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Studenten als Freiwillige : Ausflug in eine andere Welt

  • Aktualisiert am

Sarina Knittel in Tansania Bild: Privat

Ob vor dem Studium oder währenddessen: Freiwillige Helfer werden auf der ganzen Welt gebraucht. Die Erfahrungen im indischen Slum oder beim Erdbeben in Nicaragua sind oft einmalig - aber auch richtig hart. Vier Erfahrungsberichte.

          7 Min.

          Meine Motivation für ein freiwilliges Projekt in Tansania war die Liebe zu Afrika, die fremde Kultur, Lebensweise, Mentalität - und die Hoffnung, durch den Aufenthalt das Leben der Kinder und auch mein Leben ein wenig zu verändern. Über „Volunation“ habe ich das passende Projekt gefunden, eine Schule in Tansania, die „East African Orphanage“. Es gibt fünf Klassen, ich habe die „Preparatory Class“ unterrichtet, 13 Kinder im Alter von sieben bis zehn Jahren. Da die Schule nur durch freiwillige Helfer bestehen kann, hat man schon am ersten Tag gemerkt, wie sehr Hilfe gebraucht wird. Zum Beispiel hatte die Klasse, bevor ich kam, für längere Zeit keinen Lehrer, da nicht genügend Freiwillige dort waren.

          Die Freiwilligen, die da waren, haben viel zusammen unternommen, wir waren zum Beispiel bei Massai, und wer wollte, konnte Ziegenblut - ein Hauptnahrungsmittel - trinken oder sich eine Brandmarke machen lassen. Was ich natürlich beides getan habe. Wenn es am Wochenende zu heiß war, haben wir unsere Sachen gepackt und gegen kleines Geld den Tag an einem Hotelpool verbracht, Cafés oder heimische Märkte besucht. Klar, dass die meisten auch eine Safari mitgemacht haben. Meine ging drei Tage durch den Tarangire-Nationalpark, den Ngorongoro-Krater und den Lake-Manyara-Nationalpark und fünf Tage durch die Serengeti. Durch einige Spenden haben wir zum Glück auch den Kindern einen Tagesausflug als Überraschung ermöglichen können. Wir haben zwei Dalla-Dallas, Minibusse also, gemietet, und sind zu einem Spielplatz gefahren - er gehörte zu einem Hotel und kostete für jedes Kind umgerechnet 2,50 Euro Eintritt. Die meisten Kinder hatten so etwas vermutlich noch nie zuvor gesehen. Entsprechend groß und funkelnd waren die Augen.

          Tansania unterscheidet sich erheblich von zu Hause. Es ist nicht nur das Essen, der rasante Linksverkehr, die Sprache, die Verkaufsstrategien, die Kleidung, die Häuser, die Währung. Am meisten unterscheidet sich die Mentalität: An meinem ersten Tag in der Schule sind sofort Kinder auf mich zu gerannt, haben mich umarmt, sich an mich gehängt. Ich dachte, dass sich das ändern würde, wenn man erst mal länger dort ist - aber das tat es nicht. Gott sei Dank. Ich bekam jeden Tag eine gebührende Begrüßung und Verabschiedung, was manchmal zehn Minuten dauern konnte. Eine andere Erfahrung habe ich im Dalla-Dalla gemacht: Da sie oftmals überfüllt und eng sind, ist es für Frauen mit Kindern oder Waren und Einkaufstüten schwierig, einzusteigen und einen Sitzplatz zu finden. Deshalb helfen die Menschen sich gegenseitig. Steigt eine Frau mit Kind ein, schnappt sich ein Passagier das Kind und setzt es während der Fahrt auf seinen Schoß. Genauso mit den Waren. Der Zusammenhalt ist wahnsinnig groß. Sich von fremden Menschen so helfen zu lassen und dabei keine Sorgen zu haben - das wäre in Deutschland unvorstellbar. Außerdem muss man dort mit der „African time“ leben, das heißt, man sollte, was die Uhrzeit angeht, nicht zu pingelig sein. Dafür gibt es keine Hektik, denn jeder macht seine Arbeit gemütlich und „pole pole“ (langsam, langsam). Auch das Verzeihen fällt leichter. Macht man etwas kaputt oder versäumt etwas, bekommt man als Antwort auf die ausgiebige Entschuldigung nur ein einfaches „Hakuna Matata“ (kein Problem). Ich habe es genossen.

          Sarina Knittel, 20 Jahre, aus Heimertingen

          Wilde Jungs, laute Mädchen

          Warum Marokko? Arabische Länder haben mich schon immer fasziniert. Und weil mich Religionen interessieren, war für mich die Begegnung mit dem Islam wichtig. Marokko war also perfekt. Zunächst habe ich in einem Waisenhaus gearbeitet, dort gab es eine Abteilung für körperlich und geistig Behinderte und für nichtbehinderte Kinder. Die meiste Zeit aber war ich an einer Schule, um Englisch zu unterrichten, dieses Projekt war wie geschaffen für mich, da ich später Lehrer werden möchte.

          Arsenij Zakharov
          Arsenij Zakharov : Bild: Privat

          In Marokko gibt es wenige Englischlehrer, da nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung diese Sprache beherrscht. Die Angestellten der Schule waren also höchst erfreut, dass sich jemand bereit erklärte zu helfen. So behandelten sie einen dann auch. In meiner Klasse hatte ich etwa 15 Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren, aber keine Jungs. Es hieß, die seien zu wild und brauchten strenge Lehrer. Tatsächlich ist es so, dass man marokkanische Schulen mit deutschen kaum vergleichen kann. Der Unterricht sieht meistens so aus, dass die Lehrer etwas diktieren und die Schüler alles aufschreiben und lernen müssen. Umso erstaunlicher war es für die Mädchen, als ich sie in den Unterricht einbezog, wie ich es aus meiner Schulzeit kannte. Die offene Art des Unterrichts und meine mangelnde Strenge nutzten die Mädels aber auch aus. Sie waren oft sehr laut, und die Hälfte verschwand nach den ersten beiden Stunden, weil sie dachten, dass das keine Konsequenzen haben würde. Die Schulverwaltung ahnte das jedoch und bat mich, vor jeder Stunde die Anwesenheit zu prüfen. Was aus den Schwänzerinnen geworden ist, weiß ich nicht.

          In meiner Gastfamilie war alles top, aber eine spezielle Freundschaft entwickelte ich zu einer anderen Gastfamilie, obwohl ich dort gar nicht lebte. Der Vater war ehemaliger Fußballspieler, und wir kamen bei einem Besuch ins Gespräch. Wir verstanden uns sehr gut, so dass er mir ermöglichte, mit ihm ins Stadion zu gehen, um mit seinen Freunden Fußball zu spielen, und zahlreiche europäische Spiele bei ihm zu Hause zu gucken. Er behandelte mich wie einen Freund, obwohl wir uns nur kurz kannten und ich mindestens zwanzig Jahre jünger war als er. An meinem Abreisetag brachte er mich frühmorgens auch zum Flughafen.

          Marokko hat eine ziemlich moderne und gut entwickelte Infrastruktur, am besten reist man in die größeren Gebiete mit dem Zug. Die Züge sind sehr modern und die Preise überschaubar. Casablanca liegt nur etwa 50 Minuten vom Standort Rabat entfernt, Marrakesch mit 4,5 Stunden schon etwas länger. Ich empfehle jedem, eine Südostmarokko-Tour aus Marrakesch zu buchen. Sie lässt sich für 80 Euro in fast jedem Reisebüro vor Ort buchen - ein unbeschreibliches Highlight.

          Arsenij Zakharov, 22 Jahre, aus Köln

          Schlafen auf dem Vulkan

          Mehr als 5000 Studiengänge, Ausbildung, Praktika im In- oder Ausland - das ist die überwältigende Vielfalt an Optionen, vor die man im letzten Schuljahr gestellt wird. Mindestens genauso erdrückend wie der Klausurenplan des Abiturs ist diese Zukunftsfrage, immer präsent durch die Flut von Infobroschüren, die sich auf dem Schreibtisch stapelt. Meine Lösung: ein Freiwilligendienst mit „Weltwärts“, dem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderten Auslandsprogramm. Ich bewarb mich bei „Volunta“, der größten Entsendeorganisation, und wurde für einen Einsatzplatz in Nicaragua in einem Straßenkinderprojekt angenommen.

          Luise Leithäuser
          Luise Leithäuser : Bild: Privat

          Nicaragua: so viele Einwohner wie Berlin, in Zentralamerika liegend, Costa Rica und Honduras als Nachbarländer, eingerahmt zwischen Atlantik und Pazifik. Mein neues Zuhause für ein Jahr. Dieses Jahr ist inzwischen auf sechs Wochen geschrumpft, und ich glaube, noch nie zuvor habe ich in meinem Leben so viel Neues und Aufregendes erlebt. Ich habe auf einem Vulkan übernachtet, Babyschildkröten ins Meer gesetzt, erfolgreiche Schnorchel- und weniger erfolgreiche Surfversuche unternommen, exotische Früchte wie Jocotes, Guanábana und Marmones probiert, versucht, meinen Projektkindern mit anfangs sehr holprigem Spanisch schriftliches Dividieren beizubringen und ihnen zu erklären, was Schnee ist.

          45 Prozent der Bevölkerung Nicaraguas sind arbeitslos und leben von zwei Dollar am Tag. Doch die Armut hat den Menschen nicht ihre Fröhlichkeit genommen. So strahlen mich jeden Tag meine Projektkinder an, schlingen ihre dünnen Arme um mich zur Begrüßung, bevor wir anfangen mit den Hausaufgaben, Workshops, Sport, Tanz, Theater oder Musik. Dieses Projekt versucht den Kindern, die alle ehemalige Straßenverkäufer waren und schon als Zehnjährige arbeiteten, einen Ort zu geben, wo sie wirklich Kind sein dürfen.

          Neben den abenteuerlichen und schönen Erfahrungen, gab es auch Momente, die mich an meine Grenzen gehen ließen: ein Erdbeben, Tage ohne Strom und Wasser, das Leben in einer Wellblechhütte, die 40 Grad Hitze der Trockenzeit. Hier, im nach Haiti ärmsten Land Lateinamerikas, sind die Straßenbilder geprägt von barfüßigen Kindern, die nicht in die Schule gehen, weil sie die Tomaten verkaufen müssen, die in Plastiktüten über ihren Schultern hängen. In einer Straße stehen löchrige Hütten dicht aneinandergedrängt, in der nächsten ragen hohe Zäune, geschützt von Sicherheitsleuten und Überwachungskameras, hinter denen sich die Wohnanlagen der wenigen Reichen befinden.

          Dieser Freiwilligendienst war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können, denn trotz des turbulenten Lebens hatte ich ausreichend Zeit, meine Zukunftsfragen zu beantworten, habe ungefähr zehn Jahre an Lebenserfahrung gewonnen, viele Kinder in mein Herz geschlossen und natürlich tausend schöne Fotos gemacht.

          Luise Leithäuser, 19 Jahre, aus Berlin

          Kleines Glück im großen Slum

          Während meines Einsatzes habe ich in einer Schule gearbeitet, die in den Slums von Delhi liegt. Ich war zwar schon mit der Arbeit mit Kindern vertraut, wollte aber eine neue Erfahrung im Bereich sozialer Arbeit sammeln. Es ging vor Ort darum, den älteren Jungs morgens Deutsch, Englisch und Mathe beizubringen und nachmittags mit den kleineren Kindern zu spielen und ihnen einige englische Wörter zu vermitteln. Ich wollte auch einen direkten Vergleich zwischen Kindern im Ausland und denen in Deutschland haben (die so gut wie alles als selbstverständlich ansehen). Aber mein Ziel war natürlich auch deshalb attraktiv, weil ich als Student etwas aufs Geld achten musste - und Indien ein extrem günstiges Land ist.

          Maximilian Baum
          Maximilian Baum : Bild: Privat

          Mein beeindruckendstes Erlebnis hatte ich dabei schon am ersten Arbeitstag. Da ich nie zuvor einen Slum gesehen hatte, war ich zuerst geschockt, in welchen Verhältnissen die Menschen dort leben müssen. Nach einiger Zeit war ich aber auch begeistert, wie glücklich und zufrieden die Menschen waren. Ich hatte vorher einige Erfahrungsberichte gelesen und deshalb Gastgeschenke aus Deutschland dabei: vor allem Buntstifte, Radiergummis, Zeichenblöcke. Das schönste Erlebnis war es dann, zu sehen, wie Kinder Tränen in den Augen hatten, nachdem ich ihnen diese einfachen Geschenke überreicht hatte. Was ich durch dieses und andere Erlebnisse gelernt habe? Dass wir Glück haben, in einem so sauberen und geregelten Land wie Deutschland leben zu dürfen; dass man das Leben aber auch mit mehr Freude sehen kann; dass wir Deutschen ein doch eher mürrisches Volk sind und eigentlich stolz sein können auf das, was wir alles aufgebaut haben.

          Indien ist mit Deutschland natürlich nicht zu vergleichen. Es fängt bei der Arbeit an: Obwohl die meisten Inder so gut wie jeden Tag in der Woche arbeiten, haben sie immer ein Lächeln im Gesicht. Den größten Unterschied findet man allerdings im Umgang zwischen Männern und Frauen. Für Inder ist es ein Tabu, in irgendeiner Art und Weise Zuneigung zu einer Frau in der Öffentlichkeit zu zeigen. Dagegen ist es für sie normal, wenn Männer untereinander Händchen halten. Man sollte sich aber komplett auf dieses Land einlassen und alles vergessen, was man im Fernsehen und Internet über Indien erfährt. Obwohl man bei uns immer nur vom Leid und von der Armut in den Slums hört, merkt man vor Ort, wie glücklich die Menschen speziell in den ärmeren Gebieten Indiens sind. Und: Auch wenn man über die Größe und Fülle Indiens zuerst erschrocken ist, sollte man den Mut nicht verlieren.

          Anfangs habe ich noch unter großem Heimweh gelitten. Aber zum Schluss ist es mir wirklich schwergefallen, nach Hause zurückzufahren. In den vier Wochen, die ich in Indien war, habe ich wundervolle Menschen kennengelernt, und ich muss jeden Tag an die unglaublich talentierten Kinder dort denken. Aber auch wenn mir die Heimreise schwergefallen ist, bin ich trotzdem froh, wieder in meinem gewohnten Umfeld zu sein - da ich nun weiß, was ich an ihm habe.

          Maximilian Baum, 24 Jahre, aus Bonn

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