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Weckruf : Studenten, was geht?

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Geht mal an die frische Luft, Studenten!
Geht mal an die frische Luft, Studenten! : Bild: dpa

Eine so erfrischende, rundum gelungene Generation wie unsere - Terrys und meine - hat Gott (dieser ernste, alte Mann) noch nie auf seiner Erde zu Gesicht bekommen. Wir sind weltoffen, friedlich, tolerant, vielsprachig, mit vielen akademischen Titeln dekoriert, erfolgreich und piepsfrech, idealistisch, Salz, grüne Soße und Paprikapulver für die große weite Welt, total aufregend. Die Welt ihrerseits beglückt uns dafür mit Biokohlrabi und dem Lonely Planet. Und wir stehen ihr treu zur Seite. Der öffentliche Dienst ist die ideale Basis, um den Erlebniszoo, als den wir die Welt erkannt haben, bewahren zu können. Hege, Pflege und Unkrautbekämpfung geschiehen mit den Mitteln des aufgeklärten Geistes: labern, twittern, viele Freunde sammeln.

Ein Übermaß an Schleim hat sich auch in jungen Hirnen festgesetzt, was zu einem Mangel an Realitätssinn führen kann. Das sieht man zunächst nicht, es ist aber eine ernste Krankheit. Sie äußert sich in floskelhafter Rede, langweiliger Strebsamkeit, magnethafter Suche nach dem Gleichen und führt ziemlich sicher vom Jungsein in die gute alte Spießigkeit und den Zynismus. Das alles ist nicht neu. Heinrich Heine schrieb über die deutsche Jugend des 16. Jahrhunderts, sie (gemeint war hier der junge Luther) habe etwas „schauerlich Naives“, etwas „tölpelhaft Kluges“, etwas „erhaben Borniertes“. Den Deutschen, so meint er, sei irgendwann der Blick für das „ewig Lächerliche der Menschheit“ abhandengekommen, an seine Stelle traten „abstrakte Leidenschaft“ und „stolze Unabhängigkeit“. Max Goldt ruft aus dem Hier und Jetzt: „Nichts wird so bestraft wie die Verweigerung des Geschwätzes.“ Sollte einem womöglich sogar davor grauen, wenn meine Generation mal wirklich was zu sagen hat?

Jan Grossarth

Grottenolme am Badesee

Nach Bologna nimmt die akademische Jugend die Farbe der Grottenolme an. Bleich hocken die Studierenden in müffelnden WG-Zimmern und noch nachts in überfüllten Bibliotheken. Dort büffeln sie sich die Bachelor-Punkte zusammen. Sonnenlicht sehen sie, wenn sie zur Vorlesung hetzen, Bewegung verschaffen sie sich beim Aufzeigen im Seminar, wenn der akademische Pauker etwas fragt. Zwischendrin fünf Minuten Quality Time für die Mensa-Nudeln und abends „Work-Life-Balance“ im Analog-Chat mit den WG-Leuten, deren Namen sie ab dem dritten Semester auswendig konnten: „Hi, alles gut? Ja, bei mir auch.“ In den Semesterferien: Praktika, Praktika, Praktika.

Benutzt die Dinger nicht nur, erfindet auch mal eins, Studenten!
Benutzt die Dinger nicht nur, erfindet auch mal eins, Studenten! : Bild: dpa

Und das Schlimmste: In Wirklichkeit ist alles noch viel schlimmer. Sie sind Grottenolme, aber sie dürfen nicht aussehen wie Grottenolme. Denn wem man anmerkt, dass er sich blass paukt, der ist ein „Nerd“, ein eindimensionaler Irrer, ein „Lauch“, verunstaltet vom Streben und Schleimen, ein „MoF“, ein Mensch ohne Freunde. Der Bologna-Student hat also doppelt Stress. Er schuftet, und er muss zu den Partys und an den Baggersee. Damit er - „Entspann dich!“ - performed wie nach drei Wochen hartem Chillen in Florenz.

Axel Wermelskirchen

Sie sagen immer nur „genau“

Genau“, sagen Bewerber gern, die sich für ein Praktikum in unserer Redaktion vorstellen. Gerade hat man sie gefragt, warum sie denn Filmwissenschaft studieren, oder man hat sie gebeten, den Fall Snowden zusammenzufassen, und die Antwort fällt lang, aber unbefriedigend aus. Wenn ihnen dann nichts mehr einfällt, machen diese Bewerber eine kurze Schwadronierpause, als wollten sie ihren eigenen dünnen Gedanken noch ein wenig Substanz ablauschen. Und schließen dann mit einem gedehnten „Genau“.

Es handelt sich um einen paradoxen Sprechakt: Als wollten diese jungen Menschen ihre Unkenntnis mit einem Zauberwort bannen, das aus Blech Gold macht. Was zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung gelingt. Sie wirken dann ganz zufrieden mit sich selbst, wenn sie erst einmal „genau“ gesagt haben. Das Leiden an Wissenslücken und Fehlern, das der erste Schritt zur Besserung sein könnte, bleibt ihnen fremd. Deshalb hüte man sich vor den „Genau“-Sagern. Jahrelange Erfahrung zeigt, dass sie es mit gar nichts genau nehmen. Nicht mit der Rechtschreibung, nicht mit der Zeichensetzung und nicht mit den Fakten. Das G-Wort ist ein Kontraindikator. Ein ziemlich genauer sogar.

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