https://www.faz.net/-gyl-9nhqx

Studieren ohne Abitur : Vom Meister zum Master

  • -Aktualisiert am

Nachtschicht an der Uni Bild: Jens Gyarmaty / VISUM

Wer eine Lehre in der Tasche hat oder einen Meistertitel, kann auch ohne Abitur studieren – und das sogar mit Vorteilen gegenüber klassischen Studenten.

          4 Min.

          Michael Kennel hätte nie gedacht, dass er einmal studieren würde. Der 26-Jährige machte nach seiner Schulzeit eine Ausbildung als Mechatroniker im Industriebereich beim Automobilhersteller Opel in Kaiserslautern. Danach ging er an die Meisterschule, ist nun Industriemeister für Mechatronik und arbeitet Vollzeit bei Opel als Ausbilder der Mechatronik-Lehrlinge. „Mir war es wichtig, erst mal eine Ausbildung in der Tasche zu haben, auf die ich zurückgreifen kann“, sagt Kennel. Doch das reichte ihm nicht: Seit drei Semestern studiert er berufsbegleitend das Studienfach Industrial Engineering an der Hochschule Kaiserslautern. Sein Ziel: „Ich will danach gern auf der Managerebene arbeiten.“

          Kennel hätte auch direkt studieren können, seine Fachhochschulreife hatte er schließlich schon durch seinen Schulabschluss erworben. Viele seiner Kommilitonen jedoch haben ihre Zugangsberechtigung nur über ihre berufliche Qualifikation erhalten. In Deutschland können sich Menschen seit dem Jahr 2009 über den sogenannten dritten Bildungsweg an Unis einschreiben – über praktische Berufserfahrung also, etwa mit einer Ausbildung zum Meister. 14 600 Menschen ohne Abitur haben sich im Sommersemester 2018 und im Wintersemester 2018/19 an deutschen Universitäten eingeschrieben. Das sind rund drei Prozent aller Neueinschreibungen. Vom Meister zum Master – ist das ein Erfolgsrezept?

          Die Möglichkeit, auch ohne Abitur zu studieren, kann eine große Chance sein. Davon ist Michael Meister überzeugt. Er ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. „Das eröffnet jungen Menschen, die sich für eine duale Ausbildung entscheiden, eine zusätzliche Perspektive“, sagt er. Das Bildungssystem werde dadurch durchlässiger. Dass dem Handwerk dadurch Fachkräfte verlorengehen könnten, sieht Meister nicht allzu pessimistisch. Zwar sei es ein Risiko, wenn sich Auszubildende zunehmend für ein Studium entschieden – doch es überwiege der positive Effekt. „Die Attraktivität einer dualen Ausbildung im Handwerk steigt drastisch an, wenn ich weiß, dass ich vielfältige Entwicklungschancen habe“, sagt er.

          Änderungen beim Aufstiegs-Bafög

          Das Bundesbildungsministerium will Auszubildenden deshalb verstärkt Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Von Sommer 2020 an soll sich das sogenannte Aufstiegs-Bafög ändern – Fortbildungen aller Art würden somit gefördert. Dazu zählen der Bachelor, aber auch andere Weiterbildungen wie etwa Seminare zur Buchführung. Das Bundesministerium will dafür jährlich 350 Millionen Euro zusätzlich investieren. Das diene auch dem Ansehen des Handwerks, ist Meister überzeugt. In Zusammenarbeit mit der Kultusministerkonferenz 2013 hat das Bildungsministerium darüber hinaus den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) eingeführt. Er stuft verschiedene Abschlüsse in Kategorien ein – Meister und Bachelor etwa sind in der gleichen Kategorie. Das führt laut Meister zu einer besseren internationalen Wahrnehmung. „So können auch Handwerker einfacher im Ausland arbeiten, das ist sicherlich ein Pluspunkt fürs Handwerk“, sagt er.

          Michael Kennel setzt darauf, dass ihn sein doppelter Abschluss beruflich weiterbringt. Das Studium in Kaiserslautern hilft ihm allerdings schon jetzt. „Viel gelernt habe ich zum Beispiel in der Vorlesung Werkstoffkunde“, sagt er. „Ich weiß jetzt mehr darüber, was zum Beispiel die Belastbarkeit von verschiedenen Materialien betrifft.“ Das Ganze zu lernen bedeutet für ihn allerdings einen großen Mehraufwand. „Man muss Ehrgeiz haben, um sich durchzubeißen“, sagt er. Für seine akademische Weiterbildung plant der Industriemeister mit bis zu zehn Stunden Nachbereitungszeit in der Woche sowie alle zwei Wochen 14 Stunden Präsenzzeit – zusätzlich zu seinem Vollzeitjob.

          Weitere Themen

          Eliteschule für Gewerkschafter

          „House of Labour“ : Eliteschule für Gewerkschafter

          Im „House of Labour“ sollen Betriebsräte für Verhandlungen mit Arbeitgebern ausgebildet werden. Mitbestimmungsmanagement gilt dort ein besonderer Schwerpunkt – denn dies komme in üblichen Hörsälen zu kurz.

          Topmeldungen

          Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

          Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

          Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
          Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

          Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

          Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.