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Studium : Zu viel Englisch ist auch nicht gut

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Gefühl des Ausgeschlossenseins

Der Widerstand gegen die Sprachpolitik deutscher Hochschulen zeigt Grenzen der allseits geforderten Internationalisierung. Denn die stärkere Gewichtung des Englischen hat auch Nachteile: Das Fachbüro für internationales Bildungsmanagement (FiB) in Bonn hat gerade ausländische Studierende in englischsprachigen Master-Programmen an deutschen Hochschulen befragt und ist dabei zu einem überraschenden Ergebnis gekommen: Ausländer wünschen sich, mehr Deutsch zu lernen und auch im Hochschulalltag anzuwenden. Die Fokussierung auf Englisch bewirke ein Gefühl des Ausgeschlossenseins, heißt es in der Studie. „Das Ausblenden der deutschen Sprache führt letztendlich zu einer nicht gelebten Internationalität, da den jungen Menschen eine tiefere Form von Austausch mit der Kultur des deutschen Studienlandes versagt bleibt“, lautet das Fazit der FiB-Studie. Und weiter: „Wenn Sprachkompetenz als Schlüssel zu einer Gesellschaft nicht gefördert wird, behindert Internationalisierung interkulturelle Erfahrungen.“

Dorothea Rüland, Direktorin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, fordert deshalb ein Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit und sieht dringenden Handlungsbedarf. „Es müssen mehr Angebote wie Sprachkurse und Übersetzungen geschaffen werden, doch das kostet natürlich Geld.“

Keine Frage des Nationalstolzes

Der Sprecher der Jacobs University Peter Wiegand betont hingegen, dass die Studierenden die Fokussierung auf das Englische als „Benefit“ wahrnähmen - aus Karrieregründen. „Für mich war das Englische einer der Hauptgründe, an der Jacobs University mein Studium zu beginnen“, sagt auch Biologie Student Barnstedt. „Denn ich will unbedingt in die Forschung, und da läuft nun mal alles auf Englisch.“ Für das kommende Semester hat sich Barnstedt für Master-Programme an Hochschulen in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten beworben. „Dass ich von der Jacobs University komme, ist dabei ein klarer Vorteil für mich.“

Ein Nachteil einseitiger Sprachpolitik wäre andererseits, dass Nachwuchsforscher die Fähigkeit verlören, einem breiten Publikum von ihrer Wissenschaft zu erzählen. So argumentiert der Wissenschaftsautor Stefan Klein, der aus Erkenntnissen der Evolutions- und Hirnforschung sowie der Sozialpsychologie Bestseller geschrieben hat. „Zumindest das Grundstudium sollte noch in der Muttersprache stattfinden, damit uns nicht irgendwann die Worte fehlen, wenn wir über Forschungsergebnisse auf Deutsch sprechen“, sagt Klein. Das sei keine Frage des Nationalstolzes, sondern der Demokratie. „Die Wissenschaftskommunikation ist hierzulande dramatisch unterentwickelt“, stellt Klein fest und fordert an den Hochschulen mehr Maßnahmen zur Förderung des sprachlichen Ausdrucks. „Wenn wir nicht mehr Wert auf Debattierübungen oder Schulungen zur Vortragskunst legen, werden wir sehr bald merken, dass sich die Fokussierung auf das Englische im Wissenschaftsbetrieb nicht gelohnt hat.“

Diese Kritik kann Anne Valtink nur in Ansätzen nachvollziehen. „Mich stört es schon, wenn ich eine Unterhaltung abbrechen muss, weil mir die deutschen Bezeichnungen für Fachbegriffe wie Value Chain Analysis oder Behavioral Economics nicht mehr einfallen“, erzählt die 20-Jährige, die an der Jacobs University „Global Economics and Management“ studiert. Aber für sie und viele ihre Kommilitonen überwögen die Vorteile, sagt sie. Denn alle hofften auf eine internationale Karriere im Ausland.

Alles in Englisch

In der Hälfte der rund 100 international ausgerichteten Bachelor-Studiengängen an deutschen Hochschulen wird nach Angaben des DAAD ausschließlich in Englisch unterrichtet.

Rund 460 der 640 internationalen Master-Programme haben Englisch als alleinige Unterrichtssprache. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 gab es erst 250 englischsprachige Masterstudiengänge.

Von 294 international strukturierten Promotionsprogrammen an deutschen Hochschulen finden 184 ausschließlich auf Englisch statt.

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