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Technische Studiengänge : Mädchen für Maschinen

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Handarbeit: An der Technischen Hochschule Kaiserslautern versuchen sich Tüftlerinnen auch an leichteren Aufgaben aus dem Baukasten. Bild: Ada-Lovelace-Projekt

Technische Berufe und Studiengänge sind eine Männer-Domäne. Es gibt aber gute Gründe, das zu ändern. Ein Projekt in Rheinland-Pfalz zeigt, wie es funktionieren kann.

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          Sechs Schülerinnen bauen in einem Werkraum der Technischen Universität Kaiserslautern ein Getriebe zusammen. Bald kurbelt eine von ihnen, Erika Barleben, mit Schwung daran. Vom Doktoranden erfährt die 18-Jährige, wie die Eingangsenergie über innere Zahnräder in der Geschwindigkeit gedrosselt und dafür das Drehmoment am Ausgang erhöht wird. Eine ähnlich starke Wirkung wünschen sich die Ideengeber der bundesweiten Kampagne „Komm, mach MINT“, die Mädchen und junge Frauen für technische Berufe und Studiengänge begeistern wollen. Wirtschaft und Politik setzen wegen des demographischen Wandels auf weibliche Verstärkung, denn jeder fünfte Ingenieur in Deutschland ist älter als 55 Jahre, und zu wenig Junge kommen nach. Das fürchtet jedenfalls der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Doch auch der weibliche Nachwuchs wendet sich nur zögerlich technischen Fächern zu: Laut dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung lag der Anteil der Studienanfängerinnen in den Ingenieurwissenschaften gegenüber den Männern im Jahr 2005 bei knapp 19 Prozent - 2013 waren es auch nur 23 Prozent.

          Deutschland liegt beim Anteil der Absolventinnen in den Ingenieurwissenschaften unter dem EU-Durchschnitt und auch hinter Ländern wie Schweden, Rumänien oder Bulgarien. „Kulturelle Veränderungen brauchen lange. Nur allmählich entstehen neue Rollenbilder“, sagt Tina Lackmann, die beim VDI ein Projekt zur Nachwuchsförderung junger Frauen leitet. „Berufsfelder wie der Maschinenbau passen nicht so gut ins traditionelle weibliche Bild der Bundesrepublik - anders als etwa in den osteuropäischen Ländern.“ Der Wandel brauche mehr Zeit, als ihm Kritiker von Förderprogrammen oft geben wollten. Eine Initiative, die das Umdenken vorantreiben will, ist das Ada-Lovelace-Projekt (ALP) in Rheinland-Pfalz - benannt nach Ada Countess of Lovelace, einer britischen Mathematikerin des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1997 wurde es vom dortigen Bildungsministerium ins Leben gerufen, inzwischen ist es an fast allen Hochschulen im Land vertreten. Schülerinnen werden von der fünften Klasse an Workshops in den sogenannten Mint-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, angeboten, junge Frauen in der Ausbildung oder im Studium, unterstützen sie als Mentorinnen. Motto: „Was ich will, das kann ich!“

          Bisher hat das Projekt rund 75.000 Schülerinnen erreicht. „Ihre Lust, Dinge auszuprobieren und die Welt zu gestalten, muss mit langfristigen Angeboten neben dem regulären Unterricht unterstützt werden“, sagt Claudia Quaiser-Pohl, Entwicklungspsychologin an der Universität Koblenz-Landau und wissenschaftliche Leiterin des Projekts. „Sonst schreckt später das Klischee ab, Technik sei nur etwas für Männer im Karohemd.“ Die Statistik macht Hoffnung: Rund 40 Prozent der Teilnehmerinnen nutzen mehrfach Veranstaltungen. Zudem liegt der Anteil der Studienanfängerinnen in den Mint-Fächern in Rheinland-Pfalz im Vergleich zu anderen Bundesländern etwas höher.

          Im Kindergarten anfangen

          „Es geht nicht darum, aus jedem Mädchen eine Technikerin zu machen“, sagt Quaiser-Pohl. „Vielmehr sollen jedem Mädchen mit technischer Begabung Räume eröffnet werden, ihre Anlagen zu entfalten.“ Sonst drohe die Begabung angesichts des üblichen Rollenverhaltens unterzugehen. „Angefangen im Kindergarten“, ergänzt die Psychologin. „Wenn die Jungs alle Lego spielen, wird das technisch veranlagte Mädchen eher den Freundinnen zur Puppenecke folgen - sie will ja nicht zur Außenseiterin werden.“ Die Schulzeit stelle dann die entscheidenden Weichen für die Studien- und Berufswahl. „Aber in der Mittelstufe spricht der Physik-Unterricht viele Mädchen didaktisch überhaupt nicht an“, sagt sie. „Ein Experiment zur Stromerzeugung ist für viele nicht interessant - aber im Zusammenhang, wie eine Windkraft-Anlage funktioniert, schon.“ Auch mitreißende Lehrerinnen als Vorbilder fehlten oft.

          Vorbilder können indes auch männlich sein, sagt Erika Barleben, die Schülern mit dem Faible für Technik. Als Kind habe sie mit ihrem älteren Bruder oft mit Autos gespielt und die Inhalte aus Physik- und Chemiebaukästen zusammengesetzt. „Heute frage ich meinen Bruder, was er da macht, wenn er einen Motor auseinandernimmt“, sagt sie. „Außerdem ist mein Vater Fräser. Am Küchentisch erzählen wir von technischen Sachen, und das interessiert mich.“

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