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Studieren mit Kind : Vorlesung mit Frida

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Die Deutschen sind „meschugge“

Unwägbarkeiten gab es trotzdem. Erst im Oktober 2011, knapp vier Monate vor Fridas Geburt, finden Maria und Yngve eine gemeinsame Wohnung - allerdings im Umland in einiger Entfernung. „Es war der Horror“, erinnert sich Maria. Mit der dortigen Kinderkrippe, in die Frida mit einem Jahr kommt, sind beide sehr unzufrieden: „Ein dunkles Loch, das schon um 14 Uhr geschlossen hat“, sagt Maria. Das betreute Kinderzimmer an der Uni gefällt ihnen deutlich besser, doch dort dürfen sie Frida nur zehn Stunden in der Woche abgeben - zu wenig, finden beide. Beide müssen ihre Stundenpläne so koordinieren, dass einer immer freihat zum Kinderhüten, die Übergabe von Frida findet meist zwischen zwei Veranstaltungen auf dem Campus statt. Sich da voll aufs Studium zu konzentrieren fällt schwer, es geht langsamer voran als gedacht. „In Dänemark war das einfacher“, sagt Yngve.

In Kopenhagen war einiges besser. Noch immer denken sie gerne an die gute Betreuungssituation von Frida während ihres gemeinsamen Erasmus-Jahres in Kopenhagen zurück. „In Deutschland war ich unter den Müttern, die ich getroffen habe, fast immer die einzige Studentin. In Dänemark haben viele Studenten Kinder“, sagt Maria. In Deutschland seien Kinder für viele ein Klotz am Bein, in Dänemark werde versucht, Familien, wo es nur geht, zu unterstützen. „Da macht keine Kita um 14 Uhr dicht“, sagt Maria. Fridas dortige Krabbelstube öffnete um 7.30 Uhr und schloss erst um 16.30 Uhr. Frida konnte ganz nach Wunsch gebracht und geholt werden, meist war sie von 10 bis 16 Uhr dort. Wickeltische seien keine Seltenheit, sondern sogar in Bibliotheken zu finden gewesen. Väter würden viel selbstverständlicher und länger in Elternzeit gehen. „Nicht nur Mamas können Schuhe binden“, heißt es etwa, sagt Yngve.

Marias und Yngves Eindrücke kann Bernd Raffelhüschen bestätigen. Der Vater von drei Kindern hat eine Finanzprofessur an der Universität Freiburg und forscht unter anderem zum demographischen Wandel. Er hat in Dänemark studiert und in Norwegen geforscht und gelehrt. Während es in Deutschland nicht „en vogue“ sei, die Kinder während des Studiums zu bekommen, sei das in Skandinavien erwünscht und würde durch das Studiengehalt, das Studenten dort erhielten, sogar gefördert. Rund ein Drittel der skandinavischen Studenten seien schon Eltern. Während das dem deutschen Elterngeld als reine Lohnersatzleistung noch nicht gelungen sei und das Familiensplitting ein steuerlicher Vorteil sei, der bei Studenten ohne Gehalt keinen Mehrwert schaffe. „Dabei entstehen Kinder doch nicht durch Geld“, sagt Raffelhüschen. Die Deutschen seien „meschugge“, was dieses Sicherheitsdenken beträfe. „Die Skandinavier bekommen ihre Kinder viel unbekümmerter. Notfalls auch mit dem falschen Mann“, sagt Raffelhüschen. Maria und Yngve sind zurück aus Dänemark und werden ihr Studium in Deutschland fortsetzen. Neben einem gewissen Neid auf die umfangreichere Betreuung haben sie allerdings noch etwas anderes aus Dänemark mitgebracht: Im Dezember bekommt Frida ein Geschwisterchen.

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