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Studium mit Kindern : Wo Eltern immer noch Exoten sind

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Bild: F.A.Z. - Tresckow

Die Hochschulen entdecken studierende und forschende Eltern als Zielgruppe. Doch oft erschöpft sich ihre Familienfreundlichkeit noch in Werbeslogans und Einzelprojekten.

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          Auf dem Campus der Universität Potsdam herrscht Aufregung: Ein Fernsehteam des Rundfunks Berlin-Brandenburg läuft mit Kamera umher. Lokalredakteure der "Märkischen Allgemeinen" interviewen Johanna Wanka, die Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Schaulustige drängen sich um eine kleine Baustelle, den Mittelpunkt des Interesses: Ein Spielplatz wird angelegt, mitten auf dem Hochschulgelände. "Wir sind stolz, dass dieses Projekt jetzt realisiert wird", sagt Barbara Schrul, die Gleichstellungsbeauftragte der Uni, die vom Land Brandenburg 85 000 Euro Fördergelder für den Spielplatz eingeholt hat. "Und dass die Öffentlichkeit daran so intensiv teilnimmt, ist sehr wichtig. Denn das Thema Familienfreundlichkeit an deutschen Hochschulen muss einfach noch mehr diskutiert werden."

          Wie "familienfreundlich" sind Deutschlands Hochschulen eigentlich? Wenn schon der Bau eines Spielplatzes ein derartiges Medieninteresse hervorruft, kann es mit den Angeboten für studierende Eltern nicht weit her sein. Experten bestätigen dies. "Von flächendeckend familienfreundlichen Studienbedingungen sind wir in Deutschland noch weit entfernt", urteilt Rolf Dobischat, der Präsident des Deutschen Studentenwerks (DSW). "Alle kennen die Debatten um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das Thema Elternschaft und Studium sollte einen vergleichbaren Stellenwert erhalten." In der Regel fehle es an Betreuungsangeboten, kompetenter Beratung und finanzieller Unterstützung. Zudem seien die Studienpläne nicht flexibel genug.

          Studierende Eltern haben es nicht leicht

          Auch die Statistik zeigt, dass es studierende Eltern nicht leicht haben: Nur 44 Prozent der Studenten mit Kind sehen ihre finanzielle Situation als gesichert an. Bei den Kinderlosen sind es immerhin 61 Prozent. Studenten mit Kind unterbrechen ihr Studium viermal häufiger, im Schnitt studieren sie fünf Semester länger. Hanna Krause zum Beispiel: Als die heute Dreißigjährige zu Beginn ihres kulturwissenschaftlichen Studiums an der Universität Bremen ungewollt schwanger wurde, musste sie erst einmal aussetzen. Mittlerweile ist sie im 14. Semester. "Dass es so lange dauert, war natürlich nicht geplant", sagt sie. "Aber anfangs habe ich für meinen Sohn keinen Betreuungsplatz gefunden und musste zudem noch abends jobben. Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Studieren."

          Vom Angebot ihrer Hochschule ist Hanna Krause enttäuscht. "Der Uni-Kindergarten ist total überlaufen, oft liegen die Seminare am späten Nachmittag oder abends und kommen für mich nicht in Frage", kritisiert sie. "Aber am schlimmsten ist es, wenn man von Dozenten blöd angemacht wird, sobald man eine Viertelstunde früher geht, weil man sein Kind abholen muss." Inzwischen ist ihr Sohn Lasse vier Jahre alt und geht bis 15 Uhr in eine private Kindergruppe. Der Studienalltag lässt sich so zwar besser organisieren. "Aber ich würde niemandem empfehlen, mitten im Studium ein Kind zu bekommen", sagt sie. Mit dieser Meinung ist Hanna Krause nicht allein: Nur die Hälfte der rund 123 000 Studenten mit Kind halten dem Sozialbericht des Deutschen Studentenwerks zufolge Studium und Kind prinzipiell für vereinbar. Ein Viertel würde sich nicht noch einmal für ein Studium mit Kind entscheiden.

          Vorbild Skandinavien

          Gewiss ist nicht die Bildungspolitik dafür verantwortlich, dass Eltern vor anderen Herausforderungen stehen als kinderlose Studenten. Dass sie es in Deutschland damit schwerer haben als anderswo, zeigt allerdings der europäische Vergleich: In Deutschland ist der Anteil der Eltern unter den Studenten mit 5,5 Prozent verhältnismäßig niedrig. An der Spitze steht Norwegen mit satten 21,7 Prozent, gefolgt von Schweden mit 16,6 Prozent. "Die Familienfreundlichkeit der skandinavischen Länder sollte ein Vorbild sein", sagt Markus Langer vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) dazu. "Dort nimmt der Staat jene Aufgaben wahr, die Voraussetzung sind für die Vereinbarkeit von Studium und Elternschaft, beispielsweise durch die Bereitstellung von genügend Betreuungsplätzen."

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