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Frauen an der Universität : Studieren ohne Jungs

  • -Aktualisiert am

Alexandra Dorschu leitet einen Maschienbau Studiengang nur für Frauen Bild: Hochschule Ruhr West

Feministinnen, Mauerblümchen und Realitätsverweigerinnen – so stellt sich manch einer vielleicht Studiengänge vor, die nur für Frauen geeignet sind. Hinter der Idee steckt aber viel mehr.

          6 Min.

          Ein Studium nur unter Frauen? Was in Ländern wie Japan, Kanada und den Vereinigten Staaten gang und gäbe und außerdem noch allseits anerkannt ist – immerhin haben auch die Präsidentschaftskandidatin und frühere First Lady Hillary Clinton sowie die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright an einem reinen Frauencollege studiert, dem Wellesley College bei Boston, einem der renommiertesten Frauencolleges der Vereinigten Staaten –, das genießt hierzulande Seltenheitswert. Oder sollte man ergänzen: noch? Denn als vor 21 Jahren die Wilhelmshavener Jade Hochschule den Anfang machte und ein Bachelorstudium „Wirtschaftsingenieurwesen für Frauen“ einrichtete, leistete sie noch Pionierarbeit. Aber die Zeiten haben sich auch hierzulande geändert.

          Seitdem nämlich ist die Zahl der Frauenstudiengänge in Deutschland zwar zaghaft, aber immerhin um eine Handvoll gewachsen: Informatik in Bremen und Wirtschaftsingenieurwesen in Stralsund (beide seit 2000/01), „Wirtschafts-Netze e-Business“ in Furtwangen (2002/03), Elektrotechnik in Jena (2015/16). In diesem Wintersemester ist nun auch in Mülheim an der Hochschule Ruhr West ein neuer Frauenstudiengang Maschinenbau gestartet. In den ersten vier Semestern bleiben die Frauen im Studium dort unter sich, danach geht es gemischt weiter. Sechzig Interessentinnen hätten sich beworben, fünfzehn sich bislang eingeschrieben, berichtet die Studiengangsleiterin Alexandra Dorschu. „Wir haben regional viel Aufmerksamkeit bekommen.“

          Nicht mehr allein unter Männern

          Die 32 Jahre alte Professorin hat an der Technischen Universität Dortmund Physik und technische Mechanik studiert und sieht sich selbst als „Vorbild und Kopf des Frauenstudiengangs“. Ihre Motivation für dessen Einrichtung sei „eine persönliche“ gewesen. Denn sie habe zu ihrer Studienzeit selbst erfahren, wie es sich als fast einzige Frau und unter lauter Männern im Hörsaal anfühle.

          „Da kennt jeder jede, und man wird als nahezu einziges weibliches Wesen genau geprüft“, sagt sie. „War man mal nicht in der Vorlesung, wird gleich nachgehakt. Beim Mann fragt niemand nach.“ Generell spiele die Atmosphäre eine große Rolle im Studium, glaubt Dorschu, ob man sich wohl fühle oder nicht. „Man möchte ja nicht immer auf dem Präsentierteller sitzen. Das ist bei Männern nicht anders. Sie fühlen sich deshalb in den typischen Frauenstudiengängen, etwa der Pädagogik, nicht wohl.“

          Trotzdem müssten Frauen in technischen Studiengängen natürlich akzeptieren und lernen, dass sie später im Berufsleben oft die einzige Frau unter lauter Männern seien, sagt Dorschu. Dieser Hintergrund – weibliche Wesen als Exotinnen in den Hörsälen von Informatik, Maschinenbau und Co. – ist hierzulande bislang auch treibende Kraft bei allen monoedukativen Studiengängen. Immerhin herrscht großer Bedarf an IT-Spezialisten, Stichwort: Künstliche Intelligenz und Industrie 4.0, so dass man nun auch um jede Frau ringt, die sich für dieses Gebiet gewinnen lässt.

          Monoedukation für mehr Frauen in MINT-Berufen

          In Mülheim gibt es ein Begleitprogramm, das Frauen auf ihre spätere spezifische Situation in Männerberufen vorbereiten soll. In der Region habe man stark die Werbetrommel gerührt und sei in etlichen Schulen unterwegs gewesen, erzählt Dorschu. „Das allein habe ich schon als sehr lohnend empfunden, denn so konnte ich vielen Mädels klarmachen, dass Maschinenbau mehr ist, als nur am Auto zu schrauben.“

          Es sei bekannt, dass Absolventinnen von Mädchenschulen signifikant häufiger Naturwissenschaften studieren als Abiturientinnen von gemischten Schulen, sagt Gerlinde Schreiber, Professorin an der Hochschule Bremen und dort verantwortlich für den Frauenstudiengang Informatik. „Daher rührt der Gedanke, dass Monoedukation ein geeignetes Mittel ist, Frauen für ein MINT-Studium zu gewinnen.“ Den hierzulande existierenden Vorbehalten – zusammengefasst in Worten wie „Schonraum“ oder „Realitätsferne“ – begegne man in Bremen „mit kontinuierlich guter Arbeit“, sagt die Informatikerin selbstbewusst.

          Seit 15 Jahren würden sich die Bremer Absolventinnen sehr erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt behaupten. „Für uns gilt die Faustformel: Die guten Absolventinnen schreiben zehn Bewerbungen, werden achtmal eingeladen und bekommen sechs Zusagen. Diese Zahlen sprechen für sich und für den Erfolg unseres Frauenstudiengangs.“ Pro Jahr schwanke die Nachfrage zwischen 45 und 90 Bewerbungen auf 30 Studienplätze. Die Abbrecherquote sei allerdings „leider genauso hoch wie in den koedukativen Studiengängen“. Sie liegt zwischen 30 und 50 Prozent in jedem Jahrgang.

          „Aber wenn wir durch den Frauenstudiengang schon fünf Absolventinnen zusätzlich haben, lohnt sich die Sache“, sagt auch Professor Helmut Eirund, Dekan der Fakultät Informatik an der Bremer Hochschule. Er spricht zwar von einem hohen Aufwand in diesem Studiengang wegen der Betreuung in Kleingruppen. „Aber wir schaffen hier Selbstvertrauen bei den Mädchen. Sie kennen sich alle untereinander und merken, dass sie fachlich mitreden können.“

          Festgefahrende Rollenmuster verändern

          Auch der Branchenverband Bitkom, meist als „Digitalverband“ bezeichnet, zog vor zwei Jahren in seiner Studie „MINT-Frauenstudiengänge in Deutschland“ ein optimistisches Fazit: „Ob Frauenstudiengänge im Kampf gegen den Fachkräftemangel zu potentiellen Talentschmieden werden und den Zweck, mehr weibliche MINT-Absolventinnen hervorzubringen, erfüllen, muss sich immer noch zeigen. Fest steht jedoch, dass die Nachfrage hoch ist, die Abbruchquoten gering und die Studienzufriedenheit sehr gut.“ Der Verband sieht in der Wahlmöglichkeit zwischen mono- und koedukativ „das Potential, festgefahrene Berufs- und Rollenmuster zu verändern mit dem Ziel, ausreichend und hochqualifizierte Fachkräfte für die Digitalbranche auszubilden“.

          Für Saskia Rütjerodt, die wegen des Bremer Frauenstudiengangs ihre bayerische Heimat verlassen hat und von Nürnberg an die Weser gezogen ist, sind die Beweggründe für ihr Informatikstudium allerdings rein persönlicher Natur gewesen: „Viele wählen ihr Studium nach ihrer Veranlagung“, sagt die 25-Jährige. „Ich dagegen wollte eine Lücke in meinem Wissen schließen.“ Sie sei es leid gewesen, „wann immer ich Probleme mit meinem Notebook hatte oder irgendeine Meldung auftauchte, die ich nicht verstand, um Hilfe bitten zu müssen – in der Regel bei Männern“. Dabei habe sie immer schon ein gutes Verständnis von Mathematik und Freude an Sprachen, Chemie, Biologie und Physik gehabt.

          Ihr „Wunschberufsfeld“ sei nun die Softwareentwicklung. „Programmieren, kreativ sein, entwickeln und gestalten macht mir Spaß“, sagt Saskia Rütjerodt. Auch glaubt sie, dass es „keine Zukunft“ gebe ohne Informatik. Und: „Es wird Zeit, die Angst vor dem großen Mysterium Technik zu verlieren.“

          Angenehmes Lernklima

          Da sie während ihrer Schulzeit schon fünf Jahre lang an einer Mädchenschule war, ihr Abitur aber an einer gemischten Schule abgelegt hat, sei das Thema Monoedukation nichts Neues für sie gewesen. „Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht“, berichtet sie. „Es ist ein anderes Klima. Ich bin keine schüchterne Persönlichkeit und definiere mich auch nicht über mein Geschlecht. Trotzdem empfinde ich es als angenehmes Lernklima nur unter Mädchen. Es fiel mir von Anfang an leichter, in einer Gruppe Fremder zu sprechen und Fragen zu stellen.“

          Denn es sei schon so, meint Rütjerodt, die bereits im siebten Semester angelangt ist und gerade ein Auslandssemester in Budapest hinter sich hat, dass „Frauen eine Tendenz haben, sich zu sorgen und an sich zu zweifeln, während viele Männer leichter von sich überzeugt und selbstsicherer“ seien. Damals habe sie Hemmungen gehabt, sich „sozusagen als Quereinsteigerin in einen gemischten Studiengang zu setzen“. Sie habe nicht unwissend unter Jungs sitzen und sich nicht von dem „Bild, dass die Jungs alle weiter sind als ich, einschüchtern lassen“ wollen.

          Informatik sei kein leichtes Studium, und Programmieren brauche einfach Zeit. Saskia Rütjerodts Befürchtungen, dass Jungs einfach mehr draufhaben, habe sich allerdings so nicht bestätigt. Als es im fünften Semester gemischt weiterging, sei sie „genauso mitgekommen“ wie ihre männlichen Kommilitonen. Ihre persönliche Erfahrung fasst sie so zusammen: „Es sind diejenigen in den Kursen am besten, die am meisten und härtesten arbeiten.“ Egal ob Mann oder Frau.

          Kein Gezicke

          „Gezicke“, wie manche Außenstehende vermuten, herrsche im Frauenstudiengang nicht, sagt sie. „Warum auch? Wir sind ein Haufen Mädels, die sich Wissen und Können erarbeiten. Wir sind alle sehr verschieden, bunt gemischt, was Alter, Interessen und Wurzeln angeht, aber doch meist irgendwie ähnlich vom Denken her“, sagt sie. „Der Weg zur Informatikerin ist nicht immer einfach, aber gerade deshalb helfen wir uns gegenseitig. Statt Gezicke herrscht eher Verbundenheit.“

          Und noch einen Aspekt nennt die Studentin. Allerdings betrifft der weniger die Monoedukation als ihre persönliche Studienfachwahl: „Ich habe Piercings und Tattoos und kann mir nicht vorstellen, mit Anzug oder Kostüm aufzutreten. Meinen Individualismus möchte ich mir auch auf der Ebene meines Aussehens nicht nehmen lassen.“ Die Informatikbranche sei diesbezüglich moderner eingestellt als viele andere. Umgang und Schaffensprozess seien „mehr auf den Menschen ausgerichtet“, abstraktes Denken und fachliches Können genauso gefragt wie Charakter. In der Informatik zähle das Innere mehr als das Äußerliche.

          Hier vermutet die Studentin auch einen Zusammenhang zur angeblich hohen Mitarbeiterzufriedenheit bei großen Unternehmen wie Google. „Zufriedene Mitarbeiter sind produktiver. Und zufrieden ist nur, wer sich in seiner Person geschätzt fühlt. Fachlich wie persönlich.“ Für sie gehört dazu eben auch, am Arbeitsplatz mit Piercings und Tattoos antreten zu dürfen.

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