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Studienabbrecher : Irgendwie bin ich hier falsch

  • -Aktualisiert am

Was, wenn das Studium in einer Sackgasse endet? Bild: dpa

Zehntausende brechen jedes Jahr ihr Studium ab. Vier von ihnen erzählen: über ihre Zweifel, die Momente der Wahrheit und wie es weitergeht, wenn man alles hinschmeißt.

          5 Min.

          Volle Hörsäle, neue Freunde, totale Freiheit! Das denken viele Studenten bei Studienbeginn. Doch nicht alle bleiben bis zum Schluss. Von den rund 508.000 Erstsemestern, die im vergangenen Jahr ein Studium begonnen haben, werden wohl mehr als 142.000 wieder abbrechen – etwa 28 Prozent. So hoch war die Abbrecherquote bei der letzten Erhebung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung im Jahr 2014. Die meisten Studienabbrecher gibt es in MINT- Fächern. So brechen allein 36 Prozent der Ingenieurstudenten ab. Die Gründe sind unterschiedlich: Oft sind es private Probleme. Oder Studenten können sich das Studium nicht mehr leisten. Die Leistungsanforderungen sind zudem sehr hoch, manche Studenten schaffen es einfach nicht. Andere bereiten sich nicht genug auf das Studium vor und haben keine angemessene Vorstellung, was sie erwartet. Ein Studium ist eben nicht jedermanns Sache – das wissen auch vier Studienabbrecher, die über ihre Motive, die entscheidenden Momente und ihren weiteren Weg berichten:

          „Jetzt hänge ich mich richtig rein.“

          „Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Polizistin werden. So richtig getraut habe ich mich aber zuerst nicht. Also habe ich ein Studium angefangen, denn an der Uni war das Bewerbungsverfahren viel einfacher, und die Anmeldung für die Polizei hatte ich schon verpasst. Ich startete mein Lehramtsstudium in den Fächern Philosophie und Französisch. Meine Eltern haben mich beraten, für mich war es der einfachste Weg. Nach acht Semestern habe ich dann aufgehört, kurz vor meiner Bachelorarbeit. Ziemlich spät also – und schade um die ganze Arbeit. Aber ich habe mich während des Studiums ständig unwohl gefühlt: Alles war eintönig, und ich wusste, ich will lieber etwas Praxisnäheres machen. Außerdem wollte ich selbständiger und unabhängiger werden und mein eigenes Geld verdienen. Irgendwann habe ich mir kaum noch Mühe gegeben, da hätte ich eigentlich schon wissen müssen, dass es definitiv nicht das Richtige ist. Nach acht Semestern war ich im Fach Französisch bei meinem dritten Versuch – wäre der gescheitert, wäre ich exmatrikuliert worden.

          Ein Plan B musste her. Ich bewarb mich bei der Polizei, habe aber nicht damit gerechnet, dass das etwas wird. Der Bewerbungsprozess dauert drei Tage und ist ziemlich hart. Aber es hat sich gelohnt: Ich wurde angenommen und war mir sicher, dass ich bei der Polizei zeigen konnte, dass viel mehr in mir steckte. Die Reaktionen aus meinem Umfeld waren anfangs nicht so motivierend. Alle waren erst mal geschockt, und vor allem mein Vater war enttäuscht. Er war so stolz und hat immer damit geprahlt, dass seine Tochter Lehrerin wird. Sogar von meiner Ärztin bekam ich zu hören: ,Mach dein Studium besser erst mal fertig.‘ Das hat sich aber mittlerweile geändert. Seit September mache ich das duale Studium bei der Polizei NRW. Es macht mir unglaublich viel Spaß, und ich finde es im Gegensatz zum Lehramt richtig interessant. Früher habe ich vieles schleifenlassen, jetzt hänge ich mich richtig rein. Das sehen auch meine Familie und Freunde, sie unterstützen mich und sind stolz, dass sich alles zum Guten gewendet hat.“

          Frederike Draht, 24 Jahre

          „Niemand muss sich schämen.“

          „Nachdem ich ein Jahr in Kambodscha Kinder in Englisch unterrichtet habe, wollte ich das Gleiche in Deutschland machen. Also schrieb ich mich in Bonn für Englisch und Philosophie auf Lehramt ein. Das erste Semester verlief super, da war noch alles aufregend und neu. Im zweiten fing es dann aber schon mit den schlechteren Noten an, und ich merkte: Irgendwie bin ich hier falsch. Ich hatte einfach zu viele Freiheiten. Es war schwer, alles selbst in die Hand zu nehmen und aus eigener Motivation heraus den Stoff abzuarbeiten. Ich hatte viel Freizeit und wusste nichts damit anzufangen. Außerdem war ich schon immer eher praktisch veranlagt und wollte nicht den ganzen Tag den Kopf in Bücher stecken. Während des zweiten Semesters merkte ich, dass ich feste, konkrete Aufgaben brauche, das Studium hat mir das nicht gegeben. Ich verlor mich in meiner Abwärtsspirale, schämte mich dafür und wollte meinen Gefühlszustand vor meiner Familie und meinen Freunden verstecken. Es war ein langer Prozess, bis ich mir eingestanden habe, dass es so nicht weitergehen kann. Ein Freund half mir bei der Entscheidung. Er sprach mir Mut zu und überzeugte mich, dass es vergeudete Zeit wäre, das Studium fortzusetzen. Nach drei Semestern verließ ich die Uni.

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