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Universitäten : Der neue Kampfgeist auf dem Campus

Gut lachen hat Rudolf Steinberg (Mitte), Präsident der Frankfurter Goethe-Universität, bei der Übergabe einer 30 Millionen-Euro-Spende Bild: Frank Röth

Die Universitäten werden autonom: Sie entscheiden über Professorengehälter, Bauvorhaben und Industriepartner. Und sogar über Studenten.

          6 Min.

          Es gibt Glückstage im Leben eines Universitätspräsidenten. Der morgige Montag ist ein solcher Tag für Rudolf Steinberg. Der Präsident der Universität Frankfurt wird dann seinen Trumpf ausspielen: Er hat eine Mäzenin gefunden, eine Frankfurter Bürgerin, Witwe eines Bankiers, die der Hochschule mehr als 30 Millionen Euro vermacht. "Eine enorme Summe", verkündet Steinberg voller Stolz. Die Spende soll in das Stiftungsvermögen der Universität einfließen. Frankfurt möchte wieder werden, was schon bei ihrer Gründung 1914 galt: eine Stiftungsuniversität. Noch vor zehn Jahren wäre die Idee, dass sich Bürger für die Einrichtung finanziell engagieren, undenkbar gewesen, erklärt der Präsident. "Universitäten, Politik und Gesellschaft waren getrennte Blöcke, starr und unvereinbar, dazwischen tiefe Gräben."

          Winand von Petersdorff-Campen
          (wvp.), Wirtschaft
          Bettina Weiguny
          (bwy.), Freie Autorin

          Das hat sich gewandelt. Es ist Bewegung gekommen in das deutsche Hochschulwesen. Nicht nur in Frankfurt. Überall kämpfen die Universitäten um Profil, Geld und Exzellenz mit einer Energie, die den verkrusteten Einrichtungen keiner zugetraut hätte. Von Tübingen bis Kiel, von Freiberg bis München, von Lüneburg bis Darmstadt erschallt ein Ruf, der da lautet: Wir wollen Elite sein. Das hätte es vor 20 Jahren nicht gegeben.

          Ende der McDonald's-Politik

          "Wir wollen aus einer kaum bekannten Adresse eine der besten öffentlich-rechtlichen Universitäten Europas machen, ein Vorbild für die gesamte deutsche Hochschullandschaft", tönt Universitätspräsident Sascha Spoun. Er spricht nicht von München, er spricht von Lüneburg. Die McDonald's-Politik der Gleichmacherei in den Hochschulen hat ein Ende, jubelt Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, will Headhunter einsetzen, um Topwissenschaftler zu akquirieren. Eine Dependance der TU in Singapur soll ausländische Elitestudenten werben. Die Universität Bremen mausert sich von der "roten Kaderschule" zur Karriereschmiede. Und Steinberg, der Frankfurter, sieht seine Universität ohnehin ganz weit vorn, zumindest was Autonomie und Ambition angeht.

          Steinberger und Johann Dietrich Wörner unterzeichneten 2005 schon unter den Augen des hessischen Wirtschaftsministers Udo Corts (Mitte) ein Kooperationsabkommen
          Steinberger und Johann Dietrich Wörner unterzeichneten 2005 schon unter den Augen des hessischen Wirtschaftsministers Udo Corts (Mitte) ein Kooperationsabkommen : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Aus mehreren Gründen erwacht der Kampfgeist auf dem Campus: Mit der sogenannten Exzellenzinitiative ist ein Ruck durch Deutschlands höhere Bildungsstätten gegangen. Um wenigstens an einen Teil dieses 1,9-Milliarden-Euro-Kuchens zu kommen, mussten sich plötzlich Professoren zusammenschließen, die sich früher kaum gegrüßt hatten. Denn es galt, in gemeinsamer Anstrengung und gegen harte Konkurrenz Geld in die Almer Mater zu lenken. Selbst mit den Max-Planck-Instituten, die sonst gerne ihr Eigenleben pflegten, wird jetzt kooperiert. Die Max-Planck-Institute sind an den meisten Exzellenzclustern beteiligt, die Geld aus der weitgehend vom Bund finanzierten Initiative beziehen.

          Es geht um Geld und Strahlkraft

          "Entscheidend an der Exzellenzinitiative ist erst einmal, dass sie eine völlig neue Ära des Wettbewerbs der deutschen Hochschulen eingeläutet hat", referiert der Münchner Präsident Herrmann. "Sie weckt Bewusstsein dafür, dass es einen Aufstieg gibt, aber auch einen Abstieg." Nun sucht jede Einrichtung nach einem Weg, sich zu profilieren, zu glänzen, zu protzen. Plötzlich ist der Wille da, die Nummer eins zu werden. Es geht dabei nicht nur um Geld, sondern auch um die Strahlkraft, die der Titel Eliteuniversität hat, für gute Wissenschaftler und gute Studenten.

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