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Studieren ohne Abitur : Ohne Vektorrechnung wird kein Mechaniker zum Ingenieur

Sie studieren an der Frankfurter University of Applied Sciences, obwohl sie nur einen Realschulabschluss haben: Kira Krellmann (links), Vivian Hackenbroich und Artur Staudacker. Bild: Frank Röth

Ein Realschulabschluss und ein gutes Ausbildungszeugnis reichen in Hessen jetzt zum Studieren. Wer diesen Weg wählt, muss wissen, dass er anstrengend wird.

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          Nach vier Jahren im Beruf ist Kira Krellmann klargeworden, dass Menschen sie mehr interessieren als Dinge. Dass sie nicht die nächsten 40 Jahre damit verbringen will, am Computer Konstruktionspläne zu erstellen. Zwar fühlte sich die technische Zeichnerin bei ihrem Arbeitgeber wohl, und ihr Job war sicher, doch sie wünschte sich eine Tätigkeit mit mehr sozialen Kontakten - die Gespräche mit den Kollegen reichten ihr nicht.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Inzwischen hat sich Krellmann ihren Wunsch erfüllt, ein Studium der Sozialen Arbeit zu beginnen: Seit einem Semester ist sie an der Frankfurt University of Applied Sciences eingeschrieben. Obwohl sie kein Abitur hat, sondern nur einen Realschulabschluss. Eine Hochschulzugangsprüfung musste sie nicht ablegen. Als Nachweis der Eignung genügte außer der mittleren Reife ihr Ausbildungszeugnis mit der Abschlussnote 1,5. Selbst eine 2,5 hätte noch für die Zulassung gereicht: So steht es in den Regeln für den hessischen Modellversuch, der im vergangenen Herbst begonnen hat. Sein Zweck ist es, den Hochschulzugang für Menschen ohne Abitur über die schon bestehenden Möglichkeiten hinaus weiter zu erleichtern.

          Rund 80 beruflich Qualifizierte, die die Voraussetzungen für eine Teilnahme an dem Experiment erfüllen, sind nach Angaben des Wissenschaftsministeriums derzeit an den Hochschulen des Landes immatrikuliert. 61 von ihnen besuchen Hochschulen für angewandte Wissenschaften, wie die Fachhochschulen in Hessen mittlerweile heißen, 15 die Frankfurt University. Nur wenige haben sich für eine Universität entschieden, an der Uni Frankfurt studieren nach Angaben eines Sprechers „vier bis fünf“, einer ist an der TU Darmstadt eingeschrieben.

          Tagsüber Autozulieferer, abends Vorlesung

          Die Unis stehen den Realschulabsolventen offen, weil eine dreijährige Berufsausbildung mit einer Abschlussnote von mindestens 2,5 im Modellversuch der Fachhochschulreife gleichgestellt wird. Sie verschafft auch Zutritt zu Bachelor-Studiengängen an Universitäten, nicht aber zu Fächern mit Staatsexamen. Anders ist das bei Bewerbern mit Meisterbrief: Dieser Abschluss galt schon vor Beginn des Modellversuchs als Nachweis der allgemeinen Hochschulreife. Ebenfalls etabliert ist der Einstieg über die Zugangsprüfung: Wer sie besteht und eine Ausbildung inklusive zweijähriger Berufserfahrung vorzuweisen hat, kann an allen Hochschulen Studiengänge belegen, die eine inhaltliche Nähe zu seiner Ausbildung haben.

          Auch Artur Staudacker hätte es auf diesem Weg in sein Wunschfach schaffen können. Er nimmt am Online-Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen teil, den die Frankfurt University of Applied Sciences anbietet. Da er Industriemechaniker gelernt hat, hätte er auch ohne den Modellversuch eine Zulassung für dieses Fach bekommen können - allerdings nur mit Prüfung. Jetzt hat der 23 Jahre alte Student ein straffes Wochenprogramm: Tagsüber arbeitet er bei einem Autozulieferer, und montags bis donnerstags sitzt er zusätzlich von 19 bis 22 Uhr vor dem Computer, um den Online-Vorlesungen seiner Dozenten zu folgen. „Da fallen die sozialen Kontakte ein bisschen hinten runter“, stellt er trocken fest. Als Lohn für die Mühen erhofft er sich bessere Karrierechancen im Betrieb: Einem Ingenieur, glaubt er, stünden dort fast alle Wege offen.

          Bild: F.A.Z.

          Dass seine Kommilitonen mit Abitur ihm manches voraushaben, merkt Staudacker vor allem in der Mathematik: Ihm fehlen Kenntnisse in Analysis, Vektorrechnung und Statistik. Nachhilfestunden sollen diese Lücken schließen. Kira Krellmann, die angehende Sozialarbeiterin, fühlt sich dagegen nicht im Nachteil gegenüber ihren Mitstudenten. „Komisch“ fand die Siebenundzwanzigjährige anfangs nur den Altersunterschied: Erstsemester, die noch „bei Mami wohnen“, hätten nun mal andere Gesprächsthemen als Leute mit Berufserfahrung.

          Von der Handyverkäuferin zur Anwältin – ein langer Weg

          Meist wissen weder andere Studenten noch Professoren, auf welche Weise Krellmann und Staudacker sich für die Hochschule qualifiziert haben. Auskunft über ihre Erfahrungen müssen sie jedoch Forschern der Uni Gießen geben, die den Modellversuch für ganz Hessen auswerten. Vor Studienbeginn haben die Teilnehmer eine Vereinbarung unterzeichnet, in der sie sich verpflichten, an der Evaluation mitzuwirken. Außerdem wird von ihnen laut Landesverordnung erwartet, dass sie im ersten Studienjahr mindestens 30 Leistungspunkte sammeln. „Wir werden uns aber nicht an gar zu strengen Vorgaben festbeißen“, sagt Bettina Fischer-Gerstemeier vom Studienbüro der Frankfurt University of Applied Sciences. Wer das 30-Punkte-Ziel verfehle, müsse nicht die Exmatrikulation fürchten. Allerdings werde dann eine neue Studienvereinbarung mit realistischeren Leistungszielen abgeschlossen.

          Wie gut die einstigen Realschüler tatsächlich im Studium zurechtkommen, wird sich wohl erst in vier Jahren beurteilen lassen, wenn die Ergebnisse der Gießener Evaluation vorliegen. Vorerst geben sich die Beteiligten optimistisch - so wie auch Vivian Hackenbroich. „Bis jetzt ist alles gut“, auch wenn sie vieles nacharbeiten müsse, sagt die 23 Jahre alte Einzelhandelskauffrau. Drei Jahre hat sie nach dem Ende der Lehre in einem Handyshop gearbeitet, jetzt studiert sie an der Frankfurt University of Applied Sciences Wirtschaftsrecht.

          Anwältin zu werden, das ist ihr Traum. Den könnte sie sich aber nur erfüllen, wenn sie nach sieben Semestern an der Fachhochschule noch ein Jurastudium an einer Uni draufsattelt. Hat sie dafür genug Ausdauer? Hackenbroich lacht. „Ich bin ja noch jung.“

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