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Studieren hinter Gittern : Mehr als nur die Strafe absitzen

Bild: F.A.Z./Tresckow

Rund 200 Häftlinge streben in deutschen Gefängnissen nach akademischen Weihen. Sie studieren in Isolation - ohne Professor, ohne Unibibliothek und oft auch ohne Internet. Wie kann das funktionieren? Ein Besuch hinter Gittern.

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          Schwalmstadt-Ziegenhain ist hessische Kleinstadtidylle pur. Andere machen hier Urlaub: Die Sportlichen treffen sich zum Mountainbiken, die Rentner lieben die Fachwerkhäuschen. Japaner und Amerikaner kommen in Bussen, um das berühmte Glockenspiel am historischen Museum zu bestaunen. Harald Stehling sitzt auf der anderen Seite der Idylle, hinter den 1000 Jahre alten Mauern der alten Schwälmer Wasserfestung, im heutigen Gefängnis.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          In Schwalmstadt-Ziegenhain sind traditionell die Häftlinge mit den langen Strafen versammelt - Mörder, Totschläger, Gewalttäter. „Hessens Crème de la Crème der Kriminalität“, wie sich der Anstaltsleiter Jörg Bachmann ausdrückt. „Die schweren Jungs.“ Stehling ist so einer, ein Motorrad-Rocker mit breiten Schultern und massigen Oberarmen. Rot-weiß prangt das eintätowierte Symbol der Hells Angels auf seinem Unterarm, quer darüber hat er sich das Austrittsdatum aus dem Club stechen lassen: 12. Mai 2005. Da habe er „den Schlussstrich gezogen“, sagt er. Vor allem, weil der Staatsanwalt das so wollte. Und weil er sich versprach, „ein bisschen früher rauszukommen“.

          Heute, sagt Stehling, ist der Club für ihn „nicht mehr die Nummer 1“. Den Platz eingenommen haben die Wirtschaftswissenschaften. Der 40 Jahre alte Häftling studiert mit Enthusiasmus hinter Gittern - die Fernuniversität Hagen macht's möglich. Kostenrechnung, Kalkulation, Statistik und Steuerrecht sind seine Leidenschaft geworden. Den Hafturlaub nutzte Stehling, um nach Hagen zu fahren und Prüfungen abzulegen. Das BWL-Studium - begonnen hinter Gittern - hat er schon komplett fertig. Jetzt macht er den Steuerberater-Lehrgang obendrauf. „Ich mag halt Zahlen“, sagt er.

          „Unsere Leute sitzen isoliert in der Zelle“

          Eine Studentenkarriere hinter Gittern, die auch noch mit einem erfolgreichen Abschluss endet, bleibt ein Ausnahmefall. Die Erhebungen der Bundesländer ergeben, dass in Deutschland etwa 216 Inhaftierte ein Fernstudium absolvieren. Selbst in Freiburg, wo das Gefängnis in Sachen Bildung als beispielhaft gilt, haben in den vergangenen zehn Jahren erst sieben Insassen einen Abschluss gemacht. Harald Stehling ist in Schwalmstadt der zweite in 15 Jahren. „Kein Wunder“, sagt der Schwalmstädter Gefängnispädagoge Frank-Helmut Welz-Detroy. „Was ein Studium ausmacht, ist doch in der Regel Kommunikation. Aber unsere Leute sitzen isoliert in der Zelle, acht Quadratmeter, kein Professor, kein Tutorium, kein Internet.“

          Kein Internet - das ist zu einem der größten Hindernisse für Fernstudenten hinter Gittern geworden. Vielerorts gilt ein Internetzugang als Risiko. Da herrscht die Furcht, dass Gefangene online Drogen oder Handys organisieren oder gar Ausbruchspläne schmieden. Andererseits: „Ohne zumindest einen beschränkten Online-Zugang können Sie an der Fernuni Hagen heute kaum noch studieren“, sagt Michaela Köhl, die Geschäftsführerin des Studienzentrums Karlsruhe, das sich im Auftrag Baden-Württembergs um inhaftierte Studenten kümmert. „Viele Daten werden nur noch über das Internet zur Verfügung gestellt.“ Zum Beispiel Lernplattformen oder Online-Verfahren für die Einschreibung.

          Morgens Flure putzen, abends Terme umformen

          Harald Stehling musste sich dagegen computerfrei durch sein BWL-Studium kämpfen. Freunde draußen bestellten für ihn Bücher übers Internet und reichten seine Rückmeldung ein. Der Gefängnis-Bibliothekar tippte Stück für Stück Stehlings Diplomarbeit ab. „Drei Männer vom Anstaltspersonal haben auf Rechtschreibfehler gegengelesen“, erinnert sich Stehling. „Am Ende haben mir fast alle geholfen.“

          Am Anfang musste er mehr kämpfen. Die Gefängnisleitung verlangte, dass er trotz des Studiums Vollzeit arbeitete - wenn auch in einem Job, den er mit dem Studium vereinbaren konnte. „So wurde ich Hausarbeiter“, berichtet Stehling. Das heißt: Essen ausgeben, Flure putzen, Bettwäsche austauschen. „Dazwischen sind immer ein oder zwei Stunden, in denen man lernen kann“, sagt Stehling. „Und abends. Da gibt es hier so früh Essen wie im Krankenhaus.“ Hinterher ziehe es ihn sofort zurück an den Schreibtisch. Der steht in Stehlings karger Zelle, die abgesehen von ein paar Ordnern genau so aussieht, wie man sich das Gefängnis vorstellt: ein Bett, ein Stuhl, ein Regal, PVC auf dem Fußboden und vor den Fenstern weiß lackierte Gitterstäbe. Stehling nimmt sie längst nicht mehr wahr. „Wenn andere hier im Knast einsam sind, machen sie Sport oder spielen Karten. Ich vergrabe mich hinter meinen Büchern.“

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