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Abiturnoten : Vergleichbarkeit? Von wegen!

  • -Aktualisiert am

Unterm Strich kommen bei der Bewertung von Abiturleistungen sehr unterschiedliche Ergebnisse heraus. Bild: ZB

Das bundesweite Zentralabitur kommt. Aber jedes Land berechnet die Abitur-Note anders. In Sachsen-Anhalt dürfen die Schüler sogar selbst entscheiden, wie ihre Abschluss-Zensur berechnet wird.

          3 Min.

          Als die Kultusminister der Länder im vergangenen Jahr beschlossen, bis 2017 ein bundesweit einheitliches Zentralabitur einzuführen, sprachen sie von einer besseren „Vergleichbarkeit“ der Abiturnoten, die so erreicht werden könne. Auf den ersten Blick erscheint diese Erwartungshaltung begründet. Doch allein die Tatsache, dass Prüfungen und Lehrpläne vereinheitlicht werden, bedeutet noch lange nicht, dass die Abiturnoten der Schüler von Bundesland zu Bundesland dann miteinander besser vergleichbar sein werden.

          Zuletzt ging die Entwicklung in die gegenteilige Richtung: In den vergangenen Jahren, als immer mehr Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hessen oder Schleswig-Holstein das Zentralabitur einführten, ist statt einer einheitlichen Oberstufe mit vergleichbaren Abiturnoten ein föderaler bildungspolitischer Wildwuchs entstanden.

          Gab es bis 2006, als die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) eine Umgestaltung der gymnasialen Oberstufe verlangte, diese Reform aber in die Hand der Länder legte, auch noch länderübergreifende Grundlagen für die Berechnung der Abiturnote, so kocht seitdem jedes Land diesbezüglich sein eigenes Süppchen. Die Folge ist, dass bei gleichen Prüfungsleistungen der Notenschnitt je nach Bundesland erheblich variieren kann.

          Mal zählen Zensuren doppelt, mal nicht, andere streichen ganz

          Bis 2006 gab es in jedem Land für Schüler eine Wahlpflicht von zwei Leistungskursen. Die Punktzahl darin wurde stets doppelt in die Abiturnote eingerechnet. Seither halten einige Länder wie Sachsen und Nordrhein-Westfalen am Modell mit zwei Leistungskursen und mehreren Grundkursen fest. In anderen Ländern wird wieder in Haupt- und Nebenfächer unterschieden und stark im Klassenverbund unterrichtet. Bayern und Mecklenburg-Vorpommern etwa haben sich für ein Korsett aus vier Hauptfächern entschieden für jeden Schüler. Anderswo gibt es sogenannte Profilfächer (Baden-Württemberg), Kurse auf erweitertem Niveau, Vertiefungsfächer, Intensivfächer (Berlin), Kernfächer, Schwerpunktfächer, Ergänzungsfächer, Seminar- und Wahlfächer (Niedersachsen).

          Nicht nur die Bezeichnungen sind von Land zu Land unterschiedlich. Auch die Wahlmöglichkeiten der Schüler hinsichtlich ihrer Fächer variieren: Einige Länder erlauben Fächerkombinationen wie Deutsch und Mathematik als Leistungsfächer, andere schreiben sie vor, andere verbieten sie ausdrücklich. Hinsichtlich der „Sicherung der Vergleichbarkeit der Abiturergebnisse“ (ausdrückliches Ziel des KMK-Beschlusses von 2006) fällt auf, dass auch das Berechnungsverfahren der Länder sehr unterschiedlich ausgestaltet wurde.

          Somit sind die Abiturnoten weit weniger vergleichbar geworden: Mal zählen Leistungsfächer doppelt in der Endnote, mal nur einfach. Das eine Land erlaubt zudem die Streichung mehrerer schwacher Ergebnisse in einzelnen Kursen, andere Länder gestatten weniger davon, andere gar keine. Während Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Bayern, Thüringen und Baden-Württemberg wenige Streichungen schlechter Noten erlauben, sind Berlin, Bremen, Hessen, Hamburg und NRW hier sehr großzügig. Die Folge: Schüler mit eklatanten Schwächen in mehreren Fächen werden hier nicht zum Abitur zugelassen, dort schon. Trotzdem ist es den amtlichen Zahlen zufolge so, dass die tatsächlich erreichten Abitur-Durchschnittsnoten etwa in Bayern deutlich besser ausfallen als etwa die in Niedersachsen.

          Ein pensionierter Gymnasiallehrer rechnet nach

          Die ungleichen Berechnungsmethoden regen Günter Germann, einen pensionierten Gymnasiallehrer aus Halle in Sachsen-Anhalt, sehr auf. Er hat sich akribisch durch den Wirrwarr der föderalen Bildungsgesetze und -verordnungen gewühlt und ausgerechnet, was der bildungspolitische Wildwuchs für Schüler bedeutet.

          Ein Rechenbeispiel für die mangelhafte Vergleichbarkeit des Abiturschnitts: Unser fiktiver Muster-Abiturient hat fünf Prüfungsfächer und sechs Grundfächer belegt. In vier Schul-
halbjahren wird er darin insgesamt 44 Mal benotet, hinzu kommen fünf Noten für die Abiturprüfungen. Wir nehmen Zensuren von 2 (mangelhaft) bis 14 Punkten (sehr gut) in 
den einzelnen Fächern an und insgesamt elf Kurse, in denen die Note nicht ausreichend ist (weniger als 5 Punkte). Mit identischen Leistungen würde der Musterschüler in einigen
Bundesländern zum Abitur zugelassen, in anderen nicht. Auch die Durchschnittsnote würde stark variieren.
          Ein Rechenbeispiel für die mangelhafte Vergleichbarkeit des Abiturschnitts: Unser fiktiver Muster-Abiturient hat fünf Prüfungsfächer und sechs Grundfächer belegt. In vier Schul- halbjahren wird er darin insgesamt 44 Mal benotet, hinzu kommen fünf Noten für die Abiturprüfungen. Wir nehmen Zensuren von 2 (mangelhaft) bis 14 Punkten (sehr gut) in den einzelnen Fächern an und insgesamt elf Kurse, in denen die Note nicht ausreichend ist (weniger als 5 Punkte). Mit identischen Leistungen würde der Musterschüler in einigen Bundesländern zum Abitur zugelassen, in anderen nicht. Auch die Durchschnittsnote würde stark variieren. : Bild: F.A.Z.

          Bei identischen Leistungen in den einzelnen Fächern können die Abiturnoten von Land zu Land um gut ein halbe Note schwanken (siehe Grafik). Die Schwankungen sind umso größer, je stärker die Noten eines Schülers von Fach zu Fach variieren.

          Ungerecht sei das und rechtlich fragwürdig, meint Günter Germann. Schließlich entscheidet für der Mehrzahl der Studiengänge die Abiturnote darüber, ob ein Schüler zugelassen wird. Schüler aus den Ländern mit strengeren Kriterien sind benachteiligt. Im Kultusministerium heißt es, eine Änderung sei nicht beabsichtigt: „Wir werden erst Erfahrungen mit dieser Regelung sammeln.“ Das jüngste Beispiel für föderalen Wildwuchs liefert das schwarz-rot regierte Sachsen-Anhalt.

          Seit diesem Jahr erlaubt das Land seinen Oberstufenschülern auf Grundlage einer „Verordnung über die gymnasiale Oberstufe“ aus dem Jahr 2013, selbst zu entscheiden, nach welcher Methode ihr Abiturschnitt berechnet werden soll. Sie dürfen wählen, ob die erreichten Punktzahlen aus den Leistungskursen einfach oder doppelt in die Wertung einfließen. Die Kultusministerkonferenz erlaubt es den Ländern seit einigen Jahren, auch über die Ausgestaltung dieses Details selbst zu entscheiden. Im Bildungsministerium von Sachsen-Anhalt dachte man sich nun offenbar: Erlauben wir es auch unseren Schülern.

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