https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/campus/wenn-studenten-manieren-studieren-1411001.html

Campusknigge : Manieren studieren

  • -Aktualisiert am
Wie ging das nochmal mit dem Hummer?
          3 Min.

          Ruggero Noto la Diega war der einzige Student, der zu seiner Prüfung ein weißes Hemd anzog. Es war frisch gewaschen und gebügelt. „Hast du dich aber fein gemacht“, staunten seine Kommilitonen, die Shirts und Pullover trugen. Noto la Diega hatte ursprünglich sogar einen Schlips umbinden wollen, hatte sich aber dagegen entschieden. „Ich dachte mir: Ich kann ja nicht eleganter sein als der Professor“, sagt der 29 Jahre alte Mann, der an der Freien Universität Berlin Biologie und Chemie aufs Lehramt studiert.

          Stil und Etikette in Potsdam

          Zum nächsten Examen werden Noto la Diegas Kommilitonen vielleicht doch im Anzug antreten und der Professor wird eine Krawatte tragen. Denn Manieren erleben an den deutschen Hochschulen „einen neuen Aufschwung“, sagt der Jurist Miloš Vec, Mitherausgeber des „Campus-Knigges“. Er versteht darunter „das angemessene Verhalten in der jeweiligen Situation“.

          Mögen sie desorientiert durch die ersten Semester stolpern – bis zum Examen merken viele Studenten doch, wie wichtig Benimm ist. Die Tagesseminare über „Stil und Etikette“, die der Career Service der Universität Potsdam anbietet, sind regelmäßig ausgebucht. Der ehemalige Kapitän Jörg Kracht erklärt dort den Studenten, wie man sich bei einem Geschäftsessen verhält und welche Kleidung im Büro angemessen ist. Wie verspeise ich eine Artischocke und wann darf ich den Doktortitel weglassen? Für solche Themen interessieren sich laut Kracht Studenten aller Fakultäten, Männer ebenso wie Frauen.

          Große Unsicherheit im Unternehmen

          Dieter Wagner, der den Career Service leitet, hat beim akademischen Nachwuchs „eine große Unsicherheit darüber“ beobachtet, „wie man sich in einem Unternehmen benimmt“. Der Professor lehrt in Potsdam Betriebswirtschaft. Als er in den siebziger Jahren studierte, wurden die wissenschaftlichen Assistenten grundsätzlich geduzt. Inzwischen werden sie seiner Ansicht nach bei den Ökonomen und den Juristen eher gesiezt als in anderen Fächern.

          Berater Kracht erklärt den Teilnehmern seiner Seminare, dass sie den akademischen Titel erst weglassen dürfen, wenn der Angesprochene es ausdrücklich erlaubt. Das gelte natürlich nicht nur für später, also fürs Berufsleben, sondern schon für die Universität. „Die Studenten akzeptieren das sehr wohl, denn sie können sich vorstellen, welcher Kraftaufwand hinter einer Dissertation steckt“, sagt er.

          Hallöchen in der E-Mail

          Trotzdem ist es nicht ungewöhnlich, dass deutsche Professoren als „Herr Krause“ tituliert werden, ohne dass sie ihre Studenten dazu aufgefordert hätten, oder dass eine E-Mail an den Dozenten mit „Hi Prof“ oder „Hallöchen“ beginnt. An der Universität von Siena, wo Ruggero Noto la Diega sein erstes Studium absolvierte, wäre das undenkbar. Professoren werden in Italien immer mit dem Titel angesprochen, berichtet er, denn die Anrede „Herr“ und „Frau“ würde signalisieren, dass man sich auf einer Ebene befindet.

          Den Italiener befremdet auch das seltsame Verhältnis der deutschen Studenten zu Respektspersonen. „Einerseits geben sie vor, die Autorität des Professors nicht anzuerkennen“, sagt er. „Andererseits trauen sie sich nicht, Konflikte offen zu benennen.“ Er selbst habe damit gute Erfahrungen gemacht, berichtet Ruggero Noto la Diega: „Meine Anregungen und Vorschläge wurden meist ernst genommen.“

          Ein völliges Chaos

          Der Wissenschaftsbetrieb wirkt auf viele Studenten furchteinflößend und abschreckend. Er hält sie davon ab, sich mit Leidenschaft in ihr Fach zu vertiefen. Statt um kritische Analyse gehe es oft darum, gegenüber dem Professor und den Kommilitonen ein „kluges Gesicht“ aufzusetzen und vorzugeben, dass man viel weiß. Das schrieb der Sozialwissenschaftler Wolf Wagner schon 1977 in seinem Buch „Uni-Angst und Uni-Bluff“. Es soll in diesem Jahr in einer überarbeiteten Fassung neu aufgelegt werden.

          Wagner, der an der Fachhochschule Erfurt lehrt, kritisiert vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaftler. Bei den Naturwissenschaftlern sei von vornherein klar, welche Formeln gelernt werden müssen, bei Germanisten, Historikern und anderen „herrscht oft ein völliges Chaos“, beklagt der 1944 geborene Wissenschaftler: „Die Studenten wissen nicht, welcher literarische Kanon ihnen abverlangt wird.“ Viele seiner Kollegen würden in erster Linie ihren eigenen Interessen nachgehen, statt fächerübergreifend Kenntnisse zu vermitteln. „Die Soziologen können sich nicht einmal darauf einigen, dass alle Max Weber lesen“, sagt Wolf Wagner. Bei derlei fachlicher Unsicherheit scheint es durchaus verständlich, dass die Studenten ihrerseits ein seltsames Benehmen an den Tag legen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Am Tatort des Messerangriffs in Oberkirchberg brennen Lichter, sind Blumen abgelegt.

          Tod einer 14-Jährigen : „Sie war immer fröhlich“

          In Illerkirchberg ersticht ein Mann ein 14-jähriges Mädchen. Die Trauer ist groß. Und es stellen sich Fragen: Haben die Behörden vor der Tat etwas übersehen? Und was war das Motiv?
          Gemeinsame Übung: Japanische und britische Soldaten im November in der Präfektur Gunma

          Militärische Verteidigung : Japan forciert eine Zeitenwende

          Mit Blick auf Nordkorea und China erhöht Japan den Wehretat drastisch. Tokio plant damit eine komplette Neuausrichtung der Verteidigung – und geht dabei anders vor als Deutschland.
          Annie Ernaux, aufgenommen 2022

          Französische Nobelpreise : Wie aber haltet ihr es mit dem Stil?

          Annie Ernaux erhält am Samstag den Literaturnobelpreis. Binnen vierzehn Jahren sind drei französische Schriftsteller damit ausgezeichnet worden, außer ihr Jean-Marie Gustave Le Clézio und Patrick Modiano. Was verbindet und was trennt sie?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.