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Studiengänge für Kreative : Tanzen und tanzen lassen

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Ohne Worte: Lina Gomez aus Kolumbien zeigt, was sie beim Tanzen unter guter Körpersprache versteht. Bild: Matthias Lüdecke

In Berlin gibt es jede Menge Studiengänge für Kreative und Künstler. Zu Besuch bei Choreographen, Musical-Darstellern und Game-Designern. Auch um zu fragen: Hat das denn Zukunft?

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          Die Tänzerin fasst sich an die Schulter. Ihr hageres Gesicht ist schmerzerfüllt. Jetzt greift sie an ihr Bein, scheint wieder Schmerz zu spüren. Ihre hochgewachsene Gestalt bäumt sich auf, entspannt sich schließlich. Ania Aristarkhova hat sie genau beobachtet. Die 28 Jahre alte Frau aus Russland nickt. Ihre blauen Augen leuchten. „Lebendiges Archiv“ heißt die Choreographie, an der Aristarkhova mit drei Tänzerinnen arbeitet. Jede entdeckt das „Archiv“ in ihrem Körper - dort sind Erinnerungen an die ersten Tanzschritte abgespeichert, an blaue Flecken aus der Ausbildung zur Tänzerin.

          Nebenan ist Lina Gómez aus Kolumbien in ihre neue Choreographie vertieft. Wie Ania Aristarkhova ist sie für den zweijährigen Master-Studiengang Choreographie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ eingeschrieben. Choreographie - das bedeutet, Bewegungen zu erfinden und sie einzustudieren. Das muss aber nicht mit Menschen geschehen, sagt die Professorin Wanda Golonka: „Es können zum Beispiel auch Autos sein.“ Lina Gómez, 29 Jahre alt, arbeitet aber mit drei Tänzern. Ihrem muskulösen Körper ist anzusehen, dass sie selbst seit vielen Jahren tanzt. Sie ist nach Berlin gekommen, um von hier aus die europäische Tanzszene zu entdecken und sich für ihre choreographische Arbeit ein theoretisches Gerüst zu bauen. Die Hauptstadt gilt als Eldorado für Kreative und Menschen, die ein künstlerisches Fach studieren wollen. An vier Kunsthochschulen, vier Unis, vielen staatlichen und privaten Fachhochschulen haben sie reichlich Auswahl. Hier lehren Dozenten mit zum Teil internationalem Renommee. Die Universität der Künste etwa bietet 70 Studiengänge, 3800 Studenten sind immatrikuliert. An der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ sind 240 Studenten für sechs Studiengänge eingeschrieben.

          Ania Aristarkhova und Lina Gómez studieren auf Deutsch, aber sie reden viel englisch miteinander. Ausgebildet werden sie am „Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz“, das Räume in den Uferstudios im Bezirk Wedding nutzt. Lina Gómez entwirft jetzt ein neues Szenario für die Tänzer: „Es gibt kein Wasser, gar keine Flüssigkeit.“ Ein Mann reckt wie in Verzweiflung seinen Arm in die Höhe, alle wirken in sich gekehrt. Nach ein paar Minuten sagt Gómez: „Wenn ihr die Augen öffnet, spürt eine Verbindung zum Raum und zu den anderen.“ Später wird sie von Lehrkräften eine Beurteilung ihrer Arbeit bekommen.

          Exklusive Angelegenheit

          Das Choreographie-Studium ist eine exklusive Angelegenheit. Bis vor kurzem wurden alle zwei Jahre nur etwa sechs Studenten aufgenommen. „Seit dem vergangenen Herbst immatrikulieren wir jedes Jahr“, sagt Wanda Golonka. Die meisten Studenten haben wie Aristarkhova und Gómez jahrelange Berufserfahrungen als Tänzer. Eine Studentin, erzählt Golonka, sei „bildende Künstlerin und hat Körperwissen als Leistungssportlerin“.

          Die Studenten setzen sich mit der Theorie des Tanzes auseinander, damit, wie ein Raum für künstlerische Darbietungen genutzt werden kann. Sie schulen ihre Beobachtungsgabe und sozialen Kompetenzen im Umgang mit anderen Künstlern. Für Ania Aristarkhova ist dieser Punkt besonders wichtig. Oft hatte sie als Tänzerin das Gefühl, dass der Choreograph ihr etwas nahm, sie aussaugte. „Ich wünsche mir stattdessen Balance, einen produktiven Austausch“, sagt sie. Ihr und Lina Gómez gefällt, dass ihre Lehrkräfte die künstlerische Eigenständigkeit respektieren. „Wir gehen unterschiedlich an Dinge heran“, sagt sie, „und das darf auch so bleiben.“

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