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Studium generale : Alleskönner statt Fachidioten

Ähnliche Konzepte verfolgen auch andere staatliche Reformuniversitäten, in Erfurt zum Beispiel. In seiner konsequenten Ausgestaltung ist das „Leuphana Semester“, dessen Grundgedanke sich als „Komplementärstudium“ bis zum Abschluss fortsetzt, in Deutschland bisher allerdings einzigartig. Vorbilder gibt es jedoch zur Genüge. Die kleinen, feinen Privathochschulen waren die Ersten, die mit verpflichtender Allgemeinbildung gegen das Scheuklappenwesen enger Fakultätsgrenzen zu Felde zogen. Als Vorreiterin gilt gemeinhin die 1983 gegründete Reformuni Witten/Herdecke mit ihrem „Studium fundamentale“. Einen Tag in der Woche sollen dort alle Studenten nicht ihrem Fach, sondern der Entwicklung ihrer persönlichen künstlerischen, kommunikativen und reflexiven Fähigkeiten widmen. Ähnlich ist das „Studium generale“ an der Bucerius Law School in Hamburg organisiert, mittwochnachmittags sollen die künftigen Juristen dort in Wahlpflichtkursen zu Geschichte und Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, Kunst und Kultur, Natur und Technik über den Tellerrand schauen; in diesem Sommertrimester werden unter anderem Veranstaltungen über Migration, zur Finanz- und Wirtschaftskrise und über „The Politics of Cultural Ownership“ angeboten.

Historische Wurzeln

Die renommierten Beispiele lagen also nicht allzu fern, als die Hochschulleitung in Lüneburg 2005 von der Niedersächsischen Landesregierung den Auftrag bekam, ein Konzept für eine Modelluniversität zur Umsetzung der Bologna-Reformen zu ersinnen. Dabei hat die europäische Hochschulreform, auf die sich die Bildungsminister von inzwischen 46 Ländern geeinigt haben, interessanterweise zu zwei gegenläufigen Entwicklungen geführt: Einerseits hat sich mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge die Zerfaserung der einzelnen Fächer erheblich beschleunigt, andererseits ist die Stärkung von Praxisnähe und fächerübergreifenden Qualifikationen eines der ausdrücklichen Bologna-Ziele. Manche Bundesländer wie Baden-Württemberg machen ihren Hochschulen sogar einen bestimmten Anteil dieser Schlüsselqualifikationen an der insgesamt geforderten Studienleistung zur Auflage, wenn sie neue Bachelor-Studiengänge konzipieren.

Aber viel lieber als auf den Bologna-Prozess berufen sich die meisten Verfechter der Allgemeinbildung auf die historischen Wurzeln der europäischen Universität. „Im Mittelalter mussten alle Studenten das volle Programm der sogenannten sieben freien Künste durchlaufen“, erläutert der Berliner Historiker Rüdiger vom Bruch. „Diese konzentrierte Übung für das spätere wissenschaftliche Arbeiten konnte acht oder neun Jahre dauern, danach durften die Absolventen den Magister-Titel tragen.“ Aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie bestand damals das akademische Pflichtprogramm, auf das nur die Minderheit der Studenten einen Doktor in Theologie, Medizin oder Jura draufsetzte. Im Lauf der Jahrhunderte ging dieses Modell verloren, erhalten haben sich laut vom Bruch Reste vor allem im angloamerikanischen College-System. „Dort gehören Vorlesungen mit Titeln wie ,From Plato to Nato' immer noch zu den Klassikern.“ Zum Konzept gehöre allerdings auch das Zusammenleben von Dozenten und Studenten auf dem Campus. „Das hat immer auch mit Persönlichkeits- und Menschenbildung zu tun“, sagt vom Bruch. In Deutschland dagegen hätten nur Wurmfortsätze des alten Universitätssystems bis in die Moderne überlebt - das Philosophikum etwa, das manche Hochschulen noch in den sechziger Jahren als Zwischenprüfung verlangten, und das als eine Art gehobene Freizeitgestaltung für die gebildeten Stände vielerorts angebotene „Studium generale“.

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