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Studieren mit Kind : Vorlesung mit Frida

  • -Aktualisiert am

Maria Wappler in der Bibliothek am Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität. Mit dabei: Frida, ihre Tochter. Bild: Gilli, Franziska

Erst das Abi, dann die Kinder, dann den Master. Mit Kindern zu studieren, das finden in Deutschland die meisten abwegig. Zwei Paare erklären, wie man es macht.

          6 Min.

          Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch? Schläfst du noch?“ Frida schläft nicht mehr. Fröhlich schüttelt sie eine Wasserflasche im Takt ihres Gesangs. „Frida, du singst sehr schön, aber kannst du das auch leiser? Mama und Papa wollen sich unterhalten.“ Yngve Wappler, der Papa, spricht freundlich, aber bestimmt mit seiner Tochter. Frida blickt den 26-Jährigen an und singt nun tatsächlich etwas leiser.

          Es ist Mittagszeit am Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität. Frida sitzt mit ihren Eltern in der Rotunde, die Familie hat sich belegte Brötchen geholt. Maria Wappler schiebt ihre Tochter im Hochstuhl näher an den Tisch heran. Die blonden Haare, die Fridas Gesicht umrahmen, hat sie von ihrer Mutter. „Die Kinderstühle gibt es hier noch nicht sehr lange“, sagt Maria. Auch wenn es jetzt Stühle gibt, so bleibt einiges zu bemängeln aus Sicht der jungen, studentischen Eltern. „Es gibt viel zu wenige Wickelmöglichkeiten“, sagt die 25-Jährige. „Wir müssen Frida oft auf dem blanken Boden wickeln.“

          Das sind allerdings noch die kleineren Sorgen, die Maria und Yngve haben, wenn es um die Organisation ihres Alltags geht: „Natürlich müssen wir immer schauen, wie wir mit dem Geld hinkommen“, sagt Yngve. Maria bekommt den Bafög-Höchstsatz, Yngve wird von seinen Eltern unterstützt. Dazu kamen im ersten Jahr 300 Euro Elterngeld pro Monat, nun sind es 184 Euro Kindergeld. Von Pro Familia gab es zu Fridas Geburt für die Erstausstattung 800 Euro. Große Sprünge können sie damit nicht machen. Beide jobben zwar auch, doch dafür ist die Zeit knapp, denn sie wollen vor allem genug Zeit für Kind und Studium haben, der Zuverdienst ist also gering. Eine Auszeit von der Uni wollen beide aber auch nicht nehmen. „Und selbst wenn ich wollte, ich bekäme dann kein Bafög mehr“, sagt Maria.

          Völlig verrückt? Völlig vernünftig!

          Maria und Yngve studieren Skandinavistik auf Magister. Auf einem Sommerfest ihres Instituts haben sie sich kennengelernt. Als sie 2011 entscheiden, sich den Kinderwunsch, den beide haben, schon früh im Studium zu erfüllen, sind sie ein Jahr zusammen, wohnen noch getrennt, sind nicht verheiratet - das ist nicht gerade das, was manche Menschen unter geordneten Lebensverhältnissen verstehen. Was anderen völlig verrückt erscheint, halten Maria und Yngve für sehr vernünftig. Frida kam im Februar 2012 zur Welt. „Ich wollte nicht irgendwann Mutter sein, sondern jetzt“, sagt Maria. „Und ich wollte kein Vater mit 60-Stunden-Woche sein, der seine Kinder nur am Sonntag sieht“, sagt Yngve. Denn beide waren sich einig: Nie wieder werden wir unsere Zeit so flexibel gestalten können, wie im Studium. „Im Berufsleben ist man doch viel fremdbestimmter“, sagt Maria.

          Das sieht auch Melanie Heller ähnlich. Vor zwei Jahren kam deshalb Luise zur Welt - im zweiten Semester von Melanies Informatik-Studium an der Technischen Universität München. Melanie will noch lange studieren, einen Master machen, auch promovieren. „Ich werde dann nicht mehr, sondern immer weniger Zeit haben“, sagt die 27-Jährige. „Wenn ich ins Arbeitsleben eintrete, wird Luise aus dem Gröbsten raus sein.“ Melanies Mann Thomas ist Schreiner, während seiner Elternzeit hat der heute 30-Jährige seinen Meister gemacht, und Melanie legte ein Urlaubssemester ein. Beide waren schon einige Jahre zusammen, bevor sie sich bewusst für ein Kind entschieden. „Der Zeitpunkt war richtig“, sagt Melanie. Fünf Wochen nach Luises Geburt heiraten sie. Heute steht Melanie kurz vor ihrem Bachelor-Abschluss. Ein zweites Kind zu bekommen, das kann sie sich bald, noch vor Beginn ihres Master-Studiums, vorstellen.

          Melanie, Maria und Yngve gehören zu den rund fünf Prozent der deutschen Studenten, die Kinder haben. Das geht aus der Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2012 hervor. Die Studie wird schon seit 60 Jahren alle drei Jahre erhoben und untersucht die Lebensumstände deutscher Studenten. Laut der Studie denken immer weniger Studenten so wie die jungen Eltern aus Frankfurt und München. Hatten 2006 noch sieben Prozent der Studenten Kinder, waren es 2009 nur noch fünf. Die Studie ermittelt jedoch nicht, ob die Studenten sich bewusst für ihr Kind entschieden haben.

          Wohin bloß mit dem Kind?

          Melanie aus München kennt nicht viele Studenten mit Kind. Die meisten Kommilitonen haben also kaum eine Ahnung davon, mit welchen Schwierigkeiten die jungen Eltern im Alltag zu tun haben. Vor allem das Kind gut unterzubringen, wenn man eine Vorlesung oder ein Seminar besuchen will, gehört dazu. Die junge Familie - Melanie, Thomas und Luise - wohnt nicht direkt in München, sondern im Umland. In ihrem Dorf können Kinder erst ab einem Jahr in die Krippe. Deshalb brachte Melanie Luise nach ihrem Urlaubssemester in das „Kinderzimmer“ der TU, wo eine externe Babysitter-Agentur mit Zuschüssen der Uni stundenweise Kinder von Studenten betreut. Seit sie eineinhalb Jahre alt ist, besucht Luise nun drei Tage pro Woche die Krippe ihres Wohnortes und auch die Omas, die ebenfalls vor Ort sind, springen je einen Nachmittag ein.

          Melanie Heller mit Luise 2012 auf dem Garchinger Campus der TU München.
          Melanie Heller mit Luise 2012 auf dem Garchinger Campus der TU München. : Bild: Astrid Eckert/TU München

          Die Betreuung im „Kinderzimmer“ war für Melanie aber nicht optimal: „Einen Bezug zu den Betreuern entwickelt das Kind dort nicht.“ Sie gibt sich trotzdem dankbar, dass die TU sich seit einigen Jahren bemüht, familienfreundlicher zu werden. Studenten können sich schon während der Schwangerschaft im Familienservice Rat holen, wie sie Studium und Kindererziehung unter einen Hut bringen. Und auch die Akzeptanz studentischer Eltern sei vor allem an ihrer Fakultät für Informatik und Mathematik groß, sagt Melanie. „Eine meiner Professorinnen hat mir sogar erzählt, sie bereue es, dass sie ihr Kind erst spät bekommen habe.“ Für ein zweites sei es dann zu spät gewesen.

          Auch an Yngves und Marias Fakultät in Frankfurt freuten sich viele Kinderlose mit den jungen Eltern am Kind. Etliche Professoren hatten nichts dagegen, dass sie Frida manchmal in Vorlesungen und Seminare mitbrachten. Beide waren froh darüber, denn sie können, wenn es um die Betreuung von Frida geht, nie auf die Großeltern setzen. Denn Yngves Eltern wohnen in Hamburg, Marias Familie bei Weimar. Mal kurz einen Nachmittag auf das Enkelkind aufpassen, das geht also nicht. Dafür haben Yngves Eltern sie mental unterstützt: Sie haben ihnen vorgemacht, dass Studium und Kind vereinbar sind. Sie selbst hatten Yngve und seine ältere Schwester bekommen, als der Vater noch Medizin studierte. Yngves Mutter, eine Krankenschwester, hatte in dieser Zeit die Familie allein ernährt. Wenn Yngve und Maria davon erzählen, merkt man, dass sie das ermutigt hat, sich ihren Kinderwunsch auch schon während des Studiums zu erfüllen und dass sie auch deshalb wussten, was auf sie zukommt.

          Die Deutschen sind „meschugge“

          Unwägbarkeiten gab es trotzdem. Erst im Oktober 2011, knapp vier Monate vor Fridas Geburt, finden Maria und Yngve eine gemeinsame Wohnung - allerdings im Umland in einiger Entfernung. „Es war der Horror“, erinnert sich Maria. Mit der dortigen Kinderkrippe, in die Frida mit einem Jahr kommt, sind beide sehr unzufrieden: „Ein dunkles Loch, das schon um 14 Uhr geschlossen hat“, sagt Maria. Das betreute Kinderzimmer an der Uni gefällt ihnen deutlich besser, doch dort dürfen sie Frida nur zehn Stunden in der Woche abgeben - zu wenig, finden beide. Beide müssen ihre Stundenpläne so koordinieren, dass einer immer freihat zum Kinderhüten, die Übergabe von Frida findet meist zwischen zwei Veranstaltungen auf dem Campus statt. Sich da voll aufs Studium zu konzentrieren fällt schwer, es geht langsamer voran als gedacht. „In Dänemark war das einfacher“, sagt Yngve.

          In Kopenhagen war einiges besser. Noch immer denken sie gerne an die gute Betreuungssituation von Frida während ihres gemeinsamen Erasmus-Jahres in Kopenhagen zurück. „In Deutschland war ich unter den Müttern, die ich getroffen habe, fast immer die einzige Studentin. In Dänemark haben viele Studenten Kinder“, sagt Maria. In Deutschland seien Kinder für viele ein Klotz am Bein, in Dänemark werde versucht, Familien, wo es nur geht, zu unterstützen. „Da macht keine Kita um 14 Uhr dicht“, sagt Maria. Fridas dortige Krabbelstube öffnete um 7.30 Uhr und schloss erst um 16.30 Uhr. Frida konnte ganz nach Wunsch gebracht und geholt werden, meist war sie von 10 bis 16 Uhr dort. Wickeltische seien keine Seltenheit, sondern sogar in Bibliotheken zu finden gewesen. Väter würden viel selbstverständlicher und länger in Elternzeit gehen. „Nicht nur Mamas können Schuhe binden“, heißt es etwa, sagt Yngve.

          Marias und Yngves Eindrücke kann Bernd Raffelhüschen bestätigen. Der Vater von drei Kindern hat eine Finanzprofessur an der Universität Freiburg und forscht unter anderem zum demographischen Wandel. Er hat in Dänemark studiert und in Norwegen geforscht und gelehrt. Während es in Deutschland nicht „en vogue“ sei, die Kinder während des Studiums zu bekommen, sei das in Skandinavien erwünscht und würde durch das Studiengehalt, das Studenten dort erhielten, sogar gefördert. Rund ein Drittel der skandinavischen Studenten seien schon Eltern. Während das dem deutschen Elterngeld als reine Lohnersatzleistung noch nicht gelungen sei und das Familiensplitting ein steuerlicher Vorteil sei, der bei Studenten ohne Gehalt keinen Mehrwert schaffe. „Dabei entstehen Kinder doch nicht durch Geld“, sagt Raffelhüschen. Die Deutschen seien „meschugge“, was dieses Sicherheitsdenken beträfe. „Die Skandinavier bekommen ihre Kinder viel unbekümmerter. Notfalls auch mit dem falschen Mann“, sagt Raffelhüschen. Maria und Yngve sind zurück aus Dänemark und werden ihr Studium in Deutschland fortsetzen. Neben einem gewissen Neid auf die umfangreichere Betreuung haben sie allerdings noch etwas anderes aus Dänemark mitgebracht: Im Dezember bekommt Frida ein Geschwisterchen.

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