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Studenten als Diplomaten : Die Anwälte der Jugend

  • -Aktualisiert am

Emily May Büning und Falko Mohrs Bild: Postel

Junge Leute und Politik, passt das wirklich nicht? Emily Büning und Falko Mohrs wollen´s wissen: Bevor sie als UN-Jugenddelegierte nach New York fliegen, tingeln sie 30.000 Kilometer durch Deutschland - als Botschafter der Demokratie.

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          Die Vorfreude steht Emily May Büning und Falko Mohrs ins Gesicht geschrieben: In ein paar Tagen, an diesen Freitag, haben sie ihren ersten großen Auftritt als neue deutsche UN-Jugenddelegierten. Die 23 Jahre alte Jura-Studentin und ihr ein Jahr älterer Kollege, der in Salzgitter und bei VW in Wolfsburg Transport- und Logistikmanagement studiert, sollen in diesem Jahr für mehr Beteiligung von Jugendlichen in der internationalen Politik sorgen. Höhepunkt ihrer Arbeit wird es sein, die gebündelten Wünsche, Ängste und Hoffnungen der deutschen Jugend in Reden vor den Diplomaten der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York vorzutragen. Seit 2005 schickt Deutschland dafür jährlich zwei junge Erwachsene nach Amerika.

          Doch bis zum Abflug nach New York im Oktober ist es noch ein weiter Weg. Den beiden neuen „Anwälten der Jugendlichen“, wie sie selbst sich nennen, ist davor nicht bange. Im Gegenteil. Sie wirken stolz darauf, aus dem vierstufigen Auswahlverfahren mit etwa 80 Bewerbern ausgewählt worden zu sein; froh aber auch über die große Verantwortung und die Chance, die dringenden Probleme auf der Welt, den Klimawandel oder die Eindämmung von Aids etwa, wirklich anpacken zu können. Um die Interessen und Wünsche der Jugendlichen zu erfassen, machen sie nun eine Tour durch Deutschlands Schulen, Vereine, Unternehmen und Gewerkschaftshäuser. Etwa 30 000 Kilometer Fahrtweg und 60 Stationen in Groß- und Kleinstädten warten auf sie, unterstützt werden sie dabei von einem Team aus sechs meist ehrenamtlichen Mitarbeitern. Der Startschuss fällt nun in Regensburg, wo sie in eine Schule gehen, danach einen Termin bei der Sportjugend haben und eine Pressekonferenz geben wollen.

          „So viele Termine wie möglich“

          Angst vor zu viel unentgeltlicher Arbeit haben sie keine. „Wir nehmen so viele Termine wahr wie möglich, wollen am liebsten überall sein“, versichert Emily Büning, die gerade ihr erstes Staatsexamen an der Bucerius Law School in Hamburg hinter sich gebracht hat. Falko Mohrs nickt dazu. Die beiden kennen sich erst seit ein paar Wochen, harmonieren aber schon, sprechen wie mit einer Zunge: „Wir wollen Begeisterung für Partizipation schaffen.“ Das könne auch auf kommunaler Ebene passieren, sagt Büning. Jugendlichen solle klargemacht werden, dass jeder „etwas gestalten“ und Dinge verändern könne. „Sie müssen bei allen Fragen gehört, in Entscheidungen einbezogen werden. Es bringt nichts, Programme zu entwerfen, die nicht bei den Jugendlichen ankommen.“ Und bei jeder Diskussion, das versprechen Büning und Mohrs, wollen sie nun wiederholen: „Halt! Was ist mit den Jugendlichen?“

          Wie spricht man eigentlich mit Diplomaten?

          Dabei wollen sie einerseits Menschen aus allen Schichten hören, eher bildungsferne Jugendlich auch bei einer Partie Billard im Jugendzentrum überzeugen – und Berührungsängste vor den Vereinten Nationen abbauen helfen. „Sie hat eine große Bedeutung für jeden Einzelnen“, sagt Büning. Andererseits werden sie und Mohrs das Auswärtige Amt und das Bundesfamilienministerium, die auch an der Auswahl der Delegierten beteiligt waren, beraten, wenn es um die Ziele und Forderungen der Jugend, um Bildung und den Arbeitsmarkt geht.

          Bevor die beiden Delegierten in New York hochrangige Diplomaten und Politiker aus aller Welt treffen, an Ausschusssitzungen, informellen Gesprächen und Empfängen teilnehmen, werden sie geschult. In „Lobbying Coaching“ zum Beispiel, um zu lernen, „wie man in Gesprächen mit Diplomaten auftritt“, erklärt Mohrs. Außerdem profitierten sie von den Erfahrungen ihrer Vorgänger: Einige haben sie in den Auswahlgesprächen kennen gelernt, Fragen werden auch per Telefonkonferenz geklärt. „Das Netzwerk und der Austausch funktionieren gut.“

          Die Vereinten Nationen, eine andere Hausnummer

          Falko Mohrs war schon bei Volkswagen Gründer und Sprecher des Jugendparlaments; Büning engagiert sich bei der Grünen Jugend auf Landes- und Bundesebene. Eine fünfminütige Rede vor dem Parlament der Vereinten Nationen, das ist eine andere Hausnummer. Für diesen großen Auftritt werden Inhalte und Sprachgebrauch deshalb vorher mit den Trägern des Projekts, dem Deutschen Nationalkomitee für internationale Jugendarbeit (DNK) und der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) abgestimmt, die ihrerseits wiederum vom Auswärtigen Amt und dem Sozialministerium unterstützt werden.

          „Wir müssen unser Denken nicht abgeben“, sagt Mohrs dazu. Unüberlegte Aussagen könnten aber für Verstimmung sorgen. „Meine Rolle als Jugenddelegierte ist es nicht, meine politische Meinung einzubringen“, betont Büning. Um von den versammelten Diplomaten ernst genommen zu werden, das wissen beide, müssen sie souverän auftreten und qualifizierte Beiträge abliefern. Nur so werden sie vermeiden können, dass Sitzungsteilnehmer auch bei ihrer Rede so zu flachsen beginnen wie bei einem ihrer Vorgänger: Ein Video auf Youtube dokumentiert die peinliche Szene.

          Seit 1981 empfehlen die Vereinten Nationen ihren Mitgliedsstaaten, junge Menschen in ihre Delegationen aufzunehmen. Aber längst nicht alle der 192 Mitgliedsstaaten folgen dem Rat. „Im vergangenen Jahr taten es 16 Staaten, in manchen Jahren davor waren es schon mehr als 30“, sagt Büning. Dabei sollen die Jugendlichen laut UN selbst darauf poche, dass ihre Heimat sie einbindet; wie dies geschieht, ist Sache der einzelnen Staaten.

          Demokratisierung, Armutsbekämpfung und Abrüstung, das sind die „Milleniums-Ziele der UN-Generalversammlung. Ob sie sich, wie geplant, bis 2015 erreichen lassen – noch dazu in einer Zeit, in der sich junge Menschen in Deutschland Umfragen zufolge so wenig für Politik interessieren wie noch nie? Die beiden deutschen Jugenddelegierten schmunzeln, wieder sind sie sich einig. „Es ist machbar – aber nicht in der Zeit.“ Aber dann gleichen sie die verhaltene Einschätzung mit einer Parole der Achtundsechziger aus: „Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche.“

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