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Studium generale : Im Studentenschullandheim

  • -Aktualisiert am

Konzentriert: Die Kollegiaten in Tübingen Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Abiturienten können im Tübinger Leibniz- Kolleg ein zehnmonatiges Studium generale absolvieren. Hier leben und lernen sie unter einem Dach - nach alten Idealen, aber mit modernen Inhalten.

          5 Min.

          Der Geist, der in diesen Räumen weht, ist von gestern. Beim Eintreten ins Leibniz-Kolleg landet der Besucher geradewegs im Treppenhaus, wo unter den ersten Stufen eine Telefonkabine mit Münzapparat eingepasst ist. Im ersten Stock links sitzt Direktor Michael Behal und empfängt Gäste auf eleganten hölzernen Stühlen mit halbkreisrunder Rückenlehne aus einer längst untergegangenen Tübinger Stuhlfabrik. Der Gang rechts führt direkt in den Seminarraum, das holzvertäfelte frühere Refektorium. In der Rumpelkammer daneben ist sogar noch der Speiseaufzug vorhanden. Und die Zehn-Quadratmeter-Zimmer im zweiten und dritten Stock, in denen die 53 Leibniz-Kollegiaten in der Regel zu zweit wohnen, sind noch mit Wandschrank und Alkoven ausgestattet.

          Das Äußere spiegelt den Geist des Tübinger Kollegs - und dessen Gegensatz zum Zeitgeist mit seinen Schlagworten wie Employability, Effizienz, Bologna-Reform könnte kaum größer sein. Das Bildungsideal in der Brunnenstraße, gleich gegenüber der Universitätsbibliothek, ist klassisch-humanistisch: Zehn Monate lang absolvieren Abiturienten hier ein Studium generale. Ohne Notendruck bekommen sie Einblick in Geistes-, Sozial-, Rechts- und Naturwissenschaften und lernen die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens kennen. Die Dozenten kommen größtenteils von der Universität. Dafür zahlen die Schüler - oder ihre Eltern - je Monat 440 Euro, Wohnkosten inklusive. Auf die 53 Plätze bewerben sich jährlich rund 150 Interessenten.

          Der Direktor zählt sich zum Mobiliar

          Jura um zehn. Lena referiert zum Mietrecht. Es ist hochsommerlich warm, die elf Teilnehmer sitzen in Badeurlaubsgarderobe im Saal, als Begleitmusik tönt durch die offenen Fenster Vogelgezwitscher herein. Dozent Reiner Raisch, neben Direktor Behal, der Sekretärin und der Hausmeisterin der einzige hauptamtliche Mitarbeiter des Kollegs, braucht jedoch nicht ein einziges Mal um Ruhe zu bitten. Alle sind motiviert, schreiben mit, beteiligen sich. Das Fallbeispiel ist schnell geklärt: Der Vermieter hat vor einem Jahr die Miete von 900 Euro auf 1000 erhöht; die ortsübliche Vergleichsmiete beträgt aber 1200 Euro, und er möchte nun auf diesen Betrag erhöhen. „Darf er das?“, fragt Lena. „Nein, freilich nicht. Innerhalb von drei Jahren darf die Miete nicht über 20 Prozent steigen“, antwortet eine Teilnehmerin.

          Aus ganz Deutschland kommen die Teilnehmer...
          Aus ganz Deutschland kommen die Teilnehmer... : Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

          Direktor Michael Behal, 1947 in Palästina geboren, mit den Eltern nach Kalifornien emigriert, studierte in Berkeley Germanistik und Romanistik. Er zählt sich zum Mobiliar des Kollegs, so sehr ist er mit ihm verwachsen in den vergangenen 34 Jahren. Wenn er zum Bewerbungsgespräch bittet, serviert er auf silbernem Tablett Tee, wohlwissend, dass es länger dauern kann - manchmal fünfeinhalb Stunden. „Ich möchte auch denen eine Chance geben, die ruhig sind, die vielleicht verborgene Talente haben.“ Zur Ausstattung des Hauses sagt er: „Wir sind schon sehr spartanisch. So konzentriert man sich aufs Wesentliche.“ Das Wesentliche heißt hier: Lernen, den Blick weiten. Dabei ist das Einzigartige nicht das Studium generale. Die Besonderheit liegt in der Einheit von Lernen und Wohnen unter einem Dach. „Weil wir hier zusammen lernen und wohnen, gehen die Gespräche nach den Seminaren weiter“, sagt Behal. Studieren ist gleich Leben - und umgekehrt.

          Schwierige Finanzierung

          Die Idee klingt gut, doch das Leibniz-Kolleg hat schon bessere Tage gesehen. 1948 auf Initiative der französischen Besatzung als Teil der Universität in dem wuchtigen Bau eröffnet, der schon vor dem Zweiten Weltkrieg Studenten beherbergte, erlangte es in den fünfziger Jahren ein solches Prestige, dass ihm im Brockhaus ein eigener Eintrag gewidmet wurde. Weil die Universität das Kolleg dann nicht weiterführen wollte - eine privilegierte Elite war im Klima der Achtundsechziger nicht erwünscht -, kam es 1971 zur Ausgliederung. Zunächst bestand das Kolleg als Verein fort, seit 1991 ist es eine Stiftung. Da in sieben Jahren das Geld aus dem Verkauf zweier Grundstücke aufgebraucht sein wird und die Gebühren den Bedarf nur zur Hälfte decken, ist Michael Behal nun auf der Suche nach einem alternativen Finanzierungsmodell. Im Blick hat er auch die früheren Schüler. „Wir haben ungefähr 3000 Ehemalige“, sagt er. „Wenn die im Jahr 200 Euro geben, sind wir finanziert.“

          Auf einem Quadratmeter Arbeitsfläche stehen eine Etage weiter oben drei leere Bierflaschen, ein leeres Glas Pesto Rosso, fünf gebrauchte Teller, sechs halbvolle Gläser, zwei Brettchen mit Brotkrumen. Während sich Karla um halb eins in der Küche, die heute - O-Ton Karla - „ausnahmsweise mal“ so aussieht, zum Frühstück ein Müsli zubereitet, brät sich Sabine Champignons und Zucchini für einen Salat, und Lotte schlägt Milchschaum für ihren - O-Ton Lotte - „zweiten Kaffee“, den sie draußen zusammen mit ihrem neuen Freund Jakob trinkt. Drei Meter weiter sitzen im Halbschatten der beiden Vorgarten-Birken Tobias und Jana und bereiten mit Notebook auf dem Schoß ihr Referat für den Abend vor: In Politik soll es um die Finanz- und Wirtschaftskrise gehen. Nebenan wälzt sich ein Pärchen auf einer Picknick-Decke. Dass man sich hier innerhalb von drei Wochen verliebe und wieder entliebe, sei bloß ein Gerücht, behauptet Lotte.

          Blau-weiße Badeschlappen und universale Menschenrechte

          Philosophie am Nachmittag: Leonards Füße bewegen sich ständig in den blau-weißen Badeschlappen, während er seine Hausarbeit über die universale Gültigkeit der Menschenrechte vorstellt. „Was ist eigentlich Würde?“, lautet die Frage aus dem Plenum. „Jeder, der zur menschlichen Gattung gehört, hat sie“, sagt Leonard. „Wenn wir die Würde aus der Vernunft ableiten, wird's bei einigen schwierig.“ Alle lachen. Dozentin Ursula Konnertz lässt frei debattieren, nur ab und an greift sie ein, wenn sich die von Kant inspirierte Diskussion im Kreis zu drehen droht. „Hier am Kolleg bekomme ich teils bessere Arbeiten als in Hauptseminaren an der Uni“, sagt sie.

          Auch die Alumnis profitieren von ihrer Zeit im Kolleg. „Es war ein phantastisches Jahr für mich“, urteilt rückblickend Ulf-Dietrich Reips, inzwischen habilitierter Psychologe und Oberassistent an der Universität Zürich. Er studierte 1985/86 in der Brunnenstraße - als einer des „Tschernobyl-Jahrgangs“, erinnert er sich. Noch heute helfe ihm das dereinst belegte Seminar zur Wissenschaftstheorie. Auf die sozialen Kompetenzen, erworben im Zusammenleben mit 50 Kommilitonen, möchte er nicht verzichten, Freundschaften fürs Leben habe er knüpfen können. „Ich weiß, dass einige von uns ihre Kinder schon wieder ins Kolleg schicken.“

          Der Dozent ist auch beim Biertrinken dabei

          Um Viertel nach sechs ist der Seminarraum bis auf den letzten Platz besetzt. Rangmar Goelz, der Leiter der Abteilung Neonatologie der Tübinger Kinderklinik, hält einen Vortrag zu Früh- und Neugeborenenmedizin. Danach findet das Politik-Seminar zur Wirtschaftskrise statt. Dann, da ist es schon zehn, setzt sich der Dozent mit einem Bier an den politischen Stammtisch, der eine Sitzecke ist. Sie sind, wie auch sonst unter diesem Dach, per du. Unten schrubbt und spült der Küchendienst mit vollem Einsatz, hier geht das Gespräch weiter bis in die Nacht.

          Der Geist, den das Leibniz-Kolleg pflegt, mag ein alter sein. Aber angesichts von mehr als 12.000 allein in Deutschland angebotenen Studiengängen ist er so nötig wie selten. Ludwig zum Beispiel, der den ganzen Tag barfuß durch Garten und Haus tappst, hat im Kolleg eine Leidenschaft für die Medizin entwickelt; für sie hat er sich nun entschieden. Doch seine Interessen sind auch in die Breite gewachsen: Auch die Kunstgeschichte hat er für sich entdeckt und das Reisebuch für die gemeinsame Rom-Fahrt mitgestaltet. Stolz zeigt er sein persönliches Exemplar, extra in Farbe ausgedruckt, denn nur so kommen die Bilder wie die Fresken der Sixtinischen Kapelle zur Geltung. „Ich glaube, ich wäre ein Fachidiot geworden“, sagt er. „Jetzt kann ich beruhigt an die Uni gehen und mich spezialisieren.“

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