https://www.faz.net/-gyl-xtv8

Virtuelle Universität : Oxford in Meck-Pomm

Klick für Klick durch die Vorlesung: In Mecklenburg-Vorpommern entsteht Deutschlands erste private virtuelle Universität Bild: ddp

Ein Informatiker will in Schwerin eine virtuelle Universität gründen. Seine Pläne klingen großspurig. Aber tatsächlich steht der technische Fortschritt ganz auf seiner Seite.

          2 Min.

          Harvard, Oxford, Cambridge - so heißen üblicherweise die Platzhalter, wenn von Elitehochschulen die Rede ist. Aber Schwerin? Ausgerechnet in der Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, deren akademische Perle bislang ein biederer Ableger der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit ist, soll Deutschlands erste private virtuelle Universität entstehen - und im Konzert der Großen mitspielen. So abwegig der Plan klingt, so vehement verteidigt Alfons Rissberger ihn. Mit seinem „Lebensthema IT“ wolle er Deutschland zukunftsfähig machen und die Welt verbessern, sagt er unbescheiden. Dafür sei der Abschied von althergebrachten Lehr- und Lernformen überfällig.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „VirtuS“ hat er sein Hochschulprojekt getauft. Die Bundesbildungsministerin habe seine Vorschläge bisher ignoriert, räumt er ein. Aber zur Not gebe es in Russland und in Arabien genug Investoren mit Interesse und viel Geld. Er selbst wolle an dem noch in den Kinderschuhen steckenden Projekt nichts verdienen, die Rolle als Ideengeber genüge ihm.

          Lehrveranstaltungen ins Netz verschieben

          Ganz neu ist dabei nicht die Idee an sich, sondern der Anspruch, mit der Rissberger sie vertritt: Der Einsatz von Internet und Computer gehört an den meisten Hochschulen zum Alltag - und kratzt am Nimbus der Präsenzveranstaltung. Der Vizepräsident der Uni Kassel etwa berichtet, dass Studenten, die einer Vorlesung regelmäßig per Videoübertragung von zu Hause aus folgen, in der Klausur sogar besser abschneiden als ihre Kommilitonen, die das ganze Semester über jede Woche im Hörsaal saßen. Neun von zehn Lehrveranstaltungen, schätzt Alfons Rissberger, lassen sich ins Netz verschieben, ohne dass darunter der Lernerfolg leidet.

          „Nur die wenigsten Dozenten schaffen Emotionen als Grundlage für Lernprozesse“, kritisiert er. Eine Arbeitsgruppe - Rissberger hat ihr den Arbeitstitel iMeck gegeben - soll zum einen die verschiedenen Ansätze der einzelnen Hochschulen bündeln und sich auf deutschlandweit einsetzbare Standards einigen. Zum anderen soll sie prüfen, wie der Einsatz von moderner Kommunikationstechnik alle Bildungsmaßnahmen in ganz Deutschland verbessern kann. Das ist der erste Baustein seines Plans. Eine Milliarde Euro im Jahr lassen sich nach Rissbergers Berechnungen durch die Umsetzung sparen. Das zweite Element ist die virtuelle Hochschule, die mit den Fächern Jura und Betriebswirtschaftslehre starten soll. Drei in Trimester aufgeteilte Studienjahre bis zum Masterabschluss oder Staatsexamen schweben Rissberger vor. Je Trimester sollen die Studenten, die für das schnelle Studium Gebühren zahlen sollen, außerdem für drei Wochen leibhaftig nach Schwerin kommen. Dann sollen Prüfungen abgenommen, ergänzende Seminare und Übungen abgehalten werden. Weil die fachlichen Inhalte schon online vermittelt werden, soll dann Zeit für soziales Lernen sein, vor allem für Führungsqualitäten und den Umgang mit Kunden.

          Kein Staatsgeld für das Projekt

          Dritter Punkt auf der Liste des Informatikers, der eine der treibenden Kräfte hinter der nationalen Internet-Initiative D21 war und nun kurz vor dem Renteneintrittsalter steht, ist die „Fabrik für Bildungssoftware“, die ebenfalls in Schwerin entstehen soll. Exzellente Hochschullehrer sollen dort ihr Know-how zur Verfügung stellen, damit Softwareentwickler sie in moderne Lehrprogramme gießen können. „Das werden dann keine Vorlesungsmitschnitte sein“, verspricht Rissberger. „Sonder eher Flugsimulatoren, die den Puls auf 230 bringen.“

          1000 Programmierer müssten dafür angelockt, die Schulbuchverlage mit ins Boot geholt, eine Milliarde Euro eingesammelt werden. Bis März soll ein konkreter Arbeitsplan fertig sein, mit dem Rissberger dann in der Öl- und Gasbranche um Kapital werben will. Staatsgeld werde es für das Projekt nicht geben, hat die Regierung in Schwerin verlauten lassen. „Dafür habe ich Verständnis“, sagt Rissberger. „Genauso wie für Leute aus dem Mittelalter, die sich nicht trauen, vom Pferd auf das Auto umzusteigen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Markus Söder beim Online-Interview in der Münchener Staatskanzlei

          Markus Söder im Interview : „Russland ist kein Feind Europas“

          Markus Söder verlangt Augenmaß bei Sanktionen gegen Russland. Die Ukraine sieht er nicht in der NATO und Nord Stream 2 möchte er in jedem Fall in Betrieb nehmen. Wenn nicht, könne es in Deutschland „sehr kalt“ werden.
          Wer wird Fraktionsvorsitzender im Bundestag? Friedrich Merz und Markus Söder am Ufer des Kirchsees

          CDU-Vorsitz : Merz muss es wagen

          Die Union will eine starke Opposition werden. Mit einer gespaltenen Führung wird daraus aber nichts. Merz muss es wagen, Brinkhaus muss weichen.