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