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Studieren hinter Gittern : Mehr als nur die Strafe absitzen

Zum Klausurtermin nicht abgeholt

Geradezu paradiesisch hören sich im Vergleich dazu die Studienbedingungen in der JVA Freiburg an. Hier gibt es extra Räume zum Lernen und PCs mit getunnelten Internetzugängen. Über die lassen sich nur Adressen mit der Endung „fernuni-hagen.de“ erreichen. Das Gefängnispersonal fängt den Mail-Verkehr ab und kontrolliert ihn. Mentoren aus der Universität kommen regelmäßig vorbei, um in fachlichen Fragen zu helfen. Die meisten Studenten werden von der Gefängnisarbeit freigestellt und erhalten eine Ausbildungsbeihilfe - im Schnitt etwa 85 Euro je Monat.

Neben Freiburg betreibt nur die JVA Berlin Tegel ein vergleichbares Studienzentrum. Hessen bemüht sich um ein Fernstudienzentrum in der JVA Butzbach. Einige weitere Bundesländer machen erste Versuche mit gesicherten Internetplattformen. „In so mancher Haftanstalt werden die Fernstudenten dagegen mehr oder weniger alleingelassen“, beklagt die Hagener AStA-Referentin Angela Carson-Wöllmer. Bei ihr stapeln sich Beschwerdebriefe. „Die Unterstützung in der hiesigen JVA ist sehr gering, teilweise erfahre ich sogar völlige Gegenwehr“, heißt es da. Oder: „Es ist wieder passiert, dass ich zum Klausurtermin nicht abgeholt wurde.“ Besonders bemerkenswert ist die Lage in Nordrhein-Westfalen. Dort wurde das einstige Prestige-Studienzentrum in der JVA Geldern aufgrund von Sicherheitsbedenken in Sachen Internetnutzung komplett geschlossen. Bis zur Anfrage dieser Zeitung befand sich das Justizministerium gar in völliger Unkenntnis darüber, dass derzeit überhaupt noch Gefangene im geschlossenen Vollzug in NRW studieren (mehr dazu unter: Studieren in Haft: Niedergang eines Studienzentrums).

„Oft sind die Mörder die Fleißigsten“

Clever, fleißig, kriminell - was sind das für Menschen, die hinter Gittern seitenlange Terme umformen oder Kant und Hegel analysieren? „Wenn ich die Liste der Studenten der JVA Freiburg aus den letzten Jahren anschaue, dann sind dort zwar Straftaten aus fast allen Bereichen zu finden, auffällig ist aber die große Anzahl von Tötungsdelikten“, sagt der Freiburger Gefängnispädagoge Reinhard Sprehe. Das liege daran, dass diese Gefangenen sehr lange hinter Gittern sitzen. Zudem seien Mörder, die eine Beziehungstat begangen haben, „oft nicht so dissozial“ und „durchaus leistungsfähig“. Pädagoge Welz-Detroy bestätigt: „Oft sind die Mörder die Fleißigsten.“

Einen Mord hat Harald Stehling nicht auf dem Konto, immerhin. Er sitzt, das sagt er offen, wegen „erpresserischen Menschenraubes“. Das ist eine Entführung, die dazu dient, den Entführten oder Menschen aus seinem Umfeld unter Druck zu setzen. „Ich hab' mich damals mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen“, erzählt Stehling. „Dann kam einer auf mich zu und hat mich als Geldeintreiber engagiert. Als so ein Typ mal nicht zahlen wollte, da kam es dann eben zu diesem Vorfall.“

Zu acht Jahren Haft wurde er verurteilt, zwei Drittel davon sind bald vorbei. Dann hofft er, dass er raus darf. An einem Gutachter ist er allerdings schon gescheitert. Der wollte nicht recht glauben, was Stehling immer wieder versichert: dass er nochmal von vorn anfangen will. Einen guten Job haben will. Geläutert ist. „Wäre ich damals nicht erwischt worden, wären es vielleicht mehr Straftaten geworden“, sagt Stehling heute. „Es war gut, hier eine Zwangspause einzulegen, mal am Rasthof anzuhalten und zu überlegen, dass man mit seinem Leben eigentlich was ganz anderes machen sollte.“

Beim IQ-Test „die Skala gesprengt“

Harald Stehling hat draußen sogar einen Arbeitsplatz in Aussicht - ein Ausnahmefall. „Wer will denn schon einen verurteilten Gewaltverbrecher in der Chefetage sitzen haben?“, fasst der Gefängnispädagoge Welz-Detroy das Misstrauen vieler Arbeitgeber zusammen. Viele Gefängnisleitungen sehen daher ein Studium kritisch, wollen lieber, dass die Insassen Friseur lernen oder Koch. „Aus meiner Sicht gefährlicher als ein Internetzugang“, sagt Welz-Detroy. „Da hantieren sie schließlich mit Scheren und Küchenmessern.“ Er sieht die Sache pragmatisch: „Wenn ich einen Workaholic in der Zelle sitzen habe, der nur nicht durchdreht, wenn ich ihn höhere Mathematik austüfteln lasse - dann soll der meinetwegen rechnen.“

In Harald Stehlings Fall hatte der Pädagoge ähnliche Gedanken. Vor Jahren hat er ihn deshalb einmal zum IQ-Test geschickt. „Ich war ja auf ein gutes Resultat gefasst“, berichtet er heute. „Aber dieser Mann - der hat regelrecht die Skala gesprengt.“

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