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Studium generale : Im Studentenschullandheim

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Auf einem Quadratmeter Arbeitsfläche stehen eine Etage weiter oben drei leere Bierflaschen, ein leeres Glas Pesto Rosso, fünf gebrauchte Teller, sechs halbvolle Gläser, zwei Brettchen mit Brotkrumen. Während sich Karla um halb eins in der Küche, die heute - O-Ton Karla - „ausnahmsweise mal“ so aussieht, zum Frühstück ein Müsli zubereitet, brät sich Sabine Champignons und Zucchini für einen Salat, und Lotte schlägt Milchschaum für ihren - O-Ton Lotte - „zweiten Kaffee“, den sie draußen zusammen mit ihrem neuen Freund Jakob trinkt. Drei Meter weiter sitzen im Halbschatten der beiden Vorgarten-Birken Tobias und Jana und bereiten mit Notebook auf dem Schoß ihr Referat für den Abend vor: In Politik soll es um die Finanz- und Wirtschaftskrise gehen. Nebenan wälzt sich ein Pärchen auf einer Picknick-Decke. Dass man sich hier innerhalb von drei Wochen verliebe und wieder entliebe, sei bloß ein Gerücht, behauptet Lotte.

Blau-weiße Badeschlappen und universale Menschenrechte

Philosophie am Nachmittag: Leonards Füße bewegen sich ständig in den blau-weißen Badeschlappen, während er seine Hausarbeit über die universale Gültigkeit der Menschenrechte vorstellt. „Was ist eigentlich Würde?“, lautet die Frage aus dem Plenum. „Jeder, der zur menschlichen Gattung gehört, hat sie“, sagt Leonard. „Wenn wir die Würde aus der Vernunft ableiten, wird's bei einigen schwierig.“ Alle lachen. Dozentin Ursula Konnertz lässt frei debattieren, nur ab und an greift sie ein, wenn sich die von Kant inspirierte Diskussion im Kreis zu drehen droht. „Hier am Kolleg bekomme ich teils bessere Arbeiten als in Hauptseminaren an der Uni“, sagt sie.

Auch die Alumnis profitieren von ihrer Zeit im Kolleg. „Es war ein phantastisches Jahr für mich“, urteilt rückblickend Ulf-Dietrich Reips, inzwischen habilitierter Psychologe und Oberassistent an der Universität Zürich. Er studierte 1985/86 in der Brunnenstraße - als einer des „Tschernobyl-Jahrgangs“, erinnert er sich. Noch heute helfe ihm das dereinst belegte Seminar zur Wissenschaftstheorie. Auf die sozialen Kompetenzen, erworben im Zusammenleben mit 50 Kommilitonen, möchte er nicht verzichten, Freundschaften fürs Leben habe er knüpfen können. „Ich weiß, dass einige von uns ihre Kinder schon wieder ins Kolleg schicken.“

Der Dozent ist auch beim Biertrinken dabei

Um Viertel nach sechs ist der Seminarraum bis auf den letzten Platz besetzt. Rangmar Goelz, der Leiter der Abteilung Neonatologie der Tübinger Kinderklinik, hält einen Vortrag zu Früh- und Neugeborenenmedizin. Danach findet das Politik-Seminar zur Wirtschaftskrise statt. Dann, da ist es schon zehn, setzt sich der Dozent mit einem Bier an den politischen Stammtisch, der eine Sitzecke ist. Sie sind, wie auch sonst unter diesem Dach, per du. Unten schrubbt und spült der Küchendienst mit vollem Einsatz, hier geht das Gespräch weiter bis in die Nacht.

Der Geist, den das Leibniz-Kolleg pflegt, mag ein alter sein. Aber angesichts von mehr als 12.000 allein in Deutschland angebotenen Studiengängen ist er so nötig wie selten. Ludwig zum Beispiel, der den ganzen Tag barfuß durch Garten und Haus tappst, hat im Kolleg eine Leidenschaft für die Medizin entwickelt; für sie hat er sich nun entschieden. Doch seine Interessen sind auch in die Breite gewachsen: Auch die Kunstgeschichte hat er für sich entdeckt und das Reisebuch für die gemeinsame Rom-Fahrt mitgestaltet. Stolz zeigt er sein persönliches Exemplar, extra in Farbe ausgedruckt, denn nur so kommen die Bilder wie die Fresken der Sixtinischen Kapelle zur Geltung. „Ich glaube, ich wäre ein Fachidiot geworden“, sagt er. „Jetzt kann ich beruhigt an die Uni gehen und mich spezialisieren.“

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