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Ungewisse Perspektiven : Wer will noch in die Wissenschaft?

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Für Kristian Giesen war das vergleichsweise niedrigere Gehalt an den deutschen Hochschulen kein Grund, nach seiner Promotion in die Wirtschaft zu wechseln. Er ist 35 Jahre alt, promoviert hat der Volkswirt an der Universität Duisburg-Essen, direkt danach zog es ihn als Berater zu Ernst & Young. „Man darf sich bei den Vorteilen des Doktors nicht immer nur am Einstiegsgehalt festbeißen“, sagt Kristian Giesen. „Mit Sicherheit war meine Doktorarbeit ein Türöffner in den Job, über 80 Prozent meiner Kollegen in meiner Abteilung sind promoviert und haben eine wissenschaftliche Karriere hinter sich. Manche sind sogar habilitiert und haben Lehrbücher zum Thema Finance und Risk Management geschrieben.“

Die Politik schaltet sich endlich ein

Für bestimmte, gehobene Positionen ist ein Doktortitel nach wie vor die Voraussetzung. Gelohnt habe sich die Zeit, die Giesen in seine Doktorarbeit gesteckt hat, auf jeden Fall, sagt er. „Meine Promotion hat mich gut vorbereitet auf meine jetzige Arbeit, immerhin habe ich sechs Jahre in dem Gebiet geforscht, in dem ich jetzt auch arbeite. Ich empfehle allen, die promovieren möchten, sich ein Thema zu suchen, das einen Praxisbezug hat.“ Die Befristungspraxis in der Wissenschaft hat auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka auf den Plan gerufen. Die CDU-Politikerin hat in einem Gastbeitrag für diese Zeitung Universitäten aufgefordert, mehr dauerhafte Professorenstellen zu schaffen. Das Thema wird auch bei der Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes eine Rolle spielen. Für bessere Arbeitsbedingungen von Wissenschaftlern setzt sich schon seit längerem die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) ein.

Schon 2010 forderte die GEW im „Templiner Manifest“ Reformen. Nun will sie Mindestvertragslaufzeiten für Doktoranden von drei Jahren durchsetzen - und die Möglichkeit, mindestens 50 Prozent der Arbeitszeit für die eigene Dissertation zu verwenden. Zudem plädiert die GEW dafür, dass sogenannte Tenure-Tracks für Postdocs eingeführt werden. Im Tenure-Track, das in den Vereinigten Staaten schon zum normalen Karriereschritt gehört, vereinbaren die Universität und der Wissenschaftler klare Zielvorgaben für den Zeitraum des Vertrages. Erfüllt der Wissenschaftler sie, stellt ihn die Universität anschließend unbefristet ein. Auch Bildungsministerin Wanka hat sich für ein solches Verfahren ausgesprochen.

Als erste deutsche Hochschule hat die Technische Universität in München das Tenure-Track schon übernommen. Damit will man die internationale Elite locken, den angehenden Professoren aber auch Sicherheit bieten - im Glauben, dass eine langfristige Perspektive für die Mitarbeiter auch deren Forschungsergebnisse verbessert. Einer der ersten deutschen Tenure-Track-Professoren ist der finnische Chemiker Ville Kaila. „Ich bin sehr glücklich über die Chance, nach einer gewissen Zeit regulär angestellt zu werden“, sagt er. „In die Wirtschaft passe ich nicht, mir gefällt es besser, mich intensiv mit einer Sache zu beschäftigen, ob ich etwas weniger verdiene als in einem Unternehmen, ist mir nicht so wichtig.“ Die Aufregung um die schlechten Bedingungen an den deutschen Hochschulen versteht Ville Kaila nur bedingt. „Immerhin bewegt sich in Deutschland etwas. Bei uns in Finnland gibt es noch viel weniger Stellen.“

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