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Stadt der Hochschulreform : Bologna - zwischen Aufbruch und Aufruhr

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Die altehrwürdige Aula der Universität Bologna wird zuweilen gern für Veranstaltungen genutzt - hier für „Bologna Medicine“. Es redet der Chemie-Nobelpreisträger Kary Mullis Bild: dpa

Bologna - das Wort steht für die Reform der europäischen Hochschullandschaft. Aber wie studiert es sich eigentlich in dieser Stadt? Vielleicht nicht ganz so, wie in jeder anderen.

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          Es sind nur ein paar Meter, die den schicken Glasbau der Wirtschaftsfakultät und die Philosophische Fakultät der Universität Bologna trennen, doch zwischen beiden Gebäuden liegen Welten. Nicolò kennt sie beide. Tagsüber studiert der 21-Jährige hinter der Glasfassade einen englischsprachigen Business-Studiengang. Dort paukt er eher Theorien von Adam Smith und John Stuart Mill als Marx. Aber das heiße nicht, dass er so kapitalistisch wie viele seiner Kommilitonen denke, beeilt sich der lockige Süditaliener zu erklären. Soziale Gerechtigkeit, Kultur, Freiräume, das sind seine Themen. Deswegen die zweite Welt, die hinter der Hausnummer 38 in der Via Zamboni liegt. Mit weiten Schritten durchschreitet Nicolò den Platz vor der Wirtschaftsfakultät, geht unter den Arkaden bis zu dem großen, alten Gebäude, an den frisch gesprayten Wänden vorbei. „No codice“ steht da. Das Graffito richtet sich gegen den neuen Verhaltenskodex der Universität. Hinter dem politischen Protest steckt die Gruppe „Collettivo Universitario Autonoma“, kurz CUA, der auch Nicolò angehört. Das studentische Kollektiv verteidigt eine der letzten kommunistischen Hochburgen Italiens - und wehrt sich entschieden gegen eine Erklärung, die ihrer Stadt zweifelhaften Ruhm brachte.

          La Rossa - die Rote: So wird Bologna nicht nur wegen der roten Ziegelhäuser genannt. Doch wer den Namen der Universitätsstadt in Norditalien hört, denkt nicht an die vorherrschende politische Linie und auch nicht an den längsten Arkadengang der Welt, der vom Zentrum bis zur Kirche San Luca auf einen der umliegenden Hügel führt. Oder an das viele gute Essen, dem die Stadt auch den Beinamen „La Grassa - die Fette“ verdankt. Bologna ist vielmehr zum Synonym für ein neues Bildungssystem geworden. Denn hier, im Auditorium der ältesten Universität Europas, unterzeichneten Bildungsminister aus 29 europäischen Staaten am 19. Juni 1999 die Bologna-Erklärung - und beschlossen damit einen umstrittenen Hochschulprozess. Europaweit gab es gegen die Reform Proteste, in Deutschland gingen die Studenten vor allem im Herbst 2009 auf die Straße. Doch es half nichts: Die meisten Studiengänge sind längst durch den Bachelor und Master ersetzt, nur einige wenige Ingenieurwissenschaften verteidigen noch ihren Diplom-Abschluss. Credit Points, im Fachjargon ECTS-Punkte, ersetzen die alten Scheine. Die Universitäten kämpfen um Ranking-Plätze und Drittmittel. Bologna, wo unter anderem der Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco lehrte, steht nicht mehr nur für Tradition und Bildungsideale, sondern auch für den Umbau der europäischen Hochschullandschaft.

          Geisteswissenschaften hoch im Kurs

          Dabei lässt es sich kaum irgendwo so althergebracht studieren wie hier. Geisteswissenschaften stehen immer noch hoch im Kurs, die Fakultätswände sind mit politischen Graffiti beschmiert, Langzeitstudenten gibt es noch, und selbst der Bachelor heißt hier „Laurea“. Doch die Studenten spüren den wachsenden Druck, die Uni will den Bologna-Prozess vorantreiben. Auch deshalb ein neuer Verhaltenskodex, der eigentlich wenig Aufregendes enthält, aber von den Studenten als weitere Einschränkung angesehen wird. Deshalb mehr Leistungsprüfungen, mehr Klausuren - und seien es nur Multiple-Choice-Fragen.

          Nicolò betritt die Via Zamboni 38, die Philosophische Fakultät ist der Hauptsitz von CUA. Die kommunistische Studentenkultur der Stadt formiert sich vor allem hier, im historischen Kern rund um die Piazza Verdi, den zentralen Platz des Universitätsgeländes. Am Eingang der 38 sitzt ein Wachmann, der nicht mal aufblickt, als sich der Student eine selbstgedrehte Zigarette anzündet. „Die wissen, dass sie uns nichts können“, sagt Nicolò schulterzuckend. Ein großes Stoffbanner im Gang verweist auf die wöchentlichen Versammlungen, nachts finden illegale Lesungen und Feste statt. Auf seinem Handy zeigt Nicolò stolz ein Video der letzten Besetzungsparty. Es war laut, impulsiv, das Fakultätsgebäude gerammelt voll. Mehrmals hat die Universität versucht, mit den Studenten ins Gespräch zu kommen oder sie endgültig aus dem Gebäude zu schmeißen. Erst letzten Herbst forderte das Rektorat eine Einschränkung der nächtlichen Veranstaltungen. Doch selbst das Entfernen der Graffiti, die auch im Innern des Gebäudes die Wände zieren, wurde mittlerweile aufgegeben: Die Energie zur Mobilisierung ist in Bolognas Studentenschaft einfach zu groß.

          Ruft CUA zu Demos und Blockaden auf, kommen Hunderte, manchmal Tausende Teilnehmer. Den Höhepunkt der öffentlichen Proteste bildete ein Zusammenstoß zwischen den Studenten und der Polizei im Mai 2013: Mehrere Polizeieinheiten wollten eine öffentliche Versammlung auf der Piazza Verdi blockieren, über soziale Medien verbreitete sich die Nachricht, und solidarische Bürger sprangen den Studenten bei. Die Studenten gewannen und wandten sich auf der Piazza mit einer Forderung nach günstigeren Mensen und Cafeterien öffentlich an das universitäre Management.

          Manchmal besetzen sie die Mensa

          Die Studenten werten den Zusammenstoß als Erfolg, auch wenn sich seither nichts geändert hat - außer, dass sich die Polizei von der Piazza Verdi nun weitgehend fernhält. Öffentlicher Protest und ziviler Ungehorsam sind die Mittel von CUA. Manchmal trommeln sie um die Mittagszeit Hunderte Studenten zusammen und besetzen die Mensa, bis diese das Essen günstiger herausrückt. Nicht an allem können sie dem Bologna-Prozess die Schuld geben, aber dass sich Universitäten mehr und mehr in Wirtschaftsunternehmen verwandeln, daran haben die Studenten keinen Zweifel. Neben England ist Italien einem Bericht der Europäischen Kommission von 2012 zufolge einer der teuersten Studienorte Europas: Im Schnitt bezahlen Bachelor- und Masterstudenten Studiengebühren in Höhe von 1434 Euro im Jahr. Bei Nicolò und seinen Kommilitonen sind es sogar um die 2000 Euro. Wann sie ihre Studienschulden zurückzahlen können, ist nicht sicher. Im März lag die Arbeitslosenquote in Italien bei 13 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit ist vor allem im Süden hoch - auch einer der Gründe, warum viele zum Studium in den Norden ziehen, so wie Nicolò.

          An diesem sonnigen Nachmittag im Mai ist von Existenzängsten aber nichts zu spüren. Das Univiertel rund um die Piazza Verdi ist voll mit Partytrupps, die an Junggesellenabschiede erinnern. Die Freunde der sogenannten Laureaten singen provozierende Lieder, Partyfotos der Graduierten säumen die Via Zamboni, und die frischgebackenen Absolventen bekommen von ihren Freunden neben Gesängen, Alkohol und dem „Papiro“, einer gereimten Abhandlung über ihr Leben auf Postergröße, die laut vorgetragen werden muss, auch schräge Kostüme verpasst. Trotz der Unsicherheit, die viele Studenten nach dem Studium erwartet, feiern die Laureaten ihren Abschluss in Bologna so ausgelassen wie sonst wohl nirgendwo. Nicolò bleibt am Rande der Piazza stehen und genießt kurz den Trubel, dann muss er schnell weiter: In wenigen Stunden soll die nächste Aktion des Kollektivs steigen.

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