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Studium in China : Bloß nicht am Tisch die Nase putzen

Bild: Peter von Tresckow

Studienaufenthalte in China werden unter deutschen Studenten immer beliebter. Doch viele erleiden im Reich der Mitte anfangs einen Kulturschock. Eine gute Vorbereitung hilft dabei, das zu vermeiden.

          4 Min.

          Wenn es um ihren Studienaufenthalt in China geht, kann Anna Müller sich noch gut an überraschende Szenen erinnern: „Es gab Augenblicke, die ich nur schwer verkraften konnte, in denen ich den Tränen nah war“, sagt die BWL-Studentin. Niemals wird sie den Moment vergessen, als sie auf der Suche nach einer öffentlichen Toilette war und feststellen musste, dass die Toilettenkabinen keine Türen hatten. „Alles war offen einsehbar. Ich dachte: Das geht doch nicht, das darf doch nicht wahr sein!“, erinnert sich die 26-Jährige, die ihren wirklichen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Im Rahmen ihres Bachelors in „Banking und Finance“ an der Fachhochschule Köln hatte Müller an einer Summer School ihrer Partnerhochschule, der Dongbei-Universität in Dalian, teilgenommen. „Eine für chinesische Verhältnisse kleine Stadt“, berichtet die Studentin. „Das ist nicht Peking oder Schanghai. Das ist ein echter Kulturschock.“ Sie meint das nicht negativ. Denn trotz aller schwierigen Situationen ist Müller im Rückblick begeistert von ihrem China-Aufenthalt. „Was ich dort erlebt habe, lässt sich mit keiner anderen Erfahrung vergleichen“, sagt sie. „Es hat mich für mein Leben geprägt.“

          Zwischen Lachen und Weinen

          Schock und Begeisterung, Lachen und Weinen - so gegensätzlich wie China als Land ist, so gegensätzlich sind auch die Gefühlslagen, in die es junge Austauschstudenten stürzen kann. Eine Tatsache ist: Es werden immer mehr. Waren im Jahr 2010 noch 4800 deutsche Studenten zu einem Studienaufenthalt nach China aufgebrochen, so gingen 2011 schon 5300 für einige Zeit in das asiatische Land. Im Jahr 2015 sollen es möglichst 20 000 Studenten sein; auf dieses Ziel haben sich Deutschland und China in ihren Regierungskonsultationen geeinigt. „Es wird ziemlich sicher erreicht werden“, prophezeit der Referatsleiter China des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Niels Albers. „Denn das Interesse der deutschen Studenten an China wächst stetig.“

          Ganz selbstverständlich ist das nicht. Bekannt ist eher das umgekehrte Phänomen: chinesische Studenten in deutschen Hörsälen; mehr als 22 000 waren es im vergangenen Jahr. Seit Jahren bildeten die Chinesen die größte Gruppe der ausländischen Studierenden in Deutschland, wie das HIS-Institut für Hochschulforschung berichtet. In China gilt ein Auslandsstudium im Westen schon lange als ein Punkt, der den Lebenslauf schmückt und die Attraktivität für potentielle Arbeitgeber steigert. „Das gilt mittlerweile aber auch umgekehrt“, weiß Niels Albers vom DAAD. „Immer mehr Unternehmen suchen Mitarbeiter mit China-Erfahrung.“ In Zeiten wachsender Bedeutung der chinesischen Märkte wachse das Interesse an Arbeitnehmern, die das Land kennen und möglicherweise auch Bereitschaft zeigen, für eine Weile dorthin zu gehen.

          An einem Tag so viele Vokabeln wie sonst in einer Woche

          “Für ein Auslandsstudium nach China zu gehen, das macht man aber nicht einfach so nebenbei“, berichtet Tobias Roß. Der 25 Jahre alte Bremer Bachelorabsolvent des Fachhochschul-Studiengangs „Angewandte Wirtschaftssprachen“ war schon insgesamt dreimal in China, beherrscht die Sprache und hat sich auf seine Aufenthalte gründlich vorbereitet. Trotz allem gab es für Roß viele überraschende Momente während seines Studiensemesters in Chengdu, einer kleineren Großstadt in der Provinz Sezuan.

          “Besonders die Lernkultur hat es in sich“, berichtet er. Geprägt von Frontalunterricht und Auswendiglernen schwitzte Tobias Roß „wie nie zuvor in meiner Laufbahn“, sagt er. „Wir mussten an einem Tag so viele Vokabeln lernen wie in Bremen in einer Woche. Ich war oft so geschlaucht, dass ich nach der Uni erst mal einen Mittagsschlaf brauchte.“ Dazu kamen kulturelle Besonderheiten. „Dass man Vorlesungsinhalte vor versammelter Mannschaft in Frage stellt, das geht gar nicht“, sagt Roß. „Der Professor ist eine Autoritätsperson und fühlt sich dann extrem bloßgestellt.“ Allerdings habe er das vorher nicht gewusst und erst mühsam erfahren müssen, dass er Diskussionen mit der Lehrperson allenfalls im Vieraugengespräch führen sollte.

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