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Studieren im Ausland : Entdecker ohne Mut

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          Ernüchterung ist kein schönes, aber ein heilsames Gefühl. In der Theorie zum Beispiel fördert die europäische Hochschulreform, besser bekannt als Bologna-Prozess, die Mobilität der Studenten. So heißen in Marburg und Maastricht, in Tübingen und Trondheim die Bachelor- und Master-Abschlüsse gleich. Das einheitliche Punktesystem ECTS macht es zudem kinderleicht, Studienleistungen aus dem einen Land in ein anderes zu übertragen. In der Praxis aber bleiben die Tübinger Studenten, seit die Reform zur Realität geworden ist, lieber in Tübingen und die Marburger in Marburg - weil sie fürchten, dass ein Auslandsaufenthalt zu viel Zeit kostet.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So lautet jedenfalls der Befund, den das Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) in einer Befragung von rund 7000 Studenten zutage gefördert hat. Demnach liegt der Anteil der Studenten, die im Ausland studiert haben, in den Diplom- und Magisterstudiengängen alter Prägung bei 35 beziehungsweise 49 Prozent. In den Bachelor-Studiengängen sind es gerade einmal 15 und unter den Mastern 30 Prozent.

          Diejenigen, die sich gegen einen Auslandsaufenthalt entschieden haben, nannten dafür neben finanziellen Schwierigkeiten vor allem drei Gründe: den vermeintlichen Zeitverlust, die mangelnde Unterstützung seitens ihrer Hochschule und die schwierige Vereinbarkeit eines Auslandssemesters mit ihrem Studiengang - der Bologna-Prozess führt also offenbar nicht zu dem beabsichtigten Ziel hin, sondern von ihm weg. „Das ist eigentlich ein Skandal“, kommentierte Claudius Habbich vom HIS die Zahlen, als er die Studie auf einer vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und dem Bundesbildungsministerium veranstalteten Konferenz vorstellte. „Zumal die Furcht vor dem Zeitverlust und die Kritik an mangelnder Unterstützung seit 2007 zugenommen haben.“

          Immense Informationsberge

          Nicht die Reform an sich, sondern die akademische Bürokratie kritisiert dafür Tristan von Schindel, der im Studierendenrat der TU Ilmenau für das Referat Internationales zuständig ist und Kommilitonen berät, die sich für einen Auslandsaufenthalt interessieren. „Sie müssen sich durch einen immensen Informationsberg kämpfen“, berichtet er; die Unübersichtlichkeit sei zum Teil hausgemacht. „Zum Beispiel arbeiten einige Fachgebiete an den Auslandsämtern vorbei und versuchen eigene Austauschprogramme zu etablieren.“ Für die Studenten komfortabler wäre eine zentrale Anlaufstelle. Noch wichtiger aber wären flexible Studienpläne. Schindel schildert einen typischen Fall: Die Prüfungsordnung erlaubt fünf Semester bis zu einer Prüfung, für die man eine Lehrveranstaltung besucht haben muss, die aber nur jedes zweite Semester angeboten wird. „Dann steht man vor einem Riesenproblem, wenn man davor noch ein Auslandssemester unterbringen will.“

          Einen anderen Aspekt hebt Markus Pradel hervor, der Vizepräsident der privaten Fachhochschule Fresenius. Um der Profilbildung willen wurden in den vergangenen Jahren viele neue Studiengänge entwickelt; die Hochschulrektorenkonferenz zählt aktuell mehr als 9000 Angebote, unter denen Erstsemester wählen können. „Schon beim Ortswechsel innerhalb Deutschlands mindert diese molekular ausdifferenzierte Beschreibung mancher Fächer die Anrechenbarkeit“, sagt Pradel - vom Wechsel ins Ausland ganz zu schweigen. Die Folge, diesmal nicht durch Studien ermittelt, sondern spontan geschätzt: „Am Anfang nehmen sich 90 Prozent der Studenten einen Auslandsaufenthalt vor. Aber nur 3 Prozent ziehen's dann auch durch.“

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