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Studentische Wohnungsnot : Kommt, wir bauen uns ein Wohnheim!

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Studentengenossenschaften wie in Schlachtensee könnten eine Lösung sein, mit der sich Nachwuchsakademiker selbst aus der Misere helfen können, sagt Markus Mändle, Professor für Kooperationswesen an der Hochschule Nürtingen-Geislingen (HfWU). „Die heutigen Studentenwerke sind ja auch einmal aus solchen Selbsthilfe-Zusammenschlüssen von Studenten hervorgegangen, weil es an der nötigen Infrastruktur für Studenten um die Hochschulen herum fehlte“, sagt Mändle. Schließlich wurde die Versorgung der Studenten mit Wohnungen und anderen Dienstleistungen dann in die Hände der öffentlich-rechtlichen Studentenwerke gelegt und staatlich subventioniert. Wenn die Studentenwerke ihrer Aufgabe nun nicht mehr in ausreichendem Maße nachkommen, könnte der Druck mancherorts so groß werden, dass Studenten wieder auf Selbsthilfe zurückgreifen müssen, glaubt Mändle. Allerdings sei es schwierig, solche Initiativen wirklich zum Erfolg zu führen, warnt der Genossenschaftsexperte. Denn ein Wohnheim zu übernehmen oder gar neu zu bauen ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die Studenten häufig überfordere. „Da geht es um hohe Summen, um komplexe rechtliche Fragen. Man braucht Leute, die sich mit der Materie auskennen.“ Vor allem aber sei eine kritische Masse von engagierten Mitgliedern notwendig, die bereit sind, langfristig die Verantwortung für ein Projekt einer solchen Größenordnung zu übernehmen. „Für einen Studenten, der mit 18 oder 19 Jahren frisch von zu Hause ausgezogen ist und erst einmal Verantwortung für sich selbst übernehmen muss, ist das womöglich zu viel verlangt.“

Hilfe von Profis

So sieht das auch Andreas Barz, Vorstand der Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee eG. Die Rettung des Berliner Studentendorfs hätte kaum gelingen können, hätten sich die Studenten nicht Hilfe von Profis geholt, erklärt er. „Es ging schließlich um die stolze Summe von 25 Millionen Euro für Kauf und Sanierung.“ Als Student die Unterschrift unter Kaufverträge über mehrere Millionen Euro zu setzen hätte selbst dem engagiertesten Kämpfer für das Studentendorf den Angstschweiß auf die Stirn getrieben. Barz als gestandener Stadtplaner und Wirtschaftsingenieur übernahm gemeinsam mit Jens-Uwe Köhler, einem ehemaligen Bewohner des Dorfes, die Geschäftsführung der Genossenschaft. Außerdem holten sie eine Schweizer Pensionskasse als Investor an Bord. „Man braucht für ein Projekt in einer solchen Größenordnung einen Partner mit dem nötigen Eigenkapital. Sonst bekommt man bei keiner Bank einen Kredit“, erklärt Barz. Der Investor unterstützt die Genossenschaft nun auch beim Bau des neuen Studentendorfs in Adlershof. „Das heißt aber nicht, dass die Bewohner nichts mehr zu sagen haben“, sagt der Genossenschaftschef. Die organisierten sich als studentische Selbstverwaltung, die an der Genossenschaft beteiligt ist - und lassen sich nicht leicht ignorieren: „Es hat in den vergangenen Jahren schon so manches Mal Reibereien zwischen uns und der Selbstverwaltung gegeben.“ Inzwischen arbeite man aber wieder gut zusammen. „Uns ist wichtig, dass sowohl in Schlachtensee als auch im neuen Studentendorf weiterhin die Bewohner das Leben aktiv gestalten und bei wichtigen Fragen mitentscheiden“, sagt Barz.

Im neuen Studentendorf soll deshalb, ebenso wie in Schlachtensee, jeder Bewohner die Möglichkeit bekommen, sich über Genossenschaftsanteile direkt am Wohnheimprojekt zu beteiligen. Rund 50 Euro kostet ein Genossenschaftsanteil. Wie viele Studenten tatsächlich zugreifen werden, ist allerdings fraglich. In Schlachtensee sind inzwischen nur noch zehn Prozent der Genossenschaftsmitglieder Dorfbewohner. „Die Bereitschaft der Studenten, sich für solche aufwendigen Projekte zu engagieren, nimmt merklich ab“, berichtet Barz. Vielen fehle wohl einfach die Zeit für Engagement jenseits des Studiums.

Tatsächlich sei es schwieriger geworden, neue Dorfbewohner für einen Posten in der Selbstverwaltung zu begeistern, bestätigt Erik Wegner. „Heute gibt es ja nicht mehr so einen starken Druck, sich zu engagieren. Als der Abriss drohte, war das natürlich anders. Das hat die Leute zusammengeschweißt.“ Viele der Studenten, die beim Anti-Abriss-Kampf dabei waren, unterstützen das Studentendorf bis heute - auch wenn sie schon lange nicht mehr dort wohnen und ihr Studium längst abgeschlossen haben. „Wir merken, dass gerade die jüngeren Studenten oft Angst davor haben, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Wegner. Mancher fürchte wohl, dass das Studium unter dem Engagement leide. „So ganz kann ich das nicht entkräften. Mein Studium musste auch oft hintanstehen, meinen Bachelor mache ich wahrscheinlich erst dieses Jahr.“ Also nach mehr als sechs Jahren. „Das bereue ich aber nicht. Ich habe durch den Vorstandsjob viel gelernt, vor allem auch Verantwortung zu übernehmen. Da stört mich das lange Studium nicht.“ Welcher Bachelor-Student könne schon von sich sagen, dass er bereits über Millionenbudgets mitentschieden habe?

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