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Studieren in Holland : Praxisnähe und kurze Wege

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Die Vielzahl an Akademikern kommt auch den Studenten zugute. „Das Betreuungsverhältnis liegt in Wageningen bei 1:8“, erzählt Schwarz. Wie in Maastricht findet auch hier ein Großteil des Unterrichts in Kleingruppen statt. „In meinem Programm starteten wir mit 14 Studenten“, schwärmt Ayla. „Nach kurzer Zeit schon kennen die Professoren deinen Namen.“ Es gebe viel Feedback von Professoren. Zudem werde viel an Projekten gearbeitet, wo die Theorie direkt Anwendung fände. Die Studenten analysieren zum Beispiel aktuelle PR-Kampagnen. Das Verhältnis zu den Professoren sei entspannt und auf Augenhöhe, so Ayla. „Mit vielen ist man hier per du.“

Teuer, aber jeden Euro wert

Ganz umsonst bekommt man dies jedoch nicht geboten. In den Niederlanden werden Studiengebühren erhoben, derzeit sind es jährlich 1906 Euro. „Zudem sind die Lebenshaltungskosten hier höher“, so Schwarz. Das liegt vor allem an den teureren Mieten. Durchschnittlich müssen monatlich 324 Euro auf den Tisch gelegt werden. In den größeren Städten wie Amsterdam, Rotterdam und Utrecht sind 400 bis 500 Euro für ein kleines Zimmer keine Seltenheit.

Laut dem Nationalen Institut für Budgetberatung Nibud braucht der durchschnittliche Student abzüglich der Studiengebühren im Monat knapp 1000 Euro. Das sei es allerdings wert, da sind sich Ayla und Christopher einig. „Ich würde mich immer wieder für Wageningen entscheiden. Klar, die Studiengebühren sind höher als in Deutschland“, erklärt Schwarz, „aber man sieht auch, dass sie direkt in die Universität und Bildung investiert werden.“ Die Ausstattung sei auf dem neuesten Stand, die Gebäude modern.

Dürr sieht das ähnlich. „Für mich war damals auch Großbritannien eine Option für das Bachelorstudium.“ Das Preis-Leistungs-Verhältnis sei in Maastricht allerdings unschlagbar gewesen. In Großbritannien bezahle man für ein annähernd vergleichbares Programm jährlich bis zu 10 000 Euro. Seit Oktober studiert Christopher Dürr im Master in Berlin. Dadurch kann er jetzt auch den Vergleich zu Deutschland ziehen: „Das Betreuungsverhältnis und die Ausstattung, insbesondere in den Bachelorprogrammen, sind in den Niederlanden besser.“ Und weiter: „Ich habe auch das Gefühl, dass der Anspruch in Deutschland niedriger ist. In Maastricht wurde ich mehr gefordert.“

Gute Organisation, wenig Wahlmöglichkeiten

Das Studium in den Niederlanden gilt als gut organisiert. „Die Semester sind hier in jeweils drei Blöcke unterteilt, pro Block werden zwei Fächer unterrichtet“, erklärt Ayla Schwarz. Viele Wahlmöglichkeiten hätte man nicht. Dadurch kenne man die Stundenpläne und Klausurzeiten allerdings oft schon Monate im Voraus. Dürr ist großer Fan des Block-Systems: „Dadurch kann man sich sehr intensiv mit den jeweiligen Fächern auseinandersetzen und gerät nicht so leicht in Lernrückstand.“ Zudem können die Prüfungen in der Regel innerhalb eines halben Jahres wiederholt werden. Seiner Meinung nach erhöht das die Chancen, das Studium in der Regelstudienzeit zu schaffen. Gut kommen auch die zwei Monate Sommerferien an: „Im Gegensatz zu Deutschland hat man tatsächlich frei.“

Dann kann man zum Beispiel eine Fahrradtour machen. Ein Fahrrad hat sowieso jeder Student, was auch Ausgaben für U-Bahn-Fahrten erspart. Auf die 17 Millionen Einwohner kommen mehr als 18 Millionen Fahrräder. Im Durchschnitt legt der Holländer täglich zweieinhalb Kilometer mit dem Rad zurück. Dass es überall separate Fahrradwege gibt, ist ebenso eine Selbstverständlichkeit, wie dass bei einem Unfall zwischen Fahrrad und Auto grundsätzlich immer das Auto schuld ist. Das ist tatsächlich rechtlich so geregelt. Dementsprechend nehmen die Kraftfahrzeuge Rücksicht. Zudem ist alles nah dran.

Selbst in Amsterdam, der größten Stadt im Land mit etwa 800.000 Einwohnern, braucht man in der Regel für keine Strecke länger als 20 Minuten. Am liebsten fährt der Holländer ein klappriges Omafiets, bunt angemalt, mit Korb und Blumen geschmückt, mit Rücktritt, meist ohne Licht und immer ohne Helm. Der Gepäckträger ist unentbehrlich - um mindestens einen Beifahrer mitnehmen zu können. Ein gutes Land zum Leben seien die Niederlande in jedem Fall, sagt Ayla Schwarz. Sie will sich zwar noch nicht festlegen. Aber vorstellen könnte sie sich schon, nach dem Studium hier zu bleiben. „Wageningen wäre mir auf Dauer zu klein. Aber Amsterdam oder Utrecht sind schon eine Option.“

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